DER   WEG   IN  DIE  FREIHEIT





 
 




Wenn du nicht zufrieden bist mit dem, was läuft, dann paß jetzt auf. Ich will versuchen zu beschreiben wodurch es sich ändert.

Seit je her hat es Methoden gegeben, durch die Menschen ihren Weg gefunden haben, aber immer wieder haben die Menschen vergessen, daß diese Methoden - so geheiligt ihre Tradition auch sein mag - nur Hilfen sind und nicht der Weg selber. Und so sind diese Methoden und die Religionen, die sie verwenden, in Verruf gekommen. Die Menschen, die für sich den Weg gefunden haben, haben immer versucht, den anderen mitzuteilen, worauf es dabei ankommt, aber für die Mitteilung brauchten sie Begriffe und diese Begriffe erstarren zu Vorurteilen.

Deshalb muß das Wesentliche zu jeder Zeit neu gesagt werden. So ist das bisher immer geschehen. Und auch wir müssen es wieder versuchen, das Alte mit dem Neuen verbinden, gewissermaßen einen neuen "Islam" beschreiben, ein neues Christentum, das heutige Tao, die Möglichkeit eines Lebens der Hingabe am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

Heute stehen uns Erfahrungen zur Verfügung, zu denen in früheren Zeiten kaum jemand Zugang hatte: die Ergebnisse der psychologischen Forschung von Freud bis Milton Erickson und Stan Grof, viele alte und neue psychologische Techniken, das Wissen der mystischen Schulen von Alt-Ägypten bis Castaneda, die Wege der Religionen und Sekten, das Beispiel der Stars. Und all das spiegelt sich in unserem eigenen "heiligen Krieg" (arab. "dschihad" = "ernsthafte Bemühung"). Im Grunde sind wir alle Krieger, stehen alle im Kampf. Doch viele von uns wissen meist nicht mehr, woher das kommt, noch, wohin das führen soll. Manche wehren sich dagegen, andere werden "Stammväter" einer neuen, höheren "Spezies", nämlich derer, die wissen, was es mit dem Leben auf sich hat; und es gibt keinen Zweifel darüber, wer von den beiden ein besseres Leben hat. Die biblischen Stammväter aller Religionen jedenfalls wußten sich getragen von einer ungeheuren Kraft, die sie als die Kraft Gottes, die Kraft des Universums erlebten. Sie lebten nicht für theologische Spekulationen. Ihr "Leben nach dem Tod" galt dem Hier und Jetzt. Sie haben das Himmelreich zu Lebzeiten erfahren, es erkämpft. Die Menschen fallen auf alles Mögliche herein, doch der Himmel besteht nicht in Ansehen, Geld oder Frauen, sondern eben im Erleben dieser Kraft, dieses Fließens, dieses Getragen-Werdens in der Kraft, der Kraft, die über all diese verschiedenen Stufen der Verdichtung unsere Form gefunden hat. Und alle, die dieses Leben führen, haben geglaubt, gewußt, daß alle das können. Deshalb haben sie ihre Erfahrungen mitgeteilt, um damit den zum Tod Verurteilten Hoffnung und neues Leben zu geben.

Möchtest du an Krebs sterben? "Wo ist die Botschaft, die uns heilt?" schreien die Leute auch heute. Aber bei anderen suchen sie sie vergeblich. Die Hilfe ist bereits da. Wir brauchen sie nirgends suchen. Sie ist nicht nur in Jesus Mensch geworden. Sie ist, was der Mensch geworden ist. Sie ist das Grundprinzip. Diese bewegende Kraft in uns hat uns so konstruiert, daß wir ihr den Weg bahnen. Unser "Ich" ist der Vorläufer, unser "Johannes der Täufer", der abnehmen muß, damit die Kraft in uns, der Vater, zunehmen kann. Und so erhalten wir eine lebendige, gegenwärtige Sicht davon, was früher für die Menschen "Jesus" und "Gott" bedeutet hat.

Das ist kein Pantheismus, denn das Ich, das dem großen Strom entfremdet ist, ist der Widersacher. Wer sich sträubt gegen den Strom, wird erfaßt von seinen Wirbeln und ersäuft. Was ist das Motiv für den Abfall? Wenn wir keine Aussicht haben, daß wir unser Ziel noch erreichen, wenn wir verzweifeln an der Führung, wenn wir den Glauben verlieren, der der einzige Glaube ist, der von jedem Wesen verlangt ist, und der unter Todesstrafe nicht aufgegeben werden darf. Es ist der Glaube an die Führung, das "sich. geführt wissen". Wer ihn verliert, stirbt. Die Kraft saugt ihn auf, nicht als Strafe, sondern weil sie durch ihn nicht zum Ziel kommen kann. Das Ziel heißt vorwärts, immer weiter! Die .Moslems sagen "allahu akbar", "Gott ist größer!". Die sich sperren ruinieren sich selbst. Natürlich ist ihre Weigerung auch eine "göttliche" Wirkung, aber sie ist nicht "Gott"; "Gott" ist vielmehr der, der die Zerstörung des untauglichen Vehikels bewirkt; einer seiner vielen Formen nämlich wird es zur Nahrung und damit eine Warnung an die Nachwelt. So ist der Pantheismus aufgehoben und ein "Islam" eingeführt (arab. = Hingabe), also ein Weg der Hingabe, auf dem ein Mensch, der im Fluß lebt, sagen kann: "Da ist nichts als Allah unter meinem Gewand" (AI Ghazali). Was mehr braucht es zur Erklärung des höchsten Prinzips? So ist die Welt.

Aber wie erreichen wir ewiges Leben? Die Mediziner debattieren über die Möglichkeit physischer Unsterblichkeit, aber ob wir das noch erleben werden? Und wenn wir es erreichen könnten, würde es uns auch freuen? In welcher Bedeutung wir "ewiges Leben" auch verstehen, so viel steht fest: Wir können das ewige Leben nicht erleben, wenn wir uns sperren. Das Sich-Öffnen dieser Kraft gegenüber hat natürlich auch seine Gefahren, wie wir von den Lebensgeschichten der Heiligen und der Helden wissen. Aber es ist der einzige Weg, Schritt für Schritt, immer weniger Tabus, immer weniger Gewohnheiten, mehr und mehr das spontane Bedürfnis. Aber wird das nicht barbarisch sein, werden wir nicht zurückfallen in die Steinzeit? Nein, denn auch unsere Zivilisation ist ein Ergebnis unserer Natur und von der wollen und können wir keine Facette verleugnen. Wir wollen nicht aussteigen, sondern einsteigen, nicht ausbrechen, sondern den Fluß in uns fließen lassen.

Die sich sperren gegen den Fluß, erzeugen Entfremdung. Sie wollen die Materie, die Welt beherrschen, sie wollen ihre Sicherheit berechnen, sie tun, was sie tun, aus einem Vorurteil, weil ihnen das Vertrauen auf die Einsicht des Augenblicks fehlt. Natürlich können sie mit einer Schematik der Wirklichkeit nie gerecht werden. So sehr sich die moderne Wissenschaft auch assymptotisch der Wirklichkeit annähert, die Berechnung trifft sich mit ihr erst im Unendlichen. Es gibt nur einen unmittelbaren Weg: Es tun.

Do it! Hör auf zu jammern und zu kritisieren. Tu es! Stell deinen Standpunkt dem anderen entgegen, daß die Lebenskraft herauskommt - also nicht theoretisch, sondern praktisch. Alle Theorie ist grau, das Leben in ihr ist zerhackt oder es ersetzt sich durch Reden. Deshalb hilft es nur wenigen, esoterische Schriften zu studieren, zu meditieren usw. Das ist nicht das Leben. Das Leben hat eine andere Macht, unvergleichlich stärker als alle unsere "Willensstärke". Es zeigt uns immer wieder, daß unsere ehrgeizigen Wünsche nur Illusionen sind, wir müssen scheitern, solange wir ihm nicht entsprechen.

Aber was ist dieses Leben? Was ist dieser "Gott", dem wir gehorchen müssen? Was ist die heutige Religion? Das Leben ist ein Muster, eine Struktur, eine Form; die menschliche Form - wie man auch sagt: die menschliche Natur - in unserer speziellen Tönung.

Und gibt es einen Weg, diese Natur so weit freizulegen, daß es fließt? Wer sind die Propheten der neuen Religion? Mein Religionslehrer im Gymnasium hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß die Propheten singen, nicht reden. So habe ich mich auf die Suche nach diesen Sängern und ihren Liedern gemacht. Die Meßgesänge konnten doch wohl nicht gemeint sein. So oft es da auch heißt: "Singt dem Herrn ein neues Lied", wo sind die wirklich neuen Lieder, wo sind die wirklich neuen Propheten? Ich habe sie entdeckt im Soul, im Jazz, in der Rockmusik, sogar im Punk. Die Stars sind tatsächlich Propheten. Die neuen Mythen werden in Hollywood produziert, die neuen biblischen Epen finden sich auf den Bestsellerlisten der Verlagshäuser. Ein neues Bewußtsein ist aufgetaucht aus dem Morast des Entfremdeten. Es zeigt sich, daß nicht der Materialismus die Hauptsünde der heutigen Zeit ist, vielmehr ist das Problem heute wie eh und je das Vorurteil.

"Die Hölle, das sind die anderen", sagt Sartre. Und das Vorurteil kommt von den anderen. Wir werden gedrillt darin. Und unsere Angst vor Strafe beschert uns eine schematisierte Weltsicht, die dem flüssigen Leben nicht entspricht. Die Schematik entspringt der Vorsicht, der Sorge, dem Zweifel, dem Mißtrauen, der Verweigerung. Daraus besteht das "Ich", das alle Religionen und auch die psychologischen Techniken los werden wollen. Alle Sorge hält den Fluß auf. Sie schwächt die Lebenskraft. Umso mehr wir uns zurückhalten, umso dünner rieselt der Lebensstrom, bis er irgendwo ganz blockiert wird und wir sterben.

Castaneda nennt es "rollende Kraft", was belebt und umbringt, je nachdem man sich dieser Kraft zur Verfügung oder sich ihr entgegenstellt.

Castaneda geht über tausend Einweihungsstufen und erlebt mehr und mehr, was andere längst wußten, daß das der Weg, der Fluß, das Leben ist. Der Krieger nimmt es, wie es ist. Er tut zu aller Zeit nichts in der Welt lieber als das, was er gerade tut. Und deshalb tut er es gern und gut. Nur so werden wir Fehler vermeiden, nur so wird die Angst überflüssig, auf dem natürlichen Weg, nicht durch Achtsamkeit auf irgendwelche Regeln. Es gibt nur eine Regel: "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben" (das ist tatsächlich das erste Gebot der Bibel)."Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz" (Aleister Crowley). "Do it!" (die Botschaft der heutigen populären Musik). Such dir das Liebste, das Höchste. Los, geh auf den Pfad der Liebe. Da ist Energie. Da ist "das Feuer von innen" (Castaneda). Eckhart hat dieses Feuer "göttlicher Funke" genannt, aber es ist mehr wie ein Funke.

Wenn wir dieses Feuer in uns entdeckt haben, das unser Leben geformt hat, werden wir formlos; unser Ich verbrennt; die Kräfte, die uns determinieren, können uns von da an nicht mehr halten. Die "Mächte der Finsternis" werden kraftlos, weil jetzt nur noch ein Energiestrom existiert, der Strom der Gefühlsbeziehungen, eine tiefere Ebene der Wahrnehmung. Jetzt ist unser Wille kein Eigenwille mehr, sondern der "Befehl des Adlers" (Castaneda). Seine Intention ist der Lebensstrom. Der Mensch, der seine Intention gefunden hat, schwimmt sozusagen schneller als der Strom der determinierenden Kräfte. Er hat Abstand, denn er sieht das Ganze vom Ziel her, das ihn zieht. Er geht seinen Weg. Er und der Vater sind eins (Jesus).

Krankheiten entstehen im Gegensatz dazu, wenn einer sich als Opfer sieht, wenn einer sich entziehen will, wenn einer zweifelt, weil er Angst hat. Krampfhaftes Zurückhalten erzeugt Krebs. Die einzige Krebsvorsorge ist der Fluß. Die Liebe löst alle Bedenken, alle Hemmnisse, alle Beschwerden - aber nicht unbedingt lautlos - und bei denen, die sie allzulang zurückgehalten haben, vielleicht mit einer Explosion, die sie umbringt. Wenn aber die Hemmnisse einmal überwunden sind, dann fließt es von selber. Wir brauchen die Energie nicht erzeugen, wir brauchen nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, dann ist der Fluß da. "Goin' down to your river makes me shiver" (Labelle). Der große Fluß, ehrfurchtgebietendes Geheimnis, in jedem von uns: Wie sich die Strömungen in uns kreuzen. Und wie der Krieger fähig wird, sich auf alle Strömungs- und Wahrnehmungsbänder einzustellen und jedes einzelne in seinen tiefsten Tiefen zu sehen.

In diesen Strömungen und Wellen begegnen wir den "geistigen Mächten", Dämonen wie Engeln. Durch unser Assoziationsvermögen personifizieren sie sich symbolisch und erscheinen als Gestalten auf unserem Weg. In Wirklichkeit sind es nur Phantome, die uns schrecken und uns abhalten möchten davon, endlich das zu tun, was wir wollen. Sie erscheinen als Wirklichkeiten, aber indem wir ihre Gestalt durchschauen, können sie uns nichts anhaben ("Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß"). Natürlich gibt es auch Geister, die für uns uninteressant sind, die nichts bringen. Wir können auf alle möglichen Trips gehen. Solange wir in stereotypen Welten gefangen sind, sind wir in den Fängen dieser Geister. Man kann sie "Archetypen" nennen, wie Jung, aber das ist zu ungenau; die Strömungen sind viel diffiziler. Der ganze Prozeß jedoch, in dem wir uns von unseren Determinanden lösen, ist einfach der "Kampf mit Gott", den schon der biblische Jakob durchgemacht hat. Unsere Lebenskraft muß sich durchsetzen gegen alle Hindernisse, wie eine Blume, die durchbricht durch den Asphalt. Der Asphalt, das sind die Strömungen, die uns vereinnahmen und — von uns aus gesehen — hinunterziehen, verdrängen wollen. Die Schranken, die uns schrecken, sind Geister, Schemen, die wir selber, hypnotisiert, der Wirklichkeit gegenüberstellen. Wir erhoffen uns Schutz, aber wir verwirren uns damit, weil wir durch unsere Beschränkung Symptome erzeugen, die wir dann vertuschen möchten, weil sie beweisen, daß wir nicht eigentlich leben, sondern Sklaven sind: Wenn ich mich in Förmlichkeiten flüchte, mir eine Maske zulege, wähle ich sie nicht selber, sie wird mir von den anderen auf gezwungen, vor denen ich nicht unangenehm auffallen will, weil ich mir meiner Sache nicht sicher bin. Wie ganz anders ist da die freiwillig gewählte Maske des Schauspielers, die es ihm erlaubt, er selber zu sein - wie das Chamäleon sich bewußt anpaßt, um seine Fliegen zu fangen.

"Ich werde euch zu Menschenfischern machen" (Jesus).

Menschenfischer. Heute sind das die Stars. Ihre Produkte sind heiß begehrt. Ihre Skandalgeschichten füllen die Magazine. Sie wagen das Leben in seiner ganzen Bandbreite. Sie haben sich über die Schranken ihrer Angst erhoben. Die frohe Botschaft, daß wir sein dürfen, wie wir sind, wird schon längst ausgerufen für das "gemeine Volk", nur die Intellektuellen und die Mittelklasse sind sich zu fein für die Wahrheit.

Was zählt? Das Geld? Das Ansehen? Die Macht? Die Geborgenheit? Man muß sich schon faszinieren lassen, man muß durch alle Trips hindurchgehen, erst dann weiß man, daß es kein einzelner von ihnen ist, sondern der ganze Weg. Manche Angsthasen kennen diese Wahrheit schon vorher. Sie haben sie irgendwo gelesen. Und das gibt ihnen die Ausrede, daß sie es nicht für sich selber herausfinden müssen. Sie werden nie erfahren, was frei sein heißt. Wir müssen auf diese magischen Trips gehen, den Weg der Faszination. Genau das ist der Weg, den Castaneda beschreibt, das ist der Weg, den Odysseus gegangen ist. Erst hier erkennen wir mit unserem ganzen Sein, daß es nur eins gibt, das wichtig ist: begeistert zu sein, im Strom zu leben, aktiv die bestmögliche Situation herzustellen, nicht Opfer zu sein, sondern Täter, jedem das Seine zu geben, vom Reproduzieren bis zum Töten, das ganze Spektrum, nicht eine moralische Auswahl absoluter Gebote. Absolute Wahrheiten sind Lügen, es gibt keine absolute Wahrheit außer der einen: daß das Leben unkontrollierbar ist und unabsehbar und daß alles darin vorkommt. Deshalb gilt nichts immer und überall.

Wenn du die Wahrheit von etwas anhand einer Liste von Wahrheiten überprüfen willst, siehst du durch einen Filter und nicht wirklich. Die wirkliche Wahrheit steht in keinen Listen, sie ist in der Natur.

Gratia supponit naturam, die Gnade unterstützt die Natur. Wer seiner Natur folgt, dem hilft der sogenannte Zufall, er befindet sich am richtigen Ort zur richtigen Zeit. C. G. Jung nennt es "Synchronizität"; perfect timing, aus dieser Allwahrnehmung heraus, nicht aus einer berechneten, sondern aus der automatischen optimalen Reaktion auf die Situation, weil keine Tabus mehr hemmen. Wir sind frei, es fließen zu lassen. "Wie Wasser", sagen die Taoisten, geht der Weg; der Talgeist führt uns recht. Immer der Neigung nach, auf und ab, wie es dem Rhythmus der Natur entspricht, in alle Richtungen; im absoluten Vertrauen auf die "göttliche" Führung, die Führung durch unsere eigene Natur, durch die Form, die in uns durchbrechen möchte; es ist das Wesen selbst in unserer Gestalt. Es geht um die schönste Verwirklichung. Wir dürfen uns, also das Wesen, also "Gott", durch nichts einschüchtern lassen. Alle versuchen das nämlich, teils um auf unsere Kosten ihre Form durchzusetzen, teils weil sie selber das Leben vergessen haben und daher auch nicht wollen, daß jemand anderer lebt. Aber dieses Leben und kein anderes ist das ewige Leben. Das ewige Leben ist da, hier, jetzt; es ist der ewige Fluß, dieses große Wesen mit seinen Myriaden Facetten; ein jedes Wesen ein Gesicht Gottes, eine Ansicht, ein perfekter Spiegel der Welt. Und dieser Spiegel zeigt nicht nur angenehme Dinge, denn so manches wollen wir nicht sehen und auch an uns selber nicht akzeptieren. Aber die Natur läßt sich nicht ablehnen. Wenn es uns schon gelungen ist, etwas von uns effektiv zu verdrängen, dann schaut es uns von außen an, bis wir es zur Kenntnis genommen haben oder bis es uns umbringt.

Akzeptiere dich daher mit allen deinen Seiten und dann schau, daß du dein Leben in die Hand bekommst, damit du nicht länger getrieben wirst von Konventionen und "freundlichen" Lügen. Hör auf zu tun, was du nicht liebst! Es ist "widernatürliche Unzucht". Sag dir nicht "aber wenn das alle machen würden", du brauchst keine Angst haben, es machen nicht alle und wenn es alle machen würden, wie schön wäre dann unser Leben, nicht müde und fad, sondern spannend, total drin und total losgelöst von allen Zwängen. "Nichts als Allah unter meiner Kutte", kein Ehrgeiz mehr, keine Furcht, keine Verleugnung des Eigensten.

Aber ich kann nicht warten bis die Gesellschaft sich verändert hat oder bis wir sie verändert haben werden. Das läuft nicht so. Die Mächte, die die Geschichte bestimmen, sind nicht unter unserer Kontrolle. Wir sind in einer Strömung, die eben dort, wo sie ist, so ist, wie sie ist. Das ist die Ausgangsbasis. Und in der müssen wir lernen, uns zu bewegen. Wir brauchen die Welt nicht ändern, es genügt, wenn wir uns selber ändern. Damit ändert sich alles. Wir waren Opfer, jetzt sind wir es, die ihr Leben führen. Nur durch unser Beispiel werden die verbliebenen Opfer ermutigt werden, nicht indem wir ihnen "helfen" und sie damit tiefer in ihre Opferrolle verstricken.

Der Geist ist es, der zieht. Deshalb wirkt die Musik so stark. Während die Wahnsinnigen auf der einen Seite Raketen gegeneinander aufbauen, verbreiten die Massenmedien die alte Botschaft des Weges aus der Entfremdung in neuer Form. Die Spitzenprodukte aller Ebenen haben nur die eine Botschaft: Verbünde dich mit dem Wesen. Do it! Sei der Energiekanal, der das größte Entzücken verbreitet. Und das war seit je her die Botschaft der Stars: "Mohammed (der Prophet) heißt auf deutsch "der, dem man dankt". Nach islamischer Lehre ist Mohammed das erste Geschöpf; der, dem man dankt, ist das erste Geschöpf. Und Luzifer fiel ab vom Wesen, indem er sich weigerte, vor dem Menschen niederzufallen und ihn anzubeten. Heute werden diese Dinge natürlich anders ausgedrückt, aber die Botschaft der heutigen Propheten ist die gleiche: Wie Jesus in der Bergpredigt fordern sie ein Leben ohne Form, ein Leben im Fluß. Kein Zurück.

Im Gegensatz dazu haben die Menschen tausend Methoden, das Übel abzuwehren, aber keine führt zum Ziel, denn das letzte Übel ist die Methode selbst, die letzte Barriere, das letzte Schema, der letzte Filter durch den wir die Wirklichkeit betrachten. Das drohende Übel, das abgewendet werden soll, ist in Wirklichkeit die treibende Kraft. Deshalb sagt Jesus "widersteht nicht dem Bösen". Wenn wir das Übel ausrotten könnten, käme alles zum Stillstand. Wir alle haben das Übel in uns, die dunkle Seite, den Schatten. Wenn wir ihn zudecken und verleugnen, begegnet er uns von außen. Der einzige Weg ist ihn anzunehmen und mit ihm die großartige Chance, die in ihm liegt, diese Kraftreserven. Unser Schatten ist der Teil von uns, der uns Respekt verschaffen kann. Er ist eine Quelle der Schöpferkraft. Er ist unser Verbündeter, der für uns kämpft, wenn es nötig wird. Und erst wenn wir ihn akzeptieren, können wir auch die anderen Menschen voll akzeptieren und mit ihnen etwas anfangen. Und nun ist das Problem gelöst, das wir im Anfang bekämpft haben. Das Übel ist in seine echte Funktion eingesetzt, unsere dunkle Seite gibt jedem Angriff gegen unsere Form die entsprechende Antwort automatisch. Das wirkt. Berechnete Güte hat niemals diese vitale Kraft.

Aber auch eine Krankheit wird erzeugt von unserem Schatten, der uns ein Zeichen gibt, das uns aufmerksam macht auf ein vitales Bedürfnis, das wir vernachlässigt haben. Und dieser Schatten verwandelt sich in unseren (gnädigen) Tod, wenn wir ihn nicht annehmen als einen wertvollen Anteil an uns selbst. Durch die Verdrängung ist das Leben viel weniger lebenswert, denn wir verbrauchen unsere Energie, indem wir uns selber bekämpfen. Deshalb verwandelt unser Respekt vor dem Schatten die Welt. Nun sind wir nicht mehr gespalten, sondern ganz, nicht mehr Opfer, sondern Ausdruck der Lebenskraft. Da wir jetzt der Wirklichkeit unverhüllt ins Auge schauen können (die alte biblische Behauptung, niemand könne Gottes Angesicht schauen und es überleben, spricht nicht vom physischen Tod, sondern vom Ich-Tod) können wir unsere Bestimmung erfüllen. Jetzt haben wir die nötige Demut zu sehen, was wir sind: ein Wesen, das reich beschenkt ist mit Gaben, das aber aus sich nichts tun kann. Wir sehen: Die schönsten Werke der Kunst und der Kultur sind nicht die Produkte der Künstler. Die Künstler haben sie nur entdeckt. Die Form lag in der Luft, der Zeitgeist hat es ihnen diktiert. Sie waren nur ausführendes Instrument. "Wenn ich meine Worte spreche, sind sie nicht wahr", hat Jesus gesagt. Ich muß dem Geist meine Stimme geben, dann ist mein Werk schöpferisch - aber nie absolut. Der Geist ist immer bezogen auf die Situation.

Man kann keine Regeln finden, die alles umfassen. Durch jede Regel werden die Möglichkeiten eingeschränkt. Das Bedürfnis nach den unerlaubten Dingen muß verdrängt werden. Oft verlangt die Situation den Bruch einer sonst auch noch so guten Regel. Und das feine Gespür für diese Situationen läßt sich nicht erlernen durch Regeln, das ist auch allen Religionen klar: Im Koran ist es al Khidr, der Grüne, also die Natur, als unbekannter Lehrer des Mose. Und Jesus hat klar vorexerziert, wie relativ die Regeln sind. Und dafür ist er umgebracht worden. Vielen, die das zeigen wollten, ist es so ergangen. Im Gegensatz dazu stehen die Fälle, wo Menschen um einer Idee willen in den Tod gehen, denn die Idee ist nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, ein Schema, das allen Tod bringt, auf die es nicht paßt. Und zu dem sind die meisten Religionen hin und wieder geworden.

Das totale Leben ist ein Leben ohne Schema. Da regelt die Vernunft die konkreten Probleme, indem sie die beteiligten Interessen miteinander vergleicht. Die natürliche Intelligenz findet spontan salomonische Lösungen. Die Annahme des Schattens, den die Ideologen bekämpfen, bringt eine tiefe Einsicht in die Relativität der Wirklichkeit, die alle Blockaden löst, sodaß die Intelligenz frei fließen kann. Das Problem ist nicht "der Kopf", die Vernunft, sondern die Blockierung der Vernunft durch ein Denkschema, durch Eigensinn.

Eigensinn ist ein Widerspruch, eine Angst, ein Mißtrauen, ein Vorurteil über das, was gut ist. Dabei ist nur eines unüberbietbar gut: Losgelöstheit von allem durch Vertrauen auf die Lebenskraft, die alles zur rechten Zeit bietet, die sich selber heilt. Durch unseren Eigenwillen können wir uns nicht heilen. Und der gängige Heilungswille der Patienten ist gewöhnlich nur das Bedürfnis, das Symptom los zu werden, anstatt es als das Zeichen zu sehen, das es ist, und darauf entsprechend zu reagieren, dem Anspruch gerecht zu werden, den unser verdrängter Teil an uns stellt. Deshalb laufen Menschen jahrelang zu Ärzten und es ändert sich nichts. Sie müßten sich ihr Problem einmal genau ansehen.

Der Schmerz ist nicht schlecht, im Gegenteil, er ist das erste Hilfsmittel, denn er erzeugt eine Intention in Richtung auf ein besseres Leben. Das zeigen auch die Aussagen der Menschen, die klinisch tot waren und dann weitergelebt haben. Wenn wir den Schmerz unterdrücken, kann sich diese Intention nicht bilden, weil der natürliche Anlaß fehlt. So hat die Natur für uns vorgesorgt. Das Übel baut uns auf. "Felix culpa". So geht der Weg. Keine Verleugnung - eher schon eine bewußte Lüge für die, die die Wahrheit nicht hören wollen. Die Welt will betrogen werden, um nicht aus ihrer Einbildung erwachen zu müssen, sie wollen verführt werden, damit sie eine Ausrede haben, warum sie aufgegeben haben. Sie zahlen gut dafür, daß man ihnen ein Theater vorspielt und sie hinters Licht führt. Es ist die klare Lüge, die sie brauchen, damit sie erwachen können, damit sie die Lüge als solche erkennen können.

Frei sind wir erst, wenn wir keine Tabus mehr kennen, wenn wir jedem geben können, was er braucht, dem einen Tod, dem anderen Leben. Manche kann nur der Tod retten vor sich selbst. Sie müssen sterben, denn "Gott ist ein eifersüchtiger Gott". Er duldet keine fremden Götter neben sich. Ein solcher fremder Gott kann der biblische Gott selber werden, wie bei dem Priester in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Aber JAHWE, "ich bin der ich bin", ist der einzige. Nur in mir ist die Wahrheit. Ich bin die Wahrheit. "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", sagt Jesus. Ich bin das Resultat meiner selbst, nicht einfach ein Produkt der Welt; das nämlich sind die Sklaven. Wir müssen uns abwenden von der Welt, von deren Vorurteil. Wir müssen uns frei machen für diese Wahrheit, die in uns Durchbruch sucht. Nur so können wir leuchten wie die Sterne, als Krieger dieser Kraft, des Willens, der "aus uns hervorschießt", wie Castaneda sagt, aber erst wenn wir alle Bedenken, alles Mißtrauen abgelegt haben, wenn wir uns trauen. Wenn wir uns gedemütigt haben zu dieser einen Realität (l Ching), in der nur der echte Gefühlsausdruck Wert hat und keine formalisierten Floskeln der Höflichkeit oder einer anderen Technik. Da hört sich jeder Ehrgeiz auf, das eingebildete Ich verschwindet und eine tiefere Instanz, die unergründlich ist, übernimmt die Kontrolle, die nun wesentlich präziser und effektiver ist als alles bewußte Kontrollieren vorher. Und dann lagert sich darüber eine neue Kontrolle, nämlich die bewußte Führung, die aufbaut auf der Wahrnehmung der verschiedenen Kanäle der Beziehungen innerhalb und außerhalb unserer Selbst, dieses Stroms von Gefühlen, der uns verbindet mit der Welt. Zuerst erläutert "die Stimme des Sehens" (Castaneda) die Beziehungen, dann können wir die Kanäle in jede Richtung verfolgen und uns selber mittransportieren. So können wir in den Raum und in die Zeit reisen. Und wir können die Dinge verstehen lernen, aber nicht die Kraft.

Was im Weg steht, sind unsere unerledigten Geschäfte. Wir können uns nicht konzentrieren, weil diese Dinge immer wieder unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken und zwar so lange wir diesen aufgeschobenen Problemen nicht zuleibe rücken und sie lösen, so oder so. Uns darauf aufmerksam zu machen, ist die Funktion der Meditation. Aber sobald wir das Problem erkannt haben, ist die Meditation überflüssig, denn nun müssen wir darangehen, uns zu überlegen, was da eigentlich los ist, welcher äußerer oder innerer Anspruch da sein Recht verlangt. Und mit welcher Berechtigung. Symptomträchtig und schließlich tödlich ist es, wenn wir aus einem Vorurteil heraus entscheiden. Wir müssen die Berechtigung aller Ansprüche erst einmal anerkennen und dann diejenigen von ihnen unterstützen, die unsere Kraft fördern und Blockaden und Krämpfe vermindern, bis sich (in der Meditation) schließlich kein Inhalt mehr über Gebühr aufdrängt.

Diese Inhalte, die unser Selbstgespräch ausmachen, also die schwebenden Geschäfte, sind unsere Schuld, die wir abtragen müssen. Und es hilft uns gar nichts, daß wir vielleicht wissen, daß es sich dabei um eine Hypothek von den Eltern her handelt. Wir haben die Schuld - auch die Erbschuld muß abgetragen werden.

Die Christen sagen nun: Jesus hat die Erbsünde für uns abgetragen. Viele bilden sich ein, daß das irgendwie magisch möglich sein könnte, aber die meisten täuschen sich; durch ihren Glauben merken sie nur ihre Probleme nicht so stark. Aber es kann tatsächlich zutreffen, nämlich wenn jemand in der Begegnung mit Jesus zu der umfassenden Einsicht dessen kommt, was es mit dem Leben auf sich hat. Die meisten, die von Jesus begeistert sind jedoch, geilen sich bloß an moralischen Hochleistungsforderungen auf. Sie erhöhen ihr Ich und verdammen ihren Schatten. Wenn sie "meditieren", verdrängen sie ihre Gedanken. Sie zwingen sich selbst in eine schematische Wirklichkeit und sind damit von Jesus weit entfernt. Jesus wußte, daß man Schuld nicht durch Askese überwindet, sondern indem man sein Vorurteil erkennt und der Ganzheit seiner selbst Geltung verschafft. Dann tyrannisiert nicht eine Minderheit eine Mehrheit, dann sind alle Rechte anerkannt.

Alle Forderungen gegen uns sind Kräfte, die auf uns wirken und wenn diese Kräfte überhand nehmen, fressen sie uns; uns geschieht gegen unseren Willen, was wir längst von uns aus hätten tun sollen. Wir werden Beute, anstatt uns zu geben; indianisch gesagt: "the great give-away"; Islam, Hingabe, Jesus hat genau das getan; er hat sich bewußt hingegeben und dadurch hat sich sein Bewußtsein ausgebreitet über die ganze Welt. Er war keine Beute, kein unschuldiges Opfer, wie er immer dargestellt wird. Er wußte, daß es so kommen könnte. Und er konnte auch in etwa vorhersehen, was sein Tod bewirken würde: nämlich daß seinen Jüngern allmählich dämmern würde, was er getan hatte und daß er es getan hatte, bewußt. Und um den Preis seines Lebens erhielten sie eine so wunderbare Erfahrung, daß die Wunder kein Ende nahmen.

Immer gilt das Grundprinzip, daß nur die den Preis gewinnen können, die ihr Leben aufs Spiel setzen für ihr Ding. Nur die, die an der Grenze leben, können sie überschreiten. Es gibt keine Chance für die, die sich schützen wollen. Wer sich nicht hingibt, kann nicht erreichen, was er will; für ihn kann höchstens gelten: "Wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seiner Seele schadet, wird ihm das nichts nützen" (Jesus). Wir wissen, daß das so ist. Alle "Ziele", die sich Menschen stecken, sind geprägt von Vorurteilen — auch auf dem spirituellen Weg — solange grundlegende Probleme offen sind. Ehrgeizige Menschen geraten in einen Konkurrenzkampf mit sich selber, denn wer gelobt werden will, muß den Willen anderer tun. Was immer sie erreichen, ihre Wünsche können nie gesättigt werden, weil der tiefste Wunsch nicht darauf geht, erfüllt zu werden, sondern zu erfüllen. Aber solange sie konventionellen Wertetabellen folgen, können sie diesen tiefsten Wunsch, der allem Leben eingeboren ist, nicht hören; so lange wird die Wellenlänge der Natur von der künstlichen ihrer Einbildung überlagert.

Die Psychologen bewegen nur das Hang-up von der Vergangenheit auf die gegenwärtigen Sitten. An der Tatsache des Hang-ups selber wird nicht gerüttelt. Auch die Psychologen sind Sektierer, sie wollen die Abhängigkeit genausowenig aufheben wie die Zeugen Jehovas. Sie arbeiten mit standardisierten Vorstellungen und Normen, aber die Wirklichkeit ist zu kompliziert für jedes Schema. Nur die unmittelbare persönliche Kommunikation kann zu einem adäquaten Urteil führen. Es gibt letztlich keine Kriterien. Und deshalb haben wir kein Recht zu urteilen. Nicht weil eine moralische Norm uns das Recht nähme, es gibt einfach keine Kriterien, die überall und zu jeder Zeit gelten. Aber obwohl die Regeln überall anders sind, behaupten doch alle, ihr Weg sei der allein selig machende: Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Vereine, Stämme, Cliquen, die Wissenschaft, therapeutische Methoden, Gurus - alles Sekten, die ein Schema für die Realität verkaufen wollen, und bei denen auch die Erfolg haben, die der unmittelbaren Wirklichkeit nicht gewachsen sind.

Warum besteht dieser Bedarf nach einem Glauben? Alles, was uns selber fehlt an Kraft, substituieren wir durch die Kraft der Gemeinschaft der Schwachen und die Kraft ihrer Führer. Es ist bei den Menschen nicht anders als bei den Wölfen. Natürlich kostet die Mitgliedschaft etwas: Wir müssen unsere Möglichkeiten und Bedürfnisse einschränken auf den von unserer Sekte verlangten Kodex. Außerdem schließen viele dieser Programme die Intention des Erfolges, der Leistung und sogar der Bewußtheit ein. Und es gibt echte "Verwirklichte", "Erleuchtete", Messiasse", "Propheten", "Stars" in vielen Sekten. Und trotzdem ist das Schüler-Sein nicht zielführend, denn das einzige, was zählt, ist die eigene Praxis der Wahrheit, nämlich nur dort Liebe zu geben, wo unsere Liebe wirklich da ist und nichts von unserer Liebe zu verleugnen. Liebe läßt sich nicht vorschreiben. Wozu Theater spielen? Höchstens aus Spaß daran. Das ist das Einzige, das zählt. Jeder liebt irgendwen oder irgendwas, dem müssen wir dienen, sonst niemand.

Liebe kennt kein Schema, keine Moral, keine Vorschriften, keine Vorurteile. Und so ist Liebe gleichbedeutend mit dem optimalen Kommunikationsfluß. Sie schafft eine Art unmittelbarer Wahrnehmung. So lange wir unser Leben berechnend führen, trauen wir dieser inneren Stimme nicht. Aber ohne dieser Führung zu trauen, der Liebe, kann unser Leben nicht glücklich sein — egal wie sehr wir uns vielleicht unter Kontrolle haben, wie bewußt oder wie erfolgreich wir sind. Solange dieses Vertrauen nicht da ist, sind wir innerlich gespalten.

Früher hat man dieses Urvertrauen in die Führung durch die eigene Liebe "Gottvertrauen" genannt. Heute versteht diesen Ausdruck kaum noch jemand, weil Gott durch die vielen Schemata, in die die Menschen gezwängt worden sind, in weite Ferne gerückt ist. Der christliche Gott ist heute blutleer, wie Baal zur Zeit des Gideon. Fast völlig gefahrlos kann man heute den heiligen Pfahl fällen und auf seinem Holz ein neues Opfer verbrennen. — Aber nichts von dem ändert etwas an der Bedeutung des Menschen Jesus, der, wie der christliche Glaube richtig sagt, eine göttliche Natur hatte, unverfälscht. Er war wie Gideon, nicht ein Neuerer, sondern ein Ursprünglicher, einer, der seiner Liebe folgt, wenn es sein muß, bis in den Tod. Deshalb war er vollkommen. Er ist nicht für eine abstrakte Idee gestorben. Er wußte, was er tat. Er konnte so sicher sein, weil er geführt wurde. Wir alle werden auf die gleiche Weise geführt, aber diese Führung ist zugeschüttet durch die tausend Rücksichten. Wir sind "neurotisch". Es beginnt schon im Mutterschoß, ja schon vorher. Die Neurose sitzt uns in den Knochen seit vielen Generationen. Sie ist früher "Erbsünde" genannt worden.

Aber das Leben fluktuiert in Wellen. In dem Maß, in dem unsere Entfremdung zunimmt, werden wir uns ihrer bewußt. Und so sammelt sich eine Kraft, die darauf drängt, den Naturzustand wiederherzustellen. Das ist eine natürliche Entwicklung. Unterdrückung erzeugt Revolution. Leiden ist der Motor der Welt. Die Menschen wollen sich bessern. Alle suchen nach dem Schönen, dem Wahren, dem Guten, auch die Aggressiven, auch die Zersetzer und Zerstörer — manche von ihnen folgen einer echten Berufung, vielleicht ohne es zu wissen, verkörpern sie das "göttliche Gericht".

In den islamischen Ländern gibt es die sogenannten "Madschsub". Sie gelten als eine Art heiliger Verrückter. Manche von ihnen verbringen den Großteil ihres Lebens auf einem Abfallhaufen, andere sind Diener in einer Moschee oder einfach Bettler. Ein Tourist kann sie nicht erkennen, nur so manche

Synchronizitäten könnten ihn stutzig machen. Wie ist es möglich, daß diese Verrückten auf unsere geheimsten Gedanken exakt reagieren? Was haben diese Verrückten unseren Professoren voraus? Woher haben sie ihr Wissen? Offensichtlich liegt die Wahrheit irgendwie "in der Luft" und ein Mensch, der die Wirklichkeit ohne ein Interpretationsschema betrachtet, kann sie sehen und darauf antworten. Die Wahrheit selber ist unser innerer Führer. Was uns zuinnerst lenkt, ist eine Instanz oder Apparatur, die über alle Informationen verfügt, die mit allem gleichzeitig in Kommunikation steht. Es ist unser biologisches Programm, das auf die Welt reagiert. Wenn wir das einmal erkannt haben, sehen wir uns selber nicht mehr als separat vom Rest der Welt, sondern eher als die Sinnesorgane oder Zellen des einen Wesens, das alles, was es gibt, aus sich herauswachsen läßt. Und in uns steckt das Wesen dieses Wesens, das Schöpferische, das uns veranlaßt, die Trägheit zu überwinden, die uns nach unten ziehen will. Das ist alles. Alle Elemente befinden sich in der gleichen Lage; von dieser Energie, die dabei aus dem Nichts geschaffen wird, lebt die ganze Welt und wir auch. Die mittelalterlichen christlichen Theologen haben gesagt, daß Gott die ganze Schöpfung in jedem Augenblick neu erschafft, oder wenigstens aktiv trägt. Die Aussage ist die gleiche, nämlich, daß etwas, das nicht in uns seinen Ursprung hat, sondern in dem wir unseren Ursprung haben, in allem wirkt. Das Schöpferische kann von niemand erzwungen werden. Es hat eine Bedingung: Wenn wir den Strom fließen lassen wollen, müssen wir unsere Einbildung, unseren Ehrgeiz, etc., beiseite legen.

In der esoterischen Literatur wird oft mißverständlich gesagt, wir müßten unser "Ich" aufgeben. Aber nicht asketische "Selbstlosigkeit" ist verlangt, sondern daß wir aufhören, uns separat und unabhängig von allem zu sehen. Das Ich, das sterben muß, ist das Ich, das sich dem Wesen überordnen möchte. Dabei ist dieses stolze Ich doch nur zusammengesetzt aus der ängstlichen Unterordnung unter die Befehle der Meinungsmacher. Erst wenn diese Sorge gefallen ist, kann ihm Vertrauen zeigen, worauf es im Leben ankommt, nämlich daß die notwendigen Impulse zu rechten Zeit von selber aus dem Innern aufsteigen. Wenn wir es wagen könnten, von unserer Sorge zu lassen, könnten wir überrascht feststellen, daß wir uns nicht selber erlösen müssen, daß vielmehr die Natur vorgesorgt hat.

Mose hat das Wesen, unseren innersten Kern, nach außen projiziert und Gott draußen erscheinen lassen - wo er natürlich auch ist - aber wenn wir "sehen" im Sinn von Castaneda und den alten Sehern, dann sehen wir diese Kraft in uns genauso wie in allem anderen.

Es ist interessant, daß Castaneda die Lebenskraft aufspaltet in die "rollende Kraft" und den "Verwirrer". Die Hindus sprechen von "vrttis" (Yoga Sutra), die Christen vom "Teufel", die Dualisten sehen zwei Welten, die des Lichts und die der Finsternis und auch sie haben irgendwie recht. Beide Tendenzen sind in uns. Die Kraft, die die Schöpfung trägt, ist der Lebenswille jedes Elements und doch tritt in allen irgendwann Ermüdung ein und in dem Moment wird, wie Castaneda sagt, der leuchtende Kokon an unserer schwächsten Stelle aufgebrochen vom Verwirrer. Die Ermüdung tritt ein, wenn es genug ist, gleich ob nach einem erfüllten Leben oder wenn der Widerstand zu groß wird und zu wenig emotionelle Nahrung uns unterstützt, wenn wir uns selbst vergewaltigen müssen für irgendwelche entfremdeten Ziele. Wenn das Wesen in uns nicht mehr zum Durchbruch kommen kann, setzt unser Recycling-Prozeß ein. Wir dürfen keine Vorstellungen davor stellen, sonst blockieren wir den Strom. Wenn wir völlig frei sind von Vorstellungen und offen, wenn wir das Selbstgespräch eingestellt haben, dann ist alles möglich, dann kann sich die Welt verwandeln. Wir sehen die Dinge nun in einer viel tieferen Weise; die Zusammenhänge werden klar - aber nicht intellektuell, sondern unmittelbar: instant knowledge, totale Übereinstimmung mit dem, was ist. Dann kannst du spüren, daß nicht du es bist, der die Energie erzeugt, vielmehr, daß sie dich erzeugt. Du bist eine Formation, ein Muster dieser Kraft und selber ein vollkommenes Abbild des großen Wesens, das uns in Myriaden Facetten entgegenschaut. Es lebt von sich selbst.

Wir sind es nicht, was da fließt, wir sind nur Zeugen - das war ursprünglich mit "Zeugen Jehovas" gemeint. Historische Strömungen bringen uns hervor. Der Fluß ist immer abhängig von der Umgebung, aber er paßt sich jeder Form an. Wir müssen jede künstliche, äußerliche Form aufgeben, damit wir unsere Wesensform finden. Wir sind eben Menschen, so ist unsere Form menschlich. Wie alles andere sind wir einem Auf und Ab unterworfen, einem Anfang und einem Ende, einem Ausgang und einer Rückkehr, Auch lange historische Strömungen, haben irgendwann ein Ende. Nichts hält ewig. Der Fluß ändert sich ständig und er lebt davon, daß jedes Teilchen und jede Welle sich frei für den ihnen eigenen Fluß entscheiden.

"Das Schicksal akzeptieren", raten alle Weisen als Grundvoraussetzung für jeden Wandel zum Besseren. Der Wandel zum Besseren besteht darin, daß wir alle Schuld aufgeben, daß wir unabhängig werden, selbständig, aber nicht eigensinnig. Selbständig heißt ohne Angst vor dem Einfluß der Anderen. Selbständig heißt die eigene Situation voll ausschöpfen, vor nichts zurückschrecken. Selbständig sein hat nichts zu tun mit Ehrgeiz, Karrierestreben; das ist Geltung, d.h. Angst vor den anderen, Imponiergehabe, eine Abhängigkeit, eine Schuld, Selbständig heißt dem Leben trauen, nichts zurückhalten und gleichzeitig wach alles beachten. Es ist dieses Bewußtsein, dieses gleichzeitige Kontrollieren und Akzeptieren, was den Fluß fließen läßt. Wenn unsere Entscheidung negativ ausfällt, versiegt der Fluß und der Mensch stirbt. Und die Entscheidung fällt negativ aus, wenn jemand seine Situation als ausweglos betrachtet.

Ständig wird die Lebenskraft gebremst durch den Widerstand der Welt und irgendwann gibt sie auf. Und in dem Moment bricht "fremdes" Leben mit Macht auf ihn ein und zehrt von seiner Lebenskraft, bis sie aufgezehrt ist. Deshalb sagt Castaneda, der Adler fresse das Bewußtsein der gewöhnlichen Sterblichen.

Es gibt nur einen Ausweg aus dem Dilemma: die Angst besiegen, die Schuld abwerfen - also die unerledigten Geschäfte abschließen - und selber sehen, hören und fühlen; dann wird klar, was zu tun ist, dann brauchen wir keine Regeln mehr. - Wir haben sie dann nicht "internalisiert", wie es die Theologen verlangen von ihrer Moral, im Gegenteil, wir haben sie total externalisiert, wie Jesus, der sagte "die Gebote sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gebote." Die Theologen, die meinen, die Heiligkeit werde erreicht durch Verinnerlichung der Gebote, sind sich außerdem meistens im Unklaren darüber, was verinnerlicht werden soll; am meisten aber täuschen sich die, die meinen, sie wüßten es ganz genau: Das erste Gebot, z.B., befiehlt die Führung durch Gott allein, das heißt, es befiehlt, die Selbständigkeit, den Mut, die Wahrheit zu leben - sogar wenn es das Leben kostet. Die Gläubigen aber sind nicht selbständig, sie sind streng darauf bedacht, jeden zu brandmarken, der nicht ihrer Meinung ist. Das ist charakteristisch für jede Sekte.

Die Glaubensgemeinschaft gibt Schutz um den Preis der Selbständigkeit. Schutz wird bezahlt mit Intoleranz. Ein Rachebedürfnis, das aus der Unterdrückung eines Teils ihrer selbst stammt, bricht auf einer anderen Ebene durch; es wird projiziert auf einen gemeinsamen Feind, auf die, die sich nicht an die Regeln halten. So ist eine Sekte ein Geist, der sich Vollzugsorgane geschaffen hat.

Geister, ideologische Bewegungen, sind bewundernswerte Wesen, Götter gewissermaßen oder Engel oder Teufel oder auch Verbündete, nämlich Instrumente, auf denen man spielen kann, die man benutzen kann um sich selber fortzubewegen. Natürlich geht das erst, wenn man sie erkannt hat ("Ei wie gut daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß"), vorher ist man dem Geist ausgeliefert. Castaneda sagt, die Verbündeten nähren sich von der Angst - und das hat vor ihm schon Nestroy gewußt (in "Freiheit in Krähwinkel"). Wenn wir frei sind von Angst, stehen die Geister zu unserer Verfügung. Die Angst haben, sind hypnotisiert von irgendwelchen Geistern, die sie beherrschen über schematische Auslöseschemata, alte Loyalitäten, Prägungen. Unser Körper zeigt das Symptom unserer Angst, die körperlichen Eigenschaften des Geists, der uns beherrscht und uns zwingt, einen Teil unserer selbst zu unterdrücken. Eine chronische Blockade bringt schließlich das ganze System zum Zusammenbruch.

Jeder Anhänger einer Ideologie muß einen Teil seiner selbst aussperren, er hat einem Übergeist die Kontrolle übertragen, dem er mehr traut als sich selber. Er hat einen fremden Gott. Die sogenannten "Gläubigen" sind tatsächlich Götzenanbeter. Glück haben sie nur, wenn ein echter Gott, einer, der keine Angst hat, der nur noch seiner unvoreingenommenen Einsicht folgt, sich ihrer annimmt. Aber dann haben diese Gläubigen gewöhnlich nichts Eiligeres zu tun, als diesen Gotteslästerer umzubringen. Sie wollen die Wahrheit ausrotten und alle auf ein Schema verpflichten, damit ihre Schwäche nicht ans Licht kommt. Erst beim jüngsten Gericht soll das geschehen - aber wann ist das jüngste Gericht, ihr Narren? JETZT prägt uns unser Widerspruch zur Wahrheit das Symptom auf, das wir so hartnäckig leugnen wollen.

Die "Strafe Gottes" ist ganz anders als die Gottgläubigen sich das vorstellen. Sie kommt nicht nach dem Tod, vielmehr ist der Tod, wie die Bibel richtig sagt, eine Folge der Sünde, der Schwäche, der Angst, der Götzenanbetung. Trotzdem laßt das Symptom keine Rückschlüsse auf die persönliche Schuld zu, denn einer tut sein Bestes, aber die Form, die ihm gegeben war, konnte die Lebenskraft nur ungenügend transportieren, ein anderer weigert sich und spielt den Beleidigten, bis er tatsächlich be-leid-igt ist; wieder ein anderer stirbt im Kampf und seine Intention verwirklicht sich posthum. Äußerlich sind sie schwer zu unterscheiden: alle drei gehen zugrunde, nur für sie selber ist der Unterschied klar; es ist der Unterschied von Wesen und Schein. Zwischen dem, der schon vor dem Kampf stirbt, weil er sich aufgegeben hat und dem, der im Kampf stirbt, liegen Welten. Wer im Kampf sein Leben einsetzt, kann ganz anders kämpfen; nicht nur wird er viel wahrscheinlicher siegen, er hat in jeder Sekunde das Bewußtsein der Kraft und das verwandelt ihn. Schon Mohammed hat festgestellt: "Die Ungläubigen sind dumm, sie begreifen nicht, um wie viel stärker ein Mensch ist, der total auf Gott vertraut"' Das Risiko zahlt sich aus, selbst wenn es das Leben kostet, wie im Fall Jesu.

Selbst Hitler war besser dran, als jeder seiner Anhänger. Er ist voll hinter seinem Gespür gestanden. Er hat das Bedürfnis einer Zeit formuliert, in der die Menschen so entfremdet waren, daß sie sich zurückgesehnt haben nach der primitiven Stammesgemeinschaft. Ähnliches war der Fall bei Lenin, Stalin, Mao. Sie haben gewagt, das Mögliche zu tun und sie haben dabei ihr Leben eingesetzt.

Der Tod ist allgegenwärtig, immer bereit, in jede Schwäche einzuhaken. Der Versucher verlockt mit Zuckerbrot und Peitsche. Wie bei Odysseus die Sirenen, die Zauberin Kirke, die Seeungeheuer, die Winde oder die Mißgunst mancher Götter, sind auch wir in Lebensgefahr auf allen Ebenen der Existenz. Und auf der anderen Seite finden wir unterstützende Lebenskraft, Gnade, die Gunst der Götter. Götter sind eben jene übermenschlichen Mächte: Naturgewalten, klimatische oder vegetative Strömungen, Landschaften, Kulturen, Gesellschaftsklassen, Organisationen, Gesetze. Alles kann eine Quelle der Kraft sein oder es kann eine Gefahr werben. Vielleicht sind wir im Kleinkindalter gebrochen worden , vielleicht leiden wir an einem psychischen Geburtsdefekt, vielleicht haben wir einen Schaden in der Erbanlage, alle haben zu kämpfen mit der Mißgunst der Götter, mit der Erbsünde, mit den Schwächen unserer Vorfahren. Deshalb suchen alle Erlösung.

Wenn die Christen sagen, daß Jesus sie durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung erlöst hat, so verstehen heute nur noch sehr wenige, was damit gemeint ist, nämlich daß unsere Schwächen in dem Moment verschwinden oder kompensiert werden, in dem wir ihn als Vorbild akzeptieren: Indem wir unser Schicksal bedingungslos auf uns nehmen, wie er es getan hat, haben wir alle Kraft zur Verfügung, die uns bei unserer Konstitution überhaupt zugänglich sein kann. Wir können unsere Konstitution nicht verändern, sondern ihr höchstens optimal entsprechen. Wir sind, was wir sind, niemand kann sich dazu zwingen ein anderer zu werden. Was bringt eine Methode, wenn das Leben durch sie nicht lebenswerter wird? "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, wenn seine Seele dabei geschädigt wird?" Niemand kann seine höchste Form entfalten, wenn er gefangen ist von ehrgeizigen Vorstellungen oder von materiellen oder spirituellen Besitzungen. "Willst du vollkommen sein, verkauf alles, was du hast und gibt es den Armen. Dann komm mit mir." Ich kann dir zeigen, wie es gut ist.

Tu, was du fühlst, vertrau auf deinen Wahrnehmungsapparat auch wenn andere dir das Blaue vom Himmel versprechen oder dir mit der Hölle drohen. Tu, wozu du dich berufen fühlst. "Tu was du willst, aber tu es ganz", war ein Wahlspruch des Thomas More. Finde dein Ding. Mach dir nichts vor. Was hast du von irgendeiner Karriere, wenn du dadurch deformiert oder gebrochen wirst - im Dienst des Mammon. Das Leben ist etwas anderes als Geltung. Geltung ist Abhängigkeit, Unterdrückung der eigenen Eigenart im Betteln um Aufmerksamkeit. Ein Bedürfnis steht gegen ein anderes. Man versucht einen Mangel im Innern durch eine Kompensation von außen zu beheben, aber der Widerspruch löst sich dadurch nicht. Die dogmatisch Religiösen sind dadurch immer einen Schritt von der Wirklichkeit entfernt. Ihnen fehlt das Vertrauen in die innere Führung, deshalb klammern sie sich an Gesetze, durch die sie glauben "gut" werden zu können. Sie verstehen nicht, daß Jesus genau das gemeint hat, als er sagte "Niemand ist gut, außer Gott allein". Wie können diese Leute in seinem Namen "gut" werden wollen? Was sie wollen ist eine religiöse Karriere, anstelle eines Lebens der Eigenart und der unsichtbaren inneren Führung.

Aber sie sind sehr schwer zu unterscheiden, die Echten und die Hochstapler. Nur wenn wir selber unserer inneren Führung folgen, diesem Strömen der Sympathie und der Antipathie, nach dem alles in der Welt fließt, können wir sie unterscheiden. In all den Bereichen, in denen wir selber lügen, können wir getäuscht werden. Einem, der sich selber nichts vormacht, kann auch sonst niemand etwas vormachen. Daß wir alle permanent einander täuschen und belügen, schadet niemand mehr als uns selbst: Wir tun so, als mögen wir jemand, als liebten wir diese oder jene Tätigkeit und entsprechend diesem "als ob" verläuft unser Leben in der Leere.

Diese Leere hat uns schon ergriffen, bevor wir die Möglichkeit hatten, "nein" zu sagen. Während unserer Erziehung waren wir oft in Gefahr, die Liebe unserer Eltern zu verlieren; wir sind dressiert worden und jetzt ist unser Handlungsspielraum eingeschränkt, zum Guten und zum Schlechten. Und das Korsett wird zur Zwangsjacke, wenn das, was wir möchten, unter sozialer Acht steht. "Er schämt sich dessen, was in seinem Herzen eingefaltet ist" (I Ching). Aber wir sind, wie wir sind. Nur indem wir unserer Neigung folgen, sind wir auf dem Weg, das, was gut für uns ist, zu erreichen. Wenn wir den Weg gehen, lernen wir an dem Widerstand der Welt und an all den Mächten, die versuchen, uns festzuhalten, die uns "versuchen".

Jesus hat der Versuchung widerstanden und dadurch hat er das Höchste erreicht; dadurch ist er nach seinem Tod auferstanden, vielfältig, millionenfach auferstanden in den Heiligen, die ihm nachgefolgt sind, den bekannten und den unbekannten.

Die offizielle Religion zählt nur eine Kategorie von Heiligen, nämlich nur die, die die Religion in ihrem Leben thematisiert haben, die ihr Problem zu ihrem Beruf gemacht haben. Aber es gibt viele, die leben wie Jesus gelebt hat, die Jesus vielleicht gar nicht kennen, vielleicht haben sie auch nicht das geringste Interesse an Religion, aber sie vertrauen ihrer Neigung und werden dadurch zu Unsterblichen, zu Helden, die nach ihrem Tod auferstehen in unzähligen Nachfolgern, für die sie zum Bild der Hoffnung geworden sind, zum Bild des totalen Lebens.

Was ist das totale Leben, Askese oder Ausschweifung?

Beides sind sektiererische Doktrinen. Bei beiden handelt es sich nicht um innere Wahrnehmung, sondern um einen Akt von Gier, von Sucht. Beide suchen nicht ihr Wesen, sondern Schutz und Sicherheit unter einem generellen Rezept, einem Schema. Aber das totale Leben kennt kein Gesetz.

Das Gesetz ist im Neuen Bund aufgehoben. Warum hat Paulus es wieder zum Leben erweckt? Warum hat er die Kirche geschaffen? Die Schwachen rufen immer nach der Inquisition. Sie wollen sich an etwas halten. Obwohl die Botschaft Jesu ganz klar ist, verstehen sie sie nicht. Sie projizieren sich ein geistiges Gebäude, in das sie ihr Leben einordnen können - obwohl ganz eindeutig gefordert ist, sich kein Bild zu machen, sondern zu vertrauen. Nicht einmal für eine Gerichtsverhandlung, in der es um Leben oder Tod ging, sollten die Jünger Jesu sich vorher überlegen, was sie tun und sagen sollten. Sie sollten sich um nichts sorgen, außer um das Himmelreich, außer um ihren Traum vom Paradies, dessen Verwirklichung Jesus ihnen gezeigt hatte. Die Wahrheit tun und auf Gott vertrauen ist die einzige Regel. Dadurch und nur dadurch haben wir Zugang zu einer Kraft, die durch kein Training erzeugt werden kann. Die Wahrheit tun ist das einzig mögliche Training. Es muß daher unser einziges Hobby sein, es ist unsere einzige Pflicht. Zu keiner Zeit gibt es irgendetwas anderes zu tun.

Ach, Gott verlangt allzuviel von uns! Nicht? All diese Gebote.... Ursprünglich sind die Gebote nur dazu da, uns auf die Sprünge zu helfen, damit wir eben die Wahrheit tun, uns losreißen von aller Schematik; totales Eingehen in die Realität totale Kommunikation. Was sollte "Gott" von uns wollen, wenn nicht, daß wir die höchste Kraft entfalten, die ja "seine" Kraft ist. Das ist die "Ehre" "Gottes", daß wir mit unseren Talenten wuchern - in der Sprache unserer Zeit, daß wir unsere Chancen erfassen, indem wir einerseits unsere Bedürfnisse erkennen und nicht verleugnen und andererseits gerade dadurch die Kraft haben, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Moralisten werden nun Angst haben, daß das auf einen "Hedonismus" hinausläuft. Und in gewisser Weise ist das auch richtig, nur, wenn jemand diesen Ausdruck gebrauchen will, muß er Jesus zu den Hedonisten zählen: Hätte Jesus größere Lust erreichen können, als durch die Erfüllung des Willens des Vaters? Was hätte es ihm gebracht, wenn er der Versuchung des Satans erlegen wäre und sich die Königswürde erkämpft oder erschlichen hätte? Er hat. nach seinen Lehren gelebt, aber er war kein Schematiker, wie manche Märtyrer nach ihm, die meinten, sie müßten auch, wie er, sterben, um ihm gleich zu werden, anstatt ihrer eigenen Wahrheit zu folgen. Jesus wollte nichts als die Wahrheit, wie Khidr, der Lehrer des Mose im Koran. Die Wahrheit ist einfach. Sie braucht keine Begründungen oder Erklärungen. Ihr Zeichen ist die Liebe, die zwar nicht immer nett ist, dafür aber voll Lebenskraft.

Das, was wir lieben, unsere Neigung, ist unsere Liebe. Neigung und Gier werden oft verwechselt von Leuten, die richtig leben wollen. Gier ist eine verzerrte Wahrnehmung, verformt durch die Projektion der Vergangenheit auf die Gegenwart. Was da als "Bedürfnis" erscheint, ist nicht ausdifferenziert, es kommt nicht aus der Notwendigkeit des Augenblicks, sondern aus einer Einbildung, die eine gewisse Verwandtschaft mit Moralvorstellungen hat, ein Sollen, ein Anspruch. Und das nennen die Buddhisten ''Ursache des Leidens". Es sind einfach Vorurteile, Konzepte, Vorstellungen, starre Bilder von dem, was sein sollte - aber die Wirklichkeit ist immer anders. Oft ist es auch Angst, die uns veranlaßt das Spektrum der Möglichkeiten einzuschränken. Und da kann ein Tabu tatsächlich hilfreich sein, solange die Gefahr real besteht, aber ohne wirkliche Bedrohung ist das Gesetz keine Hilfe, sondern ein Tyrann, der unsere Wahrnehmung blockiert. Spontaneität ist nur möglich, wenn wir frei sind zu sehen, was ist. Und doch können Gesetze auch bei der Beseitigung von Vorurteilen helfen, nämlich indem sie uns zwingen, die Vorurteile als solche wahrzunehmen. Das geht natürlich nur, wenn die Gesetze mit dem Grundmuster der menschlichen Natur übereinstimmen. Dann kann ein Gesetz helfen, eine Gewohnheit zu brechen.

Das Abschütteln einer Gewohnheit ist immer verbunden mit der Angst vor dem Untergang, weil wir ja mit Gewohnheiten immer eine Blöße zudecken, die dann schutzlos da liegt. Daher ist neben dem Gesetz auch noch etwas anderes nötig: daß wir fähig werden, unser Problems ohne Vorurteile zu betrachten. Dadurch werden die Gewichte in uns so lange hin und her bewegt, bis sie passen. So stellen sich die Kanäle der Energie von selber ein und der Strom kann wieder fließen (ohne Gesetz). Die Mächte, die uns vorher gegängelt haben, sind uns jetzt bewußt und daher sind sie machtlos.

Bewußtsein ist das Wichtigste in der Selbsterkenntnis und daher in allen esoterischen Schulen, aber es kann nicht erreicht werden durch willkürliches Aufpropfen einer Lehre und sei sie noch so heilig, sondern nur indem man das Unbewußte bewußt macht. Dann erst können wir wirklich frei entscheiden. Dann ist unsere Freiheit keine Willkür mehr, sondern einfach die Entscheidung für das Leben, weitab von jedem moralistischen Humanismus. Was allein zählt ist die Notwendigkeit der Gegenwart, des Augenblicks.

Die katholische Kirche verurteilt die Situationsethik, weil darin die Gesetze aufgehoben werden und von eben den Gesetzen lebt die Gemeinschaft. Und doch geht es Jesus eindeutig um die Wahrheit des Augenblicks, die unbedingte Forderung Gottes. Die Botschaft der Gegenwart kann eine Chance zur Lust sein oder eine Chance zur Erkundung und Sicherung unserer Nahrung oder eine Chance, jemand zu helfen.

Stell dir ein Raubtier vor, das angreift. Und das Raubtier bist du. So ist das Leben. Leugne es nicht. Dieses Wissen kann dir helfen, das ganze Spektrum des Lebens zuzulassen.

Die Indianer sagen, daß uns der Kontakt zu einem Schutztier helfen kann, die Aspekte unserer Natur zu entwickeln, die in unserer Erziehung vernachlässigt oder unterdrückt worden sind. Wie so ein Tier die Dinge angeht! Total konzentriert. Keine Tagträume während des Anschleichens, reine Aufmerksamkeit. Genau was Buddha verlangt und Jesus auch. Sie sind selber zu solchen Schutztieren geworden.

Der Augenblick ist total "außen". Wahrnehmen. Genau reagieren und schnell, Instinkt? Irgendetwas in uns errechnet blitzschnell die beste Reaktion auf die Situation jeden Augenblicks - ohne Umweg über die Instanz, die prüft, ob unser Verhalten auch den Normen entspricht - mit schlafwandlerischer Sicherheit. Einfach vertrauen auf die Automatik, die ja auch sämtliche Körperfunktionen steuert und zwar in genauer Übereinstimmung mit unserer Stimmung. Alles ist genau abgestimmt. Wir selber administrieren "Gottes Lohn" und "Strafe" an uns selber: Wenn wir diesen Apparat durch irgendwelche fixen Vorstellungen blockieren, empfangen wir augenblicklich die Strafe. Das "Jüngste Gericht" ist hier und jetzt, immer, nicht irgendwann "am Weltende". Jetzt belohnen wir uns selber mit einem guten Gefühl, wenn die Automatik arbeitet. So sind wir konstruiert. Unsere Natur löst alle Probleme ohne Einmischung von außen, von einem "Ich", das alles kontrollieren will, das etwas Höheres nicht anerkennen will und gar nicht sieht, wie es selber ein Produkt ist, gepreßt nach einer Form, über die es keinen Einfluß hat.

Was ist ein Mensch? Eine Strähne aus Myriaden von Strähnen. Und da soll ein Bewußtsein, das über wenige Jahre Lebenserfahrung verfügt, das Leben willkürlich steuern können? Milliarden von Jahren von Erfahrung stehen ihm gegenüber. Wer könnte da bestehen? Der Kampf kann das Ich nur vernichten.

Und doch hat das Ich seinen Platz, sobald es sich freiwillig dem Unvermeidlichen ergibt. Ich möchte damit nicht sagen, wir seien unserem Schicksal ausgeliefert, "Kismet", Determination im gewöhnlichen Sinn. Der Zwang hört auf ein Zwang zu sein, wenn er unvermeidlich ist. Was ist, das ist, das ist unvermeidliche, und daß es eine höhere Weisheit gibt, als die der Vernunft, ist eine der Tatsachen, die das Ich anerkennen muß, wenn es nicht in sein eigenes Verderben rennen will. Das Ich kann die Zügel ruhig in der Hand behalten, es darf nur nicht meinen, es könnte sich über die Gegebenheiten hinwegsetzen. Die einzige Freiheit, die das Ich aufgeben muß, ist die Freiheit die Wirklichkeit durch Vorstellungen zu ersetzen. Das wird gewöhnlich "Tod des Ich" genannt. Es ist nur der Tod der Einbildung. Das Ich kann sie aufgeben, denn wir haben Glück, ein Teil der Wirklichkeit ist eine Instanz in uns, die das Richtige sofort erkennt und diese Erkenntnis dem Ich übermittelt und zwar mit solchem Nachdruck, daß unser Leben und unser Tod davon abhängt, ob wir diesem Urteil der Natur folgen oder nicht. Wenn wir folgen, werden wir belohnt durch das Wissen, daß es richtig war. Und nichts gibt so viel Kraft wie dieses Wissen. Wenn wir nicht folgen, sondern einer Illusion nachlaufen, bestrafen wir uns damit innerlich selbst . Eventuelle andere Strafen, die wir uns vielleicht zuziehen wegen der Verletzung äußerer Normen der Gesellschaft sind demgegenüber nichtig. Jeder ist so schuldig, wie er sich fühlt. Das ist die wahre Strafe.

Bedauerlicherweise müssen wir alle schon mit dieser Strafe anfangen. Das Handicap haben unsere Ahnen uns vererbt. Manche haben eine äußerst schwere Portion, andere haben bessere Ausgangsbedingungen. Ich meine nicht den Unterschied in der "Bildung". Manche Hilfsarbeiter führen ein stärkeres und wahreres Leben als mancher Intellektueller, der das Leben nur aus Büchern kennt.

Viele sind auf der Suche und sie wissen oft nicht, daß sie einen Ausweg suchen aus der Schuld. Sie suchen einen Weg nach oben, ans Licht, heraus aus ihrem alltäglichen Jammer. Und so folgen sie einem Rezept, einer Regel. Sie werden tatsächlich besser und besser, ganz gute Menschen, freundlich und zuvorkommend, aber in ihrem Hirn hat sich ein Hirngespinst festgesetzt, nämlich daß die Regel sie rettet und sie achten nun die Regel mehr als die Wirklichkeit, wie sie vorher ihre eigene Einbildung darübergestellt hatten. Und so wird die Regel sie am Ende umbringen. Was rettet, sind nicht irgendwelche Maßnahmen, die wir ergreifen, es ist unser Konstruktionsmuster, das zu jeder Zeit automatisch das optimale Programm aufruft. Wenn die Regeln helfen sollen, müssen sie einmal von dieser menschlichen Struktur abgeleitet sein und dann dürfen sie nie die höchste Instanz sein. Das ist die Grundintention der Regeln in den Religionen. "Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht umgekehrt". Die Juden haben das Leben in über sechshundert Geboten zu fassen versucht. Sie haben also einen Weg gefunden, der jeden zwingen soll, genau so zu leben wie einer, der seine Schuld bereits aufgearbeitet hat. Das hat bei vielen Erfolg gehabt, es hat aber auch zur üblichen religiösen Bigotterie geführt, wie wir sie aus den Angriffen Jesu auf die Pharisäer und auch aus eigener Erfahrung kennen. Bei vielen rächt sich der Zwang, den sie sich selber auferlegen, und verwandelt sich in Aggression gegen sich selber oder gegen andere.

Der Weg des Gesetzes ist heute für die meisten Menschen nicht gangbar. In der Geschichte der Selbstunterdrückung der christlichen Kulturen ist er an sein Ende gekommen und zwar in der Selbstentfremdung, die wir alle erleben. Der Geist der Zeit verlangt eine neue Lösung. Und die Alternative ist da. Sie ist das Einfachste überhaupt: einfach auf diese Stimme in uns hören, die uns Chancen und Gefahren augenblicklich anzeigt. Diese Stimme ist immer da. Und am klarsten ist sie, wenn wir mit totaler Aufmerksamkeit bei der Sache sind. Und das geht nur, wenn uns nichts ablenkt.

Menschen, die Schwierigkeiten haben, das Wahre zu sehen, können meditieren, um die Ablenkung zu erkennen, damit sie diese belastenden Dinge nicht länger mit sich herumschleppen müssen. Aber schließlich müssen die unerledigten Geschäfte erledigt werden. Dann ist der Weg frei zur Konzentration. Der Weg über eine Konzentrationsübung führt in die Irre, denn es gibt genügend natürliche Situationen, die Konzentration verlangen; wenn wir uns eine künstliche schaffen, lenken wir uns von unserer tatsächlichen Situation ab, zwingen wir uns, zu verdrängen. So geht es nicht.

Sehen und Erledigen. Alles, was uns belastet, muß aufgelöst werden, damit es nicht insgesamt so viel wird, daß es uns vor unserer Zeit umbringt, denn dann wäre alles umsonst gewesen. Viele auf dem spirituellen Weg geraten in diese Gefahr. Karrierismus gibt es auch hier. Das alte Ich vielleicht doch noch zu retten, ist ja der geheime Hintergedanke hinter aller Esoterik, besonders bei den Theosophen, die ja Stufenleitern, Rangstufen der Heiligkeit postulieren, in die sich ein Mensch durch Konzentration erheben kann. Für diejenigen, die Konzentration üben, ist es wichtig zu wissen, daß wir keine Wahl haben, was den Gegenstand unserer Konzentration betrifft, denn es ist einfach unsere gesamte Wirklichkeit, die diesen Gegenstand bestimmt, in jedem Augenblick neu. Alle Zeit, die wir nicht dort sind, im unmittelbaren Kontakt und im Bewußtsein dieses Kontakts, in konzentrierter Aufmerksamkeit, mit ausschließlichem Interesse, ohne Ablenkung, alle Zeit, die wir nicht dort sind, ist verlorene Zeit. Und doch wäre es eben ein Fehler zu meinen, wir müßten uns konzentrieren mit der verzweifelten Anstrengung eines Möchtegern-Yogi. Zu unserem Glück geht es nicht so, vielmehr kommt die Konzentration von selber, weil sie etwas ganz Natürliches ist - außer sie ist blockiert. Sie kommt aber immer, wenn wir unserer Liebe folgen, denn dann sind die Hindernisse, die Ablenkungen weg. Dann ist unser Interesse jeweils nur eines, immer gerade auf unseren Weg gerichtet, "straight ahead", einfach unseren Bedürfnissen nach, die nicht bloß auf Essen, Macht und Sex beschränkt sind, sondern so diffizil, wie die Situationen, in die wir geraten. Unsere Natur hat alles schon erlebt; die Archetypen sind in uns, wir bestehen aus ihnen. Unsere Bedürfnisse erscheinen in Form von Archetypen, das menschliche Spektrum davon - und dazu gehören auch unsere Verhaltensweisen gegenüber Artgenossen. Wir sind also nicht natürlicherweise "egoistisch", sondern zugleich auch altroistisch bis zur Selbstaufgabe in extremen Situationen. Es gibt also keinen Grund zu fürchten das Chaos werde ausbrechen, sobald wir unserer natürlichen Neigung folgen. Wir sind natürlicherweise freundlich zu unseren Artgenossen, außer, wenn sie versuchen, uns zu unterdrücken; dann nämlich müssen wir klarstellen, daß unser Lebensgeist, "Gott", keine Interferenzen duldet. Mitleid, "geschwisterliche" Gefühle, Mitgefühl, Barmherzigkeit sind ganz natürliche Eigenschaften eines jeden Menschen. Alle suchen die Nähe, auch die, die vor ihr fliehen, weil sie fürchten ausgeschlossen zu werden.

Die Moslems kennen hundert Namen Gottes und sie nennen damit die Eigenschaften der menschlichen Natur. All das ist in uns. Wir sind es. Tat tuam asi, Gott ist unser Programm, das Muster, nach dem wir geformt sind. Deshalb sagt Jesus "Ich und der Vater sind eins" und "dein Wille geschehe". Gegen unsere Natur arbeiten? Selbstnord!

Aber die Gebote, die Moral der Religionen! Sie können leicht mißverstanden werden und die Menschen können in ihrem Namen ausgebeutet werden. Die Gebote gelten im Zweifelsfall. Sie sind intendiert als ein Rettungsanker für den Fall der Entfremdung von der eigenen Natur. Sie sind ein Mittel, sich zu erinnern. "Dhikr" üben die Sufis daher, Erinnerung. Aber viele von ihnen haben schon bestimmte Vorstellung darüber, was das "la ilaha illallah" bedeutet und geraten dadurch in die "Sümpfe des Monotheismus"(Zitat aus dem Brevier einer Sufi-Tarieqa). Sie bauen sich gegenüber einen Gott auf und verrennen sich ins Imaginäre. Das ist die Hauptgefahr einer jeden Religion, die alte Gefahr des Götzendiensts, sich nämlich eine Ausrede zu schaffen, um nicht wirklich leben zu müssen. Das ist auch das Motiv des Großinquisitors bei Dostojewski.

Die Versuchung zur Flucht ist groß, aber es gibt nur einen Weg zur Freiheit: Wir müssen uns an unsere Natur erinnern, in der alles bestens angelegt ist. Dann wird unser Traum vom Paradies wahr, denn dann können die Kräfte in uns wirksam werden, die es schaffen. Leben heißt einfach zustimmend wahrnehmen, was ist. Das war alles, was von Luzifer verlangt war in der Geschichte vom Sündenfall im Koran. Aber er wollte die Wirklichkeit nicht anerkennen, nämlich, daß es unserer Natur entspricht, daß wir vor dem Menschen niederfallen und ihn anbeten. Unser Ich, Luzifer, bildet sich ein, ein Geistwesen zu sein und das ist sich zu gut für die Demut, aber dafür müssen wir in die Hölle. "Jeder, der zu seinem Bruder sagt 'Du Narr', soll der Feuerhölle verfallen sein", sagt Jesus und das ist nicht eine Drohung für "das Leben nach dem Tod", sondern einfach die Feststellung einer Tatsache. Wer es tut, erfährt die Hölle hier und jetzt. Das Gericht auf die Zeit nach dem Tod zu projizieren, hat zwar auch seinen Sinn und Zweck, aber heute ist es irreführend, weil das einzige, das heute zählt, das permanente Gericht ist, das unsere eigene Natur über uns hält. Unser Wahrnehmungs- und Reaktionsapparat funktioniert nicht richtig, wenn wir der Wahrnehmung eine Einbildung überordnen - und genau das tut einer, der einen Mitmenschen als minderwertig betrachtet; er sieht weder das eine Wesen, noch die Verschiedenheit seiner Wege.

Die Religionen warnen gewöhnlich - jedenfalls in unserer Zeit - vor der Natur, die sie identifizieren mit dem "bösen Trieb". Die so die Welt aufteilen in gut und böse, sind, zumeist ohne es zu wissen, gnostische Dualisten und wie diese verstehen sie die Notwendigkeit der "Selbstüberwindung" falsch: In der Form der Askese nämlich führt die Selbstüberwindung zu Hochmut ("ach, wie stark ich doch bin, daß ich ohne die Annehmlichkeiten des Lebens existieren kann"), nur im Sinn von Ich-Überwindung oder besser durch Überwindung der Einbildung führt sie zum Leben, weil da die Liebe die Führung übernehmen kann. Ich möchte damit nicht sagen, daß Askese in jedem Fall schlecht ist. Sie ist ein notwendiger Teil des gesamten Spektrums menschlichen Lebens, aber die asketische Lebensform zu wählen, um spirituelle Erfolge zu erzielen, ist Wahnsinn, Selbstvergewaltigung, die nur Schaden anrichten kann. Wenn wir das bißchen Freiheit, die wir haben in all unserer Determination, benützen, nicht für einen ehrgeizigen Machttrip, sondern für die Hingabe ans Leben, dann erreichen wir mehr als durch alles Streben. Aber die Hingabe des Lebens schließt das Streben nicht aus, sondern ein. Der Akzent liegt auf dem Unterschied zwischen Eigensinn und der Annahme des eigenen Schicksals, das uns eben anders geformt hat als die anderen. Jeder muß seiner eigenen Spur folgen und das ist etwas ganz anderes als Eigensinn, verschieden wie die Realität von der Einbildung, wie die situationsgemäße Reaktion vom Handeln aus einem Schema heraus.

Natürlich hat auch das Handeln nach einem Schema seine Berechtigung zu seiner Zeit und an seinem Platz, aber es darf die Spontaneität nicht ersetzen; es ist da für die Phase des Lernens, nicht der Kunst.
 
 

Die Schematik der Lebensweise einer Majorität bewirkt, daß die Neuerer anfangs bekämpft werden, bis schließlich das Neue im Verlauf eines langen Prozesses in ein neues Schema gepreßt ist. Das ist die Geschichte der "tausendjährigen Reiche" und der Revolutionen. Wir erleben gegenwärtig eine dieser Revolutionen mit, eine sehr gefährliche, die gefährlichste seit Menschengedenken. Die entfremdete Ordnung hat ihre eigene Zerstörung erfunden und so befinden wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit: ob die Menschen ihn gewinnen oder ihre Produkte. Durch den Druck dieser ungeheuren Gefahr der Selbstvernichtung bricht sich heute eine Umkehr Bahn. Die Menschen werden mehr, die ohne Vorurteile als Brüder und Schwestern mit allen anderen leben wollen. Die alten Abgrenzungen verlieren weltweit an Wirkung. Die Welt wird kleiner. Das gemeinsame Interesse aller wird von Tag zu Tag sichtbarer. Die Menschheit wird erwachsen. Erwachsene Menschen machen einander keine Schwierigkeiten, sondern sie ebnen einander die Wege. Sie bedrohen sich nicht gegenseitig, sondern sie kämpfen zusammen gegen die Schwierigkeiten. Kampf muß sein, auch Konkurrenz, aber umbringen braucht man sich dafür nicht mehr. Und wenn wir erst einmal die Energien, die wir jetzt noch gegeneinander richten, für ein gemeinsames Ziel einsetzen, werden wir Unglaubliches schaffen. Angebot und Nachfrage besser ausgleichen, mehr nach Vernunft als nach traditionellen Vorrechten, wäre ein guter Anfang für alle.

Allerdings können wir nichts tun als uns selber in die richtige Position bringen. Jeder kann nur den Beitrag leisten, der ihm entspricht. Einige opfern sich in Terroranschlägen, andere arbeiten als Entwicklungshelfer, andere sorgen für Unterhaltung, andere fürs Essen. Das meint Jesus mit den "vielen Wohnungen im Haus meines Vaters". Selbst die "Verbrecher" arbeiten mit, indem sie die Schwächen des Systems bearbeiten; auch die Neurotiker arbeiten mit durch ihr Leiden an der Gesellschaft; alle sind bemüht, es besser zu machen, aber viele können ihr Glück nicht erreichen, weil sie zu weit entfernt sind von ihren Gefühlen. Sie brauchen die Sitten um einen Halt zu haben. Auch sie bemühen sich. Alle bemühen sich.

Von wo her kommt dann diese ungeheure Gefahr, wenn sich alle bemühen? Von der ungeheuren Angst, die die Menschen davor haben, von anderen eingeschränkt zu werden. Und diese Angst kommt von der Schuld, d.h. von der Unfähigkeit mit ungewohnten Situationen fertig zu werden, weil das konditionierte Schema in diesen Situationen nicht mehr hinreicht. Zwar haben alle ein inneres Gespür, aber es ist nicht entwickelt worden. Statt dessen ist das Schema entwickelt worden. Daher kommt das "nine to five", der tödliche Arbeitstrott, diese allzuoft völlig überflüssige Mühsal! Aus diesem Grund müssen Arbeiten oft auf eine Weise ausgeführt werden, die das Ergebnis zunichte macht. Von da her kommt die große Arbeitslosigkeit, während gleichzeitig wichtige Dienstleistungen fehlen. Ganz zu schweigen von der entfremdeten Religion, die keine Antworten mehr geben kann auf die heutigen Realitäten und dennoch so tut als könnte sie es. Eine peinliche Situation: hochneurotische Priester, die glauben, sie könnten der heutigen Geisteskrankheit Herr werden. Weil sie ihrer eigenen Natur so entfremdet sind, müssen sie sich mit Regeln zudecken. "Übertünchte Gräber" hat Jesus sie deshalb genannt - kein Wunder, daß solche Leute ihn, den Lebendigen, nicht ertragen konnten und ihn aufhängen ließen. Jesus war ein echter Gotteslästerer. Er liebte das Leben in allen seinen Varianten. Er wollte nichts und niemand ausschließen und denen, die sich selber ausschlossen ging er nach, um ihnen zu zeigen wie es besser geht.

Damals war es noch möglich, daß ein Einzelner so viel Einfluß gewinnen konnte. Und die Moslems haben recht, wenn sie sagen, daß Mohammed der letzte Prophet war, denn jetzt entwickeln sich die Dinge mehr in kollektiven Prozessen. Kein einzelner Prophet oder Messias wird mehr die Welt verändern, sondern überall wird gleichzeitig daran gearbeitet. Die neue Weltanschauung ist bereits verbreitet und sie wird sich klarer und klarer abzeichnen. Es ist nicht die des großen Bruders Bürokratius, sondern die der menschlichen Natur und ihrer Möglichkeiten. Die Möglichkeiten der menschlichen Form müssen ausgeschöpft werden, sonst würden die Menschen verkümmern.

In den USA ist heute die größte Plage nicht mehr Krebs oder Herzinfarkt, sondern es sind immer wieder auftauchende körperliche Schmerzen unbestimmbaren Ursprungs. Das Problem ist da und findet man auch eine Kur für sein Symptom, so ändert sich dennoch nichts, das Problem äußert sich einfach in einem neuen Symptom. Das Problem ist das schematisierte Leben, es sind die Berührungstabus, die Abgrenzungen, es ist die Einbildung. Alles Verleugnete muß irgendwo durchbrechen, nun allerdings nicht mehr als die eigene Kraft, sondern als feindliche Macht. Das ist das Problem. Wir bekämpfen uns selber, wir haben Angst vor uns selber, uns fehlt das Vertrauen in unsere Natur. Und gerade wegen unserer Angst müssen wir diese Angst verleugnen und so geraten wir immer tiefer in ihren Sog. Es hilft nichts, wenn wir unsere Angst durch Einbildung kompensieren, wenn wir das Gefürchtete zum Verbotenen erklären, wegen unserer Sicherheit; wir beschneiden uns nur selber durch das Tabu. Nur wenn die Situation es wirklich verlangt, schadet uns die selbstauferlegte Grenze nicht.

Am Anfang einer sozialen Bewegung, wo noch die reale Notwendigkeit am Werk ist, ist das Tabu notwendig, aber am Ende des Zyklus, wenn die Ordnung sich aufzulösen beginnt, wie heute, gibt es kein Zurück zur alten Regel. Das Christentum hat deshalb seine Autorität verloren; die Nationalstaaten und die Staatengemeinschaften ebenso, auch die Gewerkschaften haben kaum noch unmittelbare Interessen zu verteidigen. Die Politik der politischen Parteien ist undurchsichtig geworden, es sind keine echten Interessengemeinschaften mehr, sondern verschlungene Gebilde aus altem Verdienst, Mythos, Idealismus, Ehrgeiz und Korruption. Der Zerfall ist nicht mehr aufzuhalten, aber gleichzeitig beginnen sich die heutigen tatsächlichen Interessengemeinschaften abzuzeichnen. Wie die Autorität der alten Institutionen abnimmt - gleich wie viel politische Macht (=Geld) sie noch zur Verfügung haben - nimmt die individuelle Freiheit zu, gleichzeitig allerdings auch die existentielle Angst, denn nun müssen wieder alle die Verantwortung für ihr Leben selbst übernehmen. Während die alten Gemeinschaften sich auflösen, öffnet diese Angst für neue Gruppierungen. Die meisten von ihnen sind Sekten.

Sekten geben den Individuen den Schutz der Gemeinschaft und sie schützen vor der großen Freiheit, in der ein Mensch ein Nichts ist. Die Sektierer sehen nicht, daß es außerhalb ihrer Gruppierung und außerhalb dessen, von dem sie sich abgrenzen, Menschen leben, die keiner Sekte angehören, sondern die einfach Menschen sind, menschlich wie der "Menschensohn".

Diese menschlichen Menschen erkennen einander über alle Schranken hinweg und sie erkennen die Sektierer und ihre spezifische Angst, aber sie verurteilen nicht, denn sie wissen, daß jede Entwicklung ihre Phasen hat. Sie selbst haben die Angst hinter sich gelassen, sie kennen keine Tabus, sie wissen unmittelbar, was ihnen gut tut und was nicht. Die Sektierer lassen es sich von außen diktieren. Sie spüren es nicht oder sie wagen nicht zu hoffen, daß die Wahrheit auch in ihnen sein könnte; sie sind unsicher und so gibt ihnen ihre Regel Sicherheit, sofern sie sich wirklich damit abfinden können. Die Regel ist wie ein Zaun, innerhalb dessen kein wildes Tier auftauchen kann, wo die Leidenschaften bezähmt sind und ihr Verlauf vorhersehbar. Das bringt innerhalb des Zauns große Spontaneität, weil Zweifel ausgeschlossen sind.

Zweifel ist ein Zwischenzustand. Wenn der Bann einer Loyalität gegenüber Personen, Gruppen oder Ideen gebrochen ist, entsteht ein Vakuum und die Kraft teilt sich auf auf die verschiedensten Motive, die nicht weniger "irrational", d.h. unbewußt sind, als die alte Loyalität. Und die Spaltung der Kraft erzeugt dieses zehrende Gefühl, diese Angst, verloren zu sein, verloren in der Wüste der Vielheit. Die Freiheit ist eine ungeheure Gefahr, wenn jemand die Ganzheit nicht kennt, wenn jemand noch nicht weiß, daß es da etwas gibt, das uns auf der anderen Seite, am Boden des Abgrunds, der Depression, empfängt. Was uns dort auffängt, ist wie eine Person. Deshalb reden so viele von einem "personalen Gott". Aber es ist einfach unsere menschliche Form, unsere Natur, die eben mit allem verbunden ist und zur rechten Zeit immer die rechten Kontakte knüpfen kann, wenn wir es zulassen.

Vielleicht ist Ihnen das zu mythologisch, wo es doch Millionen Beispiele gibt, wo Menschen eben nicht aufgefangen worden sind von ihrer menschlichen Natur, die einfach ausgelöscht wurden in einem sinnlosen Tod. Die Existentialisten waren inspiriert von dem Problem, aber Stan Grof würde von ihnen sagen, sie seien emotionell in der zweiten Phase ihres Geburtserlebnisses hängen geblieben, in der ausweglosen Depression, wenn nämlich die Wehen einsetzen und der Geburtskanal noch nicht geöffnet ist. Und so sollten wir darüber hinausdenken. Denn selbst in einer ausweglosen Situation ist es besser, auf diese menschliche Natur zu vertrauen und zu glauben, daß sie durch ihre Verbundenheit mit allem rechtzeitig einen Ausweg finden wird und daß der tatsächliche Weg dieser Ausweg ist. Auch wenn das Ergebnis der Tod ist, bleibt das Leben doch nur so lange menschenwürdig, als einer nicht aufgibt seiner eigenen Natur zu vertrauen. Daß das nicht heißt "die Hände in den Schoß legen", brauche ich ja nicht noch betonen. Unsere Natur spornt uns schon zum Handeln an, wenn wir in Gefahr sind.

Alle Religionen laufen letzten Endes darauf hinaus, dort hinzuführen, daß ein Mensch seine biologische Form zur Wirkung bringen kann. "Gott" ist die menschliche Form, wie Castaneda sagt, und die Namen Gottes, die die verschiedenen Religionen anbieten, sind die Züge dieser menschlichen Struktur und es sind die archetypischen Züge der ganzen Schöpfung. Angesichts dieser menschlichen Natur wird es völlig klar, warum die Religionen sagen, daß wir nichts tun können, daß wir völlig abhängig sind von der göttlichen Gnade, daß unser Ich sterben muß, damit Gott in uns leben kann, also damit die menschliche Struktur uns lenken kann in spontaner Bewußtheit. Wir müssen jene größere Macht, nämlich die unserer Konstruktion, anerkennen und uns hinter seine Intentionen stellen. Unser Körper hat gewisse Bedürfnisse, die natürlich sind und diese Bedürfnisse sind gleichzeitig das Korrektiv, das jede Entfremdung wieder rückgängig macht. Im Alten Testament heißt es von Gott, er trage die Berge ab und fülle die Täler, genau das ist es. Von unserer Form gehen die Revolutionen aus. Deshalb sagen die Hopis, der Erlöser sei ein Mann mit einem roten Hut: Die Sexualität, wenn sonst nichts, wird die Menschen immer wieder zueinander führen.

In der Geschichte läuft eine Welle, oder besser, die Geschichte ist ein buntes Gewebe von Wellen, in dem die Menschen immer schwanken zwischen totaler Isolierung und Vereinzelung bis zur totalen Aufhebung des Individuums in einem Kollektiv. Das Kooperationsbedürfnis ist genauso stark wie das Konkurrenzbedürfnis. Deshalb brauchen die Moralisten keine Angst haben, daß nur noch Vandalismus und Terror herrschen würde, wenn die von ihnen errichteten Schutzwälle aufgehoben würden. Das Gegenteil trifft zu. Der Terror entsteht, wenn überholte Tabus aufrechterhalten werden. Die Ohnmacht einer sinnlosen Beschränkung gegenüber erzeugt einen Haß, der keine Rücksicht mehr auf sich selber nimmt, der nur noch den Geist des Kampfes gegen jenen Geist der Beschränkung setzt.

Das ist die Realität der Geister. Engel und Dämonen, Förderer und Vernichter gibt es überall. Jede Bindung, die wir in uns spüren, ist das eine oder das andere und manchmal gleichzeitig beides. Die Dressur durch unsere Eltern ist so ein Geist, den wir überwinden müssen, soweit sie uns weggeführt hat vom Vertrauen auf die eigene Natur.

Was ist unsere Natur? Nicht nur die DNS, auch unsere persönliche Geschichte von der Zeugung an gehört dazu. Aus ihr entsteht unsere Berufung, die Antwort des menschlichen Geistes, also "Gottes", auf die Behinderungen unserer Entfaltung. Jeder muß seinen Ausweg finden, d.h. die Erlösung aus der Situation, in der er seine Natur verleugnen muß, wo er nicht ehrlich sein kann, weil andere ihn verurteilen. Der Ausweg besteht entweder darin, sich aufzugeben und sich der Regel irgendeiner Sekte - zuletzt der der Chirurgen - zu beugen oder darin, das Eigene einfach zu tun, die Angst abzuschütteln für verrückt gehalten zu werden und es einfach zu wagen, wie die Stars es gewagt haben. Das Leben wagen. Das ist die Weisheit des ungesicherten Lebens" (Alan Watts). Das Höchste gibt es nur im Vertrauen, im Risiko, nur wenn wir das Leben aufs Spiel setzen - nicht leichtsinnig, sondern bewußt. Das ist ein logisches Naturgesetz.

Der Hypnotherapeut Milton Erickson hat festgestellt, daß viele seiner Patienten Angst hätten zu verhungern, obwohl doch tatsächlich in unseren Breiten kaum jemand jemals verhungert. Aber darauf geht alle Angst schließlich zurück. Darauf beruht alle Unterwerfung von klein auf an. Erst wenn wir diese Angst im Vertrauen transzendieren, können wir jenes höhere Prinzip entdecken, daß "der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt", wie Jesus sagt. Aber irgendwann machen alle die Erfahrung, daß da tatsächlich etwas ist, das alle immer absolut gerecht behandelt und doch großzügig ist. Dieses Etwas ist unsere menschliche Natur, die sich zu unserem Ich verhält wie eine Maschine ihrem Benutzer gegenüber. Solange beide sich gegenseitig respektieren, geht alles gut, aber wenn der Autofahrer die Warnsignale mißachtet und Wasser oder Öl ausgehen läßt, wird seine Maschine zerstört werden. Wenn er dagegen das rote Licht nicht als einen bösen Trieb des Automobils ansieht, dann fährt er gut.

Wir sind so wunderbar konstruiert, daß wir unsere Fähigkeiten nie voll ausschöpfen können. Wunder sind einfach menschliche Fähigkeiten. Nicht nur Genies verfügen über sie, sondern alle, die ihrer Natur keine Schranken auferlegen als die, die sich aus der Situation ergeben. Und auf die stellt sich unser Körper ohnehin automatisch ein. Worauf alle Religionen hinzielen, ist die Herrschaft der menschlichen Natur, der DNS. Auf ihr beruht das "Reich Gottes", in dem die Menschen wie die Tiere absolut auf ihren Wahrnehmungsapparat vertrauen können. Eigensinnige ehrgeizige Ziele sind nicht amoralisch, sondern einfach selbstzerstörerisch und dumm, weil auf dem natürlichen Weg die Kraft des Universums selber die Arbeit tut.

Wozu dann die höllischen Übungen Castanedas, wozu die Selbstbeherrschung der Heiligen? Der Abstieg in die Hölle war seit je her eine der in sämtlichen Mythen vorgeschriebenen Notwendigkeiten für jeden Krieger und Helden, weil wir zuerst wissen müssen, wie schlimm es wird, wenn wir uns nicht bekehren zu unserer Natur. Und was wir gelernt haben bei dem Abstieg, das hilft uns zur Rückkehr und von dem leben wir dann. Der Abstieg macht offenbar, daß die Kraft nicht unser Verdienst ist, sondern bereits da. Wir sind bereits erlöst, wir sind frei. Wir können tun, was wir wollen; wir dürfen es nicht nur, wir müssen es. Die Alternative ist der Tod.

Alle Übungen der Askese können nichts für uns tun, als unsere Einbildung vermehren, bis die Einsicht in diesen Wahnsinn durchbricht - oder auch nicht. Wir brauchen uns selber nicht unter Druck setzen, wir brauchen nur den Druck zulassen, der schon da ist. Die meisten von uns leiden nicht an Energiemangel, wie sie glauben, sie leiden an Energiestaus. Sie lassen ihre Energie nicht dort ab, wo sie ist und bilden sich ein, sie müßte anderswo sein, wo sie sie dann mühsam "erzeugen", indem sie sich selbst unter Druck setzen. Das erzeugt Depression. Wir erzeugen die Depression. Der Glaube an die Selbsterlösung führt zu einer wahren Sisyphosarbeit. Sisyphos war zwar sehr schlau, aber nicht schlau genug, niemand ist schlau genug. Wir können uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, wir können nur erkennen, daß dieser Sumpf ungeheuer interessant ist und daß es da viel für uns zu tun gibt und Nahrung genug. Mit dieser Erkenntnis sind wir im Sumpf gerettet. Wir brauchen keinen mysteriösen Ausweg mehr, wir brauchen keine Religion mehr, weil dann die Wirklichkeit selber "Gott" ist, was sie ja ist. Wir brauchen keine Götterbilder mehr, denn die Natur ist das letzte Bild Gottes, das es gibt. Das Leben ist das Reich Gottes. Das Jenseits nach dem Tod ist nur für Ideologen interessant und doch gibt es zwei Arten des Lebens nach dem Tod, einmal unsere Gegenwart, die "dann" nicht einfach vergangen, sondern immer da ist - nach unserem Tod pflanzen sich die Wellen ja fort, die von uns ausgegangen sind - vor allem aber ist mit dem"Leben nach dem Tod" etwas anderes gemeint: Wir leben nämlich erst richtig, nachdem wir unser Schicksal akzeptiert haben, nachdem unser Eigensinn gestorben ist. Durch den Tod unseres Ich hat die Natur ihren Lauf und wir haben ihre Kraft. Nun kann uns keiner mehr etwas vormachen, nun wissen wir Bescheid: Nur das, was wir lieben, zählt, nur der Weg des Herzens. Unsere Liebe muß unser Herr sein - wie christlich das klingt! Wir brauchen uns nicht sorgen, daß wir versanden könnten, denn ein gesunder Ehrgeiz, ein Streben ist in unserer Natur angelegt, gemeinsam mit den Zielen dieses Strebens.

Der "Tod Gottes"' in der Theologie war die Einleitung jener endgültigen Kenosis, zu der wir kommen, wenn wir anstatt eines mythenumwobenen Gottes die Wirklichkeit selber achten. Jesus hat es angekündigt, aber jetzt erst ist es da. Wir erleben das Ende und gleichzeitig den Anfang des gesamten Zyklus der Religion, Religion in der Phase des Realismus. Als Nächstes folgt die Vermittlung. Aus dem Realismus wird eine Lehre, neue Mythen und Götterbilder werden entworfen; Entfremdung und Schizophrenie wird wieder einsetzen, bis die Spaltung erneut ganz durchgeht und der alte Gott stirbt und neugeboren wird. Die Entwicklung verläuft zyklisch, aber nicht kontinuierlich; am Ende jeder Runde gibt es einen Bruch und die Spur beginnt daneben neu, denn die alten Religionen verweigern die Kooperation. Ein Umdenken ist für sie nicht möglich. Mit den Mythen würde sich ihre ganze Welt auflösen, für die sie bisher gelebt haben. Schon allein um das Gesicht zu wahren, würden sie an ihren Vorstellungen festhalten. Aber leider täuschen sie sich. Was sie für Häresie halten, ist die Realität und wenn sie es nur für einen Augenblick wagen könnten, ihre mythischen Filter wegzulassen, durch die sie die Welt betrachten, könnten sie es selber sehen. Aber sie meinen das wäre das Ende der Welt.

Die echten Gurus, Brückenbauer und geistige Führer, müssen da durch. Ihr Filter muß zerbrechen und sie müssen ihn dann rekonstruieren für alle, die nur eine mythologische Sprache verstehen. Jesus sagte: "Ich hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen. Später, wenn ich gegangen bin, wird es euch der Geist offenbaren." Viele können die Wahrheit nicht unmittelbar ertragen, deshalb suchen sie nach einem Filter, durch den sie für sie greifbar wird. Früher waren es die Religionen, heute sind es Ideologien oder der Konsum. Und wie viele, von denen, die aussteigen, denen der Konkurrenzdruck zu stark wird, flüchten in eine religiöse Gemeinschaft! Und unter dem Filter ihrer Lehre fangen sie an zu gedeihen. Es ist heute gottseidank alles möglich. Jeder kann auf seine Facon selig werden und so soll es sein. Jeder muß seinen Platz finden, wo er geborgen ist und sich entfalten kann. In jedem ist etwas anderes zu entfalten. Jeder erfüllt seine Aufgabe, indem er dem antwortet, was er erfährt - nicht in "selbstloser" Weise, wie das Jesus meist unterstellt wird, weil er sich umbringen hat lassen - sondern als die Antwort unseres Selbst. Es ist die Antwort "Gottes" an die Welt, die in uns im Idealfall Fleisch wird. Wir sind ganz und gar Er, indem wir genau die Antwort geben, die unser Innerstes uns vorschreibt, wie Jesus. Jesus war keinen Augenblick selbstlos. Er ist nicht im Hintergrund geblieben, er hat sich nicht verdrängen lassen. Er hat sich durchgesetzt, weit über seinen Tod hinaus, bis heute. Der selbstlose Jesus ist ein Mythos, damit die Menschen ihn annehmen können, die in ihrem Leben so eine Direktheit und Frechheit, wie Jesus sie besessen hat, nicht ertragen könnten. Selbstlosigkeit können sie ertragen. Lieber ein Stück Freiheit aufgeben, aber nicht so einem Schicksal ausgeliefert sein wie Jesus. Der Tod Jesu wird immer verniedlicht als Opfertod, aber es war kein Justizmord, wie selbst Juden es heute darstellen möchten, um sich reinzuwaschen: Die Anklage hat zu recht bestanden. Jesus war ein Gotteslästerer und Ketzer. Er hat die heiligen Sitten in Zweifel gezogen, die Angesehenen heruntergemacht ("übertünchte Gräber" etc.) und sich mit dem Abschaum der Gesellschaft zusammengetan. Wer von den frommen Leuten wagt so etwas heute? Höchstens aus "caritativen" Gründen lassen sie sich herab, wo sie immer das Bewußtsein haben können, etwas Besseres zu sein: Verwahrlosten- und Krankenbetreuung etc., aber nicht die ganz einfache Begegnung von Mensch zu Mensch. Jesus hatte keine Klienten.

Dinge, wie Jesus sie getan hat, tun heute die Stars und ihre Botschaft ist der von Jesus sehr ähnlich: "Do it". Jesus hat es getan, obwohl er dadurch umgekommen ist; die Stars tun es und sie werden gut bezahlt dafür; es gibt beide Möglichkeiten. Wir brauchen nicht gleich um unser Leben zu fürchten, wenn wir den ersten freien Schritt tun. Heute sind die Zeiten, jedenfalls bei uns, für ein Individuum nicht so gefährlich. Aber jeder ist anders. Es muß auch die gewalttätigen Revolutionäre geben. Die riskieren ja auch ihr Leben für eine bessere Welt. So sind die Rollen verteilt. Sie sollten sich glücklich schätzen, daß das Schicksal nicht Sie auserwählt hat, in einem terroristischen Selbstmordauftrag umzukommen, anstatt die zu verurteilen, die sich für diese Aufgabe opfern. Jede Rolle ist eine Offenbarung. Es hat schon alles seine Richtigkeit in der Welt. Jeder ist an seinem Platz.

Wenn Du Dich übergangen fühlst, dann schau Dich in den Spiegel und frage, wie die es machen, die nicht übergangen werden; das wäre das Natürliche, aber vielleicht liegen Deine Interessen anderswo; dann mußt Du ja auf Schwierigkeiten stoßen, weil Du nur dort Deine ganze Energie zur Verfügung hast wo Du mit Deinem ganzen Sein zustimmen kannst, wo Du wirklich liebst. Alle Moral hilft nichts, wenn Du am falschen Dampfer sitzt, wenn DU Dinge tust, zu denen Du nicht geschaffen bist und dafür die Deinen vernachlässigst. Der Prophet Jona war so ein Beispiel. Er wollte nicht in die Stadt Ninive und kaufte sich eine Fahrkarte in die entgegengesetzte Richtung. Aber dabei hätte er beinahe Schiffbruch erlitten und weil er schuld war, wurde er über Bord geworfen und von dem Wal verschluckt, der ihn vor Ninive absetzte.

"Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, als das Zeichen des Jona", sagte Jesus. Dieses Zeichen empfangen alle, die nicht glauben wollen, daß sie auf dem falschen Dampfer segeln. Aber nicht alle haben das Glück, unversehrt abgesetzt zu werden, wie Jonas; viele gehen an irgendeiner Krankheit zugrunde, denn die ständigen Zweifel, der ständige Widerspruch mit ihrem Innersten, reibt sie auf. Es gibt kein Entkommen. Entweder wir tun das Unsere oder wir gehen ein. "Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, wenn dabei seine Seele Schaden nimmt," (Jesus).

Wenn wir "Seele" hören, denken wir gewöhnlich gleich an dieses geistige Leintuch, das bei unserem Tod in die ewigen Jagdgründe entschweben soll. Aber damit hat die Seele nichts zu tun. Sie ist unser innerster Kern, ein Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Aktionskoordinator. Darin sind alle Strähnen unserer Geschichte bis zum Beginn der Welt koordiniert mit den Erfahrungssträhnen unserer persönlichen Geschichte. Und all diese Information reagiert auf die momentane Situation, simultan und optimal. "Der Körper weiß" ist die neueste Entdeckung der Psychologen. Aber was sie "Körper" nennen, hat Jesus "Seele" genannt. Die Bedeutungen vieler Wörter haben sich so stark gewandelt, daß die alten Begriffe neu übersetzt werden müssen, damit die alten Texte wieder verstanden werden können.

Heute ist die Entwicklungsspirale der Religionen nach der totalen Mystifizierung und der resultierenden Entfremdung von der Realität an den Punkt gelangt, an dem sich ein Quantensprung vollzieht in eine neue Phase; das Alte bricht und das Neue ersteht auf einer neuen Spur. Und doch kann es erst geschehen, wenn die Verbindung mit dem Alten wiederhergestellt ist. Der Quantensprung vollzieht sich, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen diese Zusammenhänge begriffen hat. Da schlägt, wie die dialektischen Materialisten sagen, die Quantität in Qualität um, eine neue Gemeinschaft entsteht und gebiert aus ihr einen neuen Führer - nicht einen wie Hitler, der geblendet war von den Möglichkeiten und Kraftreserven, die im kollektiven Ehrgeiz liegen, sondern einen Führer, der die neuen Regeln definiert, nach denen die Menschen optimal zusammenleben können. Vielleicht wird es diesmal ein Computer sein, der Angebot und Nachfrage so ausgleicht, daß alle ihr Talent optimal einsetzen können.

So könnte es sein oder ganz anders, darauf kommt es jetzt nicht an und diejenigen, die vor dem Computer Angst haben, müssen alles tun, um diese Angst in positive Aktion umzusetzen. So eine Angst nämlich resultiert aus einer Reihe von Erfahrungen und von da heraus zu handeln, ist der "Auftrag" unseres Innersten. In dem Sinn sind wir die Antwort auf die Welt. Jeder hat das zu tun. Jeder muß seine Angst überwinden, indem er auf sie hin handelt. Der Weg geht in Richtung auf "keine Beschwerde". Das ist unser innerer Auftrag. Alle anderen Ziele sind bloß Ehrgeiz. Schade um die Zeit, von den Schäden, die man sich in diesen Zeiten zuzieht, ganz zu schweigen.

Das heißt nicht, daß wir nur von einem Augenblick auf den anderen leben können ohne längerfristige Verpflichtungen, denn diese Verpflichtungen ergeben sich genauso wie die augenblickliche Reaktion aus unserem Bauplan, aus unserer Seele, aus unserem Körper.

Christian Rosenkreuz beschreibt es gut mit der Geschichte in der der Wanderer vor der Wahl zwischen zwei Wegen steht. Er hat sich gesetzt und fängt an zu essen, und er füttert eine Taube, die aber von einem Raben attackiert wird. Indem er den Raben verjagt, gelangt er auf seinen Weg, also durch einen spontanen Akt, durch einen Akt der Liebe geraten wir auf unseren Weg. Und nachdem wir unseren eigenen Weg gefunden haben, bringt unser Mitgefühl uns dazu, anderen auf ihren Weg zu helfen, deren Interessen ähnlich gelagert sind wie unsere. Unsere Erfahrung wird ihre Angst beschwichtigen und sie ermutigen. Sie können in unsere Fußstapfen treten, während sie noch im Finstern gehen. Sie können noch nicht sehen wohin das führt, aber sie spüren die Spur. So beschreibt es auch Castaneda, den Don Juan in seine Fußstapfen treten ließ, bis er selber "sehen" konnte.

Was ist dieses "Sehen"? Castaneda beschreibt es mysteriös aber auch exakt. Es ist eine Art innerer Gewißheit. Es ist einfach die unverblendete Sicht der Wirklichkeit. Castaneda erkennt den Charakter seiner Versuchsobjekte und sobald wir unsere intellektuellen Identifikationsschemata außer Kraft setzen, geschieht diese Identifikation auch bei uns automatisch. Schließlich haben wir alle Typen schon gesehen und alle Gemütsverfassungen erlebt. So können wir sie ohne Schwierigkeiten erkennen — außer wir bemühen unser Denken, denn dann sind wir auf die oberflächlichsten Erinnerungen beschränkt und auf eine grobe Schematik.

Diese Schematik kann bis zu einem gewissen Grad verfeinert werden. Das ist es, was viele tun, die sich dann einbilden, daß sie das Leben beherrschen, weil sie so spitzfindige Unterscheidungen treffen können. Trotzdem sind die Bewegungen dieser Leute hart und abgehackt. Obwohl sie durch ihre Sophistikation viele täuschen können, täuschen sie doch niemals die, die im Einklang mit sich selber leben. Die nämlich leben nicht in auch noch so feinen Kategorien, sondern unmittelbar, spontan. Sie tun einfach das, was sie lieben und nichts anderes. Was für eine Hingabe das ist! Was für eine Kraft dahintersteht! Der kann nichts widerstehen.

Eine Methode diesen Gefühlszustand zu erreichen ist das, was die Sufis vor allem praktizieren: Dankbarkeit. Die Dinge positiv sehen, statt negativ; wer dankt, muß sie positiv sehen; und er wird sich ganz anders verhalten zum Ausdruck seiner Dankbarkeit. So wird das Leben nicht nur glücklich, sondern auch spontan. Eine andere Instanz übernimmt die Entscheidungen. Die eigenen Eigenheiten werden ebenso dankbar akzeptiert und ohne Schuldgefühle gelebt, wie die der anderen einfach als das genommen werden, was sie sind. "La ilaha illallah", es ist kein Gott außer dem Gott. Unsere Eigenheiten sind ja auch nicht unser Werk, sondern das Ergebnis unserer Geschichte. Und die Veränderung kann erst beginnen, unsere Freiheit setzt erst ein, wenn wir alle unsere Eigenheiten, auch die seltsamsten, akzeptieren. Daß wir uns ins Auge sehen können ohne Illusionen und ohne Beschönigung oder Verzerrung durch Tabus. Wir brauchen nichts verleugnen. Wir brauchen uns "des Zwecks nicht schämen, der in unserem Herzen eingefaltet ist" (I Ching). Die Scham ist ein Schuldbekenntnis, aber wofür? Für etwas, das wir nicht gewollt haben.

In den griechischen Tragödien mußten Menschen büßen für etwas, das nicht in ihrer Macht lag zu tun oder zu unterlassen. Die Menschen waren ein Spielball der Götter. Und die Griechen hatten recht. Einige Götter unserer Vergangenheit haben uns tatsächlich ihren Stempel aufgeprägt. Und erst wenn wir keinen von ihnen mehr verleugnen, ist keiner mehr eifersüchtig und wir können in Frieden leben und in direkter Kommunikation mit den Göttern, mit unserer speziellen menschlichen Form. Der Monotheismus, der eine Vielzahl von Göttern unter dem Vorwand ablehnt, daß alles nur auf eine Ursache zurückgehe, mißversteht den Götterglauben als Götzendienst, aber Götzendienst ist dieser Monotheismus selber, da in ihm nämlich Gott nur noch ein Bild ist und keine Wirklichkeit. Und doch gelingt es dem Vorstellungsapparat des Monotheismus im Idealfall durch die Konzentration auf den Einen die Vielheit konzentrisch zu lenken - eben durch die menschliche Natur, durch die menschliche Konstitution.

Es ist dann so wie bei einem echten Jäger, z.B. bei einer Schlange: Der grob schematische "Instinkt" ermöglicht eine automatische Bewegung des Körpers. Die Schlange selber steht dabei im Hintergrund. Sie beobachtet sich und die Umgebung und wartet auf die Chance. Und sobald diese ins Wahrnehmungsfeld kommt, wird sie identifiziert und blitzschnell schlägt sie zu, mit voller Konzentration. In dem Moment entscheidet nicht der Instinkt, sondern jenes alles beobachtende Bewußtsein. Die Schlange selber stößt zu, ganz bewußt und absichtlich. Ohne daß sich die Schlange erst einmal ihrem Schicksal überließe und der automatischen Steuerung, könnte sie nicht mit voller Konzentration wahrnehmen. Schlangen geht es nicht anders als Menschen: Unter schlimmen wie guten Bedingungen geben manche auf und manche sind souverän. So haben auch die Tiere ihr Bewußtsein und Pflanzen und Steine und Elektronen. Aber dieses Bewußtsein ist nicht ihres, genausowenig wie das unsere uns gehört, es ist das allgemeine, das eine Bewußtsein, an dem wir alle teilhaben wie die vielen Terminals eines großen Computers. Allen ist prinzipiell alles zugänglich, aber ihre Vorgeprägtheit hindert sie von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Unser Hirn ist, wie Aldous Huxley bemerkt, ein Eliminationsorgan, das diesen Prägungen gehorcht, die unter besonderen Umständen auch aufgehoben werden können.

Dann wäre die Sache also wahr, mit dem Himmel und der Allwissenheit und der Allmacht und der Unsterblichkeit! Das ist für einen modernen Menschen schwer zu schlucken. Was immer aber an den Wunderberichten stimmt oder nicht, es gibt nur einen Weg zu diesem Gleichklang: uns so zu nehmen, wie wir sind, den Wegen unseres Herzens zu folgen. "Tu was du willst, aber tu es ganz", sagt Thomas More und die Offenbarung des Johannes: "Oh wärest du doch heiß oder kalt, aber weil du lau bist, will! ich dich ausspeien aus meinem Mund". Man kann etwas nur ganz tun, wenn man es liebt. Alle Anstrengung kann nicht zu Ergebnissen führen wie die Liebe. Und zwar ist dies keine sogenannte "selbstlose Liebe", sondern einfach die Form unserer Lebenskraft.

Ein Sufi hat mir einmal erklärt, daß ein echter Moslem dankbar in die Hölle geht, wenn Allah ihn dort hinschickt. Selbst im Feuer ist er dadurch glücklich und gleichzeitig jederzeit offen für einen möglichen Ausweg. Und wenn es keinen gibt, ergibt er sich willig in den Tod. "Inshaallah!" Genauso sind die chinesischen Taoisten ursprünglich vorgegangen, genauso die Samurai oder die Krieger irgendeines anderen Volkes. Dieses "das Schicksal akzeptieren" hat z.B. in Indien Auswüchse hervorgebracht, wie das Kastenwesen oder den Fatalismus bei vielen Moslems und auch Christen. In Wirklichkeit aber eröffnet diese Haltung die einzige Möglichkeit, einen möglichen Ausweg wirklich wahrzunehmen, denn das braucht alle Konzentration. Die hat nur einer, der vertraut, einer, der für gut nimmt, was da ist, einer, der dankbar annimmt, was ihm geboten wird - und es dann vielleicht weiterschenkt, wenn ein vordringliches Bedürfnis auftaucht.

Das Schicksal akzeptieren ist der Anfang der Freiheit.

Nun können wir uns fragen, was uns determiniert: Wer gibt die Befehle, wie weit geht die Macht des Ich, wie weit muß es sich einer höheren Realität beugen. Was ist diese "höhere Realität", der wir untergeordnet sind? Was sind die unabänderlichen Fakten? Was können wir tun? Was gibt uns die Kraft und was steht gegen uns?

Das Leben muß errungen werden, aber es ist genügend Kraft da, die Kraft, die das Gras durch den Asphalt treibt. Das Leben ist Teil der Entropie, indem es das Solide zerlegt, aber gleichzeitig überwindet es die Entropie, indem es Gestalten formt aus dem Abfall der Entropie. Wir leben vom Morast, vom Zerfall anderer Gestalten. Wer gibt den Befehl? Niemand fragt danach. Er ist einfach da, ein Teil von uns. Wir sind dieser Befehl.

Was treibt die Insekten oder die Entwicklung eines Menschen? Eigenheiten der molekularen Struktur der DNS oder vielleicht ein morphogenetisches Feld, eine platonische Idee, ein Archetyp, eine Struktur eines übergeordneten Vektor-Raumes? Die Ursache kennt niemand ("Niemand hat Gott je gesehen", Anfang des Johannesevangeliums). Wir kennen nur Wirkungen, Wir selber sind die Wirkung einer unendlichen Reihe von Einflüssen. Und sowohl die einzelnen Einflüsse als auch unsere Identität sind gespeist von der gleichen Lebenskraft, die alle Entitäten zur Selbstvervielfältigung drängt. Ein Teil der Einflüsse ist daher immer auf unsere Zerstörung gerichtet und Teile von uns verbünden sich mit diesen zerstörerischen Einflüssen, solange wir unfähig sind, die Tatsachen anzuerkennen und unsere Situation nüchtern zu betrachten.

Unsere eigene Existenz ist in mancher Hinsicht eine Bedrohung der Existenz anderer oder eine Einengung ihrer Freiheit oder ihrer Möglichkeiten und das lassen sie wiederum uns spüren als eine Bedrohung unserer Existenz. Eine weitere Bedrohung ist die Faszination, die versucht, uns in eine Falle zu locken, damit wir Beute werden für die Lebenskraft anderer. Es ist das eine natürliche Auslesefunktion. Deshalb haben auch die Zerstörer ihre positive Aufgabe im Ganzen, als Vollzugsorgan der Evolution.

Wir haben einen natürlichen Schutz gegen diese Fallen eingebaut: Keine Falle ist perfekt getarnt, jede baut auf unsere Unachtsamkeit. Unachtsamkeit wieder ist verursacht durch Ablenkungen. Und Ablenkungen sind unerledigte Geschäfte. Sie drängen sich in unser Bewußtsein und verdecken unseren Blick auf die Wirklichkeit. Erst wer seine Schuld aufgearbeitet hat, ist frei zu sehen und ihm öffnet sich ein Wahrnehmungsbereich, der dem Bewußtsein der meisten Menschen kaum zugänglich ist: Er kann in der Form die dahinterstehende Intention erkennen und er spürt auch die Intentionen räumlich und zeitlich entfernter Einflüsse, weil er alles wahrnimmt, was für ihn relevant ist. Außersinnliche Wahrnehmung ist eine natürliche Fähigkeit, die uns zur Verfügung steht, wenn wir uns nicht mehr an das Gewohnte festklammern. Alles ist da. Unser Wahrnehmungsapparat filtert nur aus und unsere Präokkupation beschränkt unser Bewußtsein.

Um die negativen Einflüsse also auszuschalten, können wir nur auf unsere eigene Lebenskraft vertrauen. Das ist das einzige Mittel. Alles andere kann nur eine Hilfe sein und wenn es das nicht ist, dann heizen die Methoden nur das Feuer, in dem wir braten müssen, bis wir weich genug sind, damit wir genießbar werden. Genießbar können wir natürlich nicht sein, solange wir im Feuer sind. Wir müssen schmoren bis unser Eigensinn weggeschmolzen ist, diese Angst, dieses Mißtrauen. Das wirklich Eigene kann erst herauskommen, wenn wir vertrauen, wenn wir uns trauen - "Eigensinn" ist das Muster der Schranken, die wir uns auferlegen lassen, der Stereotype, die wir leben - bis wir uns trauen mit unserem Eigenen herauszurücken. Das ist alles. Im Grunde geht es für jeden darum, seinen wahren Beruf zu finden, seine Lebensnische, seine Chreode, den Platz der Harmonie. Jedem teilt das Schicksal eine Rolle zu. Die müssen wir spielen und umso näher wir ihr kommen, umso besser ist unser Leben. Es gibt keine Regeln, es gibt nur statistische Naturgesetze und selbst die können wir überwinden: "Wer auf dem Weg sucht, wird auf ihm finden. Und wer schuldig ist, wird auf ihm entkommen", sagt Lao tse, und weiter: "Brich ab die Heiligkeit, verwirf die Klugheit. So wird dem Volke hundertfältiger Nutzen."

Was bleibt da zu tun? Was du willst. Nicht mehr und nicht weniger. Dein Wille ist der Wille Gottes. Aber natürlich erst, wenn der Wille Gottes dein Wille ist, wenn "du und der Vater eins" seid; wenn du dich nicht mehr selber bekämpfst durch Heiligkeit, Klugheit, Menschlichkeit; wenn du demütig genug bist, einfach der zu sein, der du bist. Sei wie du bist. Tu dir keinen Zwang an. Laß dich anschauen. "Stell dein Licht nicht unter einen Scheffel" (Jesus). Heraus mit dir. Gib dich. Alles andere schadet dir und den anderen, die du mit deiner falschen Atmosphäre vergiftest, während du sie zu schonen meinst. Hab keine Angst um deine Haut. Vertrau! Die Wahrheit kommt ohnehin ans Licht.

Welches Theater willst du noch spielen? Welches Theater spielen wir oft, wenn wir jemand kennenlernen wollen! Es ist umsonst. Wir können nicht unser Leuen lang Theater spielen. Es ist besser, wenn wir uns gleich so zeigen, wie wir sind. Und wenn unsere natürliche Neigung lebensgefährlich ist, müssen wir ihr dennoch folgen, wie die Revolutionäre. Einzig das ist Leben. Wir alle wissen es und wir geben es zu in der Faszination, die die archetypischen Helden auf uns ausüben. Alles Sich-Verstecken zehrt am Leben. Es macht uns kraftlos und unser Leben langweilig. Selbstzerstörung ist das.

Such dir die Stelle, an der du heiß bist und benutze die Energie, die da gespeichert ist, nicht für einen Ersatz, sondern für das Wirkliche. "Was keiner verlacht, ist nicht würdig zum Weg genommen zu werden." (Lao tse). Das heißt jetzt nicht, daß du dich einer absurden Sekte anschließen sollst - außer das ist dein Weg - sondern einfach, daß du du selbst sein sollst, lächerlich für viele, glückbringend für andere. Das ist das Kreuz, das die Christen tragen sollen, nicht irgendwelche Leistungen der "Selbstverleugnung" sind verlangt, sondern eben diese Selbsthingabe; daß du nicht eine "christliche" oder eine "menschliche" Rolle spielst, sondern deine und keine andere. Das ist das erste und einzige Gebot. Alles andere ergibt sich daraus. Wenn du dich dahin durchgerungen hast, daß du dich traust, dann ist die Menschlichkeit und alle Tugenden ganz natürlich für dich. Aber solange du fremden Zielen folgst, mußt du dich zur Tugend zwingen. So ist die Nächstenliebe in Wirklichkeit Götzendienst, ein Zeichen des Mißtrauens.

Und noch etwas sollte dir keine Sorgen machen: Falls du dich in einer niedrigen, dienenden Position wohl fühlst, gibt es keinen Grund für dich unbedingt sozial aufsteigen zu wollen, auch wenn alle dich dazu drängen. Es gibt kein Soll als das, daß du dich wohl fühlst. Das ist der Weg des Herzens. Und allein dieser enge Pfad ist der Weg der Freiheit. "Fürchte dich nicht vor dem Abstieg" heißt es im Brevier einer Sufi-Tarieqa. Der Abstieg in die Hölle ist dieses anfängliche Wagnis "die Sau herauszulassen". Eine der Gründerinnen der Findhorn-Gemeinschaft hat gesagt, die Wende sei bei ihr eingetreten, als sie wieder begann zu rauchen und Whisky zu trinken. Arnold Keyserlings "Mensch im All" sagt, unsere kleinen Süchte sind o.k. Wir dürfen das Leben genießen. Wir dürfen nicht nur, wir müssen. Wer es nicht wagt, muß in der Rolle braten zur "Strafe" für seinen Unglauben.

Erlaube dem kleinen Süchtigen in dir so viel Kuchen wie er will. Laß ihn sich überessen, daß ihm schlecht wird, das ist die natürliche Medizin. Gib es dir, wonach es dich verlangt. Und benütze das Hirn dazu, die geeigneten Wege zum Guten zu finden - wie der Hund seine Nase benutzt. Auf dem natürlichen Weg gibt es keine Gefahr, die wir nicht sofort spüren würden, noch bevor sie uns nahe kommt. Und ohne Vorsicht und Mißtrauen können wir ihr richtig begegnen, ganz von selber, aus unserem Lebenstrieb heraus. Von dem stammt die Energie. In seinem Interesse liegt es, daß wir nicht umkommen und daß es uns gut geht. Alle Zensurmaßnahmen hemmen diese Energie, diese Schöpferkraft, die früher "Gott" genannt worden ist. Wir müssen diese Kraft zulassen in allen ihren Bereichen, im ganzen Spektrum unserer Existenz. Wir müssen jede Erwartung aufgeben und einfach vertrauen.

Das ist "der Sprung in den Abgrund" bei Castaneda und in der esoterischen Literatur. Es scheint lebensgefährlich. Ja, das Leben ist lebensgefährlich, aber anders wäre es kein Leben. "Wer sein Leben behalten will, verliert es. Aber wer es hingibt, gewinnt ewiges Leben" (Jesus). Das ist das ewige Leben. Wir haben keine Wahl, als zu vertrauen. Alles andere ist anmaßender Wahnsinn. Die Lebenskraft selber ist unsere Rettung, wenn es eine Rettung gibt. Alle Methoden können höchstens zu dieser Einsicht führen, wo wir dann einfach springen müssen.

Die in Methoden und Zwecken steckenbleiben, sind Sklaven. Aber: Auch sie werden gebraucht: "Die Guten sind die Lehrer der Schlechten und die Schlechten sind das Kapital der Guten" (Lao tse). Sie können noch nicht zu ihrer Selbständigkeit durchbrechen und ermöglichen so den Stars ihr Leben als Stars. Sie lassen sich führen und sie gehen auf alle möglichen Trips. Sie folgen ihrer Faszination und so sind sie schon auf dem Weg. Solange die Faszination anhält, sind sie erlöst von sich selber. Und wenn sie aufhört, dann, weil etwas anderes in den Vordergrund gerückt ist: Das war es wieder nicht; dieses "nicht dies und nicht das" der Hindus. Das alles ist es nicht. Wenn wir mit unseren Trips durch sind, indem wir unserer Faszination folgen, kommen wir an den Wendepunkt, wo wir zu unserem Eigenen durchstoßen. Von da an kann die Schöpferkraft in uns wirken.

Wir müssen uns ihr zur Verfügung stellen. Wir müssen nichts anderes als ihr Instrument werden. Und dazu brauchen wir "Selbstdisziplin". Wir müssen an uns arbeiten und Schwäche um Schwäche besiegen, aber wir brauchen es nicht tun. Sie gibt die Energie. Wir brauchen nur die Hindernisse registrieren und zuschauen, wie dieses Etwas in uns sie überwindet. Eine Kraft steigt in uns auf (von den Hindus "Kundalini" genannt), aus unserer Unbefriedigtheit - sofern wir diese Kraft nicht lähmen, indem wir uns Ersatzbefriedigungen schaffen. - Natürlich möchte ich hier nicht wieder ein Vorurteil erzeugen, etwa gegen die Selbstbefriedigung, denn die kann ganz gut sein, wenn man schon droht zu erschlaffen oder auch sonst, wenn man Lust dazu hat. Wir dürfen uns nämlich nichts vorenthalten, in der magischen Annahme, daß wir unsere Kraft aufbauen, indem wir uns etwas verweigern, als "Opfer" gleichsam, indem wir eben einen magischen Tausch machen, ein Geschäft mit Gott. Beachte das Magieverbot in den Religionen: Mit Gott kann man keine Geschäfte machen, "Gott" gibt uns so und so alles. Wir sind es, die diese Kraft blockieren durch unsere Annahmen. Aber als reine Beobachter ohne eigenen Willen sind wir besser dran. Dann bildet sich nämlich der Wille von selber. Er braucht nicht erzeugt zu werden.

Wenn wir nur genau beobachten, was geschieht, dann spüren wir, wie sich etwas in uns zusammenbraut, das nach Aktion strebt. Und im kritischen Moment können wir auch sehen, welche Ablenkkanäle wir einsetzen, um die Ausführung zu verhindern. Das tun wir, solange wir anderen folgen. So lange sind wir hingerissen und wir wissen nicht, wie uns geschieht.

Die Ablenkkanäle beobachten nennt Castaneda "Pirschen", sich anschleichen und die Kräfte beobachten, die da im Spiel sind. Und dann in die andere Richtung schauen, in die Zukunft. Und da die Schritte sehen, in die unsere Energie sich projektiert. Dann kommt der erste Schritt der Verwirklichung. Wir schaffen uns eine passende Atmosphäre, in der der nächste Schritt leichter sein wird, weil sie auf ihn aufbauen kann. Dann warten wir wieder auf den nötigen weiteren Antrieb. Es hat keinen Sinn, die Entwicklung künstlich beschleunigen zu wollen. Als nächstes kommt die Suche nach der besten Methode. Wenn wir, durch unsere Unzufriedenheit dazu gebracht, den besten Weg gesehen haben, folgen vorsichtige Gehversuche auf dem Neuland. Nun können wir entweder zurückschrecken und in das alte Verhaltensmuster zurückfallen, wir können das Glück haben, daß uns der Sprung gleich gelingt oder wir lassen uns durch einige Niederlagen nicht aus der Ruhe bringen und wir machen einfach weiter. Was immer es ist. Wir brauchen nicht eingreifen, es genügt, zu beobachten. Die Energie unserer Unzufriedenheit tut die Arbeit. Sie treibt uns, wenn wir sie nicht blockieren durch unsere Sorge; wenn wir unsere Intelligenz nicht gegen uns, sondern für uns arbeiten lassen, eben indem wir die Zensur aufheben. Es geht ja schließlich darum, die Tyrannei abzuschaffen.

Die Zensur blockiert die Wahrnehmung unserer wirklichen Situation Sie erzeugt ein Wunschbild, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Die andere Seite des Wunschbildes ist die Sorge, die das Tun ersetzt. Wir blockieren den natürlichen Antrieb durch unsere Meinung, wir müßten die Energie selbst erzeugen, also durch Sorge, Angst, Unglauben. Wenn wir dagegen die Abläufe nur beobachten, schaffen wir dem natürlichen Antrieb Raum. Dann "steigt der Wille aus der Erde auf", wie Castaneda es ausdrückt. Allein durch die Beobachtung wird die Zensur sich verringern, denn sie funktioniert nur unbewußt. Und in jedem Fall werden wir an die Grenze stoßen, an die Komplexe verdrängten Materials, in denen unsere Blockaden wurzeln. Diese Komplexe müssen aufgearbeitet werden und das geschieht durch die Beobachtung. Ohne einzugreifen, können wir nämlich sehen, wie sich die Energie sammelt und wie sie in die verschiedenen Stufen fließt. Deshalb sagen die Taoisten, unser Tun müßte sein wie das des Wassers, das durch Nicht-Tun überall eindringt. Indem wir uns zusehen, entwickelt sich ein Schauspiel vor uns. Die göttliche Energie gibt es uns. Sie gibt uns alles, wenn wir sie nur beobachten. Wir brauchen nichts glauben, wir brauchen nur schauen, und wir werden uns in Freiheit sehen.

Wichtig ist nur, daß der Beobachter nicht vergißt, zu handeln, wenn die Zeit reif ist. Wie die Schlange ganz bewußt und absichtlich zustößt, so müssen wir das auch tun. Das Beobachten bringt unseren Organismus dazu, selbsttätig zu funktionieren. So sind wir frei für den Augenblick, in dem wir eingreifen müssen. Darin liegt unsere Chance der Freiheit. Unsere Natur treibt uns dazu, aber wir dürfen unser Schauen nicht zur reinen Gewohnheit machen, sonst können wir die Chance nicht ergreifen, wenn sie auftaucht. Darüber spricht Jesus im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, die auf ihren Bräutigam warten. Dieses "die Chance ergreifen" ist nicht mehr eigensinnig willkürlich, sondern es entspringt der Situation. Ganz spontan geben wir unserem Körper, was er braucht. In der Methode des Schauens liegt auch die Gefahr der Ermüdung, die eintritt, wenn wir unsere Entwicklung künstlich beschleunigen wollen. Dann geht es uns wie den törichten Jungfrauen, denen das Öl in ihren Lampen ausgeht. Wir müssen daher gleichzeitig in die andere Richtung arbeiten, nach innen und in die Vergangenheit, und die Hindernisse unserer Wahrnehmung beachten. Es sind unsere uneingestandenen Bedürfnisse. Wir müssen ihnen zu ihrem Recht verhelfen - die Rolle Johannes des Täufers - indem wir die Situationen aufsuchen, die uns gut tun und die meiden, in denen unsere Chancen sinken. Das verlangt Aufmerksamkeit, Achtung vor uns selbst und vor der Welt.

Das ist die eigentliche, die ureigenste Angelegenheit des "Ich". Wenn wir uns dieser Aufgabe nicht unterordnen, wird unser Organismus uns durch unangenehme Symptome belehren ("Er wird zurechtgewiesen durch seine Minister in ihren scharlachroten Roben", I Ching). Das ist "die Strafe Gottes". Ein natürliches Phänomen: Wenn wir eine Maschine nicht entsprechend warten, geht sie kaputt. Die Bedürfnisse, die Anweisungen des Organismus sind die Wegweiser zum Himmel.

Da treffen sich Theokratie und Anarchismus. Im automatischen Funktionieren ohne äußeres Gesetz.

Die ganze Welt ist ein autopoetisches System. Sie erzeugt sich selbst. Wir sind erzeugt von ihr und wir zeugen fort. Zu sagen, wir erzeugen uns selbst jedoch, wäre ein Irrtum, wir erzeugen nicht uns, sondern die neue Welt. Dadurch sind wir Teil der Schöpferkraft, eine Blüte, ein Stern, ein Licht. Wir sind dazu da, dieses Licht zum Leuchten zu bringen. So erlösen wir Gott. Alles, was wir tun müssen, ist, ihn zum Vorschein kommen lassen, denn er ist bereits da. Er lenkt uns ohnehin. Wir können ihm trauen, denn er ist unsere Natur. Wir sind also hervorragend ausgerüstet. Alle Sicherungen sind eingebaut. Wir brauchen keine Angst haben. Wir werden aufgefangen, wenn wir fallen, bis wir unseren Weg gefunden haben. Es ergibt sich alles von selbst. Unsere Erfahrungen sind notwendig, damit wir das sehen lernen. Wir brauchen keinen Don Juan, wie Castaneda. Das Leben lehrt uns sehen.

Wenn wir uns irgendwo festgefahren haben, hilft nichts, als daß wir zum Bewußtsein unserer Situation kommen durch diese Erfahrung. Dann sammelt sich in uns die Kraft, die uns herausführt aus den gefährlichen Kavernen des Lebensstroms. Dann kommt Hilfe auf uns zu, weil in uns die Bereitschaft entstanden ist, die Hilfe, die immer schon da war, anzunehmen. Und sogar für den Fall der tatsächlichen Ausweglosigkeit hat die Natur vorgesorgt, indem der höchste Schmerz umschlägt in ekstatische Lust. Davon jedenfalls sprechen Menschen, die von wilden Tieren angefallen und fast getötet worden sind und andere. Aber umso eher wir uns selber trauen, umso weniger wahrscheinlich wird so eine Abkürzung unserer Lebenszeit.

Am besten sind die dran, denen das Vertrauen nicht schon als Kleinkinder verlorengeht. Die anderen müssen es sich nämlich mühsam erst wieder erwerben. Der I Ching behandelt das als "Arbeit an dem, was von den Eltern verdorben worden ist". Die meisten von uns haben damit zu kämpfen. Diese Bearbeitung unserer Geschichte können wir, sobald wir die Notwendigkeit erkannt haben, systematisch betreiben. Es ist nämlich nicht so, wie heute manche "körperorientierte" Menschen meinen, daß wir nichts planen oder berechnen dürften, daß wir unseren "Kopf" ausschalten müßten. Unsere Vernunft soll uns den Weg weisen. Aber dann, bei unserem konkreten Schritt, müssen wir frei sein, Alternativen zu sehen und ihre Chance zu ergreifen. An diesem Punkt liegt die Gefahr der Vernunft. Wenn wir die Regel nicht als relativ groben Wegweiser betrachten, sondern absolut setzen, wird sie gefährlich.

Wenn wir einen Mangel in uns spüren, müssen wir unsere Vernunft einschalten und einen Weg entwerfen mit den besten Methoden, die uns zur Verfügung stehen. Es wäre ein Unsinn auf Methode verzichten zu wollen aus einem ideologischen Spontaneismus heraus. Stan Grof illustriert diese Notwendigkeit der Methode mit seiner Interpretation von Selbstmorden oder von Fällen extremen Masochismus , die er traumatischen Erfahrungen während der verschiedenen Phasen der Geburt zuordnet: z.B. einen Tod durch Schlaftabletten dem Beginn der Konstruktionen der Gebärmutter, denen der Embryo entkommen möchte durch einen Versuch der Rückkehr in den Zustand bewußtloser Geborgenheit. Die gewaltsamen Selbstmordarten rechnet er zur 3. Phase, dem Stecken im Geburtskanal. Die Schwierigkeit, die also dem spontanen Selbstmord Zugrundeliegen, kann durch das Wiederbeleben der entsprechenden traumatischen Situation behoben werden. Der Selbstmord ist also ein Kurzschluß, der vermeidbar ist, wenn ein Mensch sich daran erinnert, daß es diesen Ausweg gibt. Es muß nicht so weit kommen. Wir können Methoden anwenden, die es uns ermöglichen, unsere Sicht der Welt grundlegend zu verändern. Das ist auch der Punkt, an dem der heute gängige Konstruktivismus ansetzt, der zu demonstrativen Zwecken die Bedingtheit oft vernachlässigt.

Unsere Welt ist ein Produkt unseres Bewußtseins und unser Bewußtsein ist ein Produkt unserer Geschichte. Wenn wir daher etwas ändern wollen, müssen wir die Prägesituationen erneut durchleben. Dann sehen wir, daß wir jetzt eine neue Chance haben, zu wählen. Und wir sehen auch, daß diese Wahl nicht eine Sache der Willensstärke ist. Der Antrieb ist bei allen da, nur unsere Widersprüchlichkeit hebt ihn isometrisch auf. Aber alle unsere Schwierigkeiten lassen sich namhaft machen. Und wenn wir bewußt an einem Problem arbeiten, werden wir durch Versuch und Irrtum unseren Weg finden. Aber nicht ohne unsere Vernunft. Die Vernunft wird uns sogar sagen, daß es in gewissen Situationen bessere Ratgeber gibt als sie. Unsere Bedürfnisse sind nämlich die oberste Instanz, die Vernunft dient ihnen nur.

Der Übergang von der Motivation zur Intention ist also der Übergang von teils widersprüchlicher Geprägtheit zur Wahl, vom Getriebensein durch äußere Einflüsse zur Steuerung durch unsere natürlichen Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse sind bei jedem in ihrer ganzen Bandbreite immer da, denn sie signalisieren, was unser Organismus braucht. Aber bei den meisten von uns sind sie teilweise überlagert von "Prinzipien", von alten Loyalitäten, die uns in eine Rolle drängen, die unserer Natur nicht entspricht. Und an diese alten Abhängigkeiten schließen sich die neuen an. Alles hängt zusammen in so etwas, das Grof "COEX-Systeme" genannt hat, Gefühlseinheiten, die auch bestimmen, daß wir die gleichen "Fehler" immer wieder machen. So lange jedenfalls, bis sie uns gründlich auf die Nerven gehen. Dann beginnen wir den Widerspruch klarer wahrzunehmen. Das ist der natürliche Weg.

Bei manchen sind die Blockaden zu stark, als daß sie durchdringen könnten, aber für die, die die Notwendigkeit dazu erkennen, gibt es Methoden. Eine Therapie hilft die Sache aufzuklären und den Sprung zum Bekenntnis zu unserem Bedürfnis vorzubereiten. Wagen müssen wir ihn dann selber. Wenn uns in unserer Kindheit das Selbstvertrauen genommen worden ist und wir uns einfach nicht trauen, brauchen wir zuerst die Zustimmung von außen, die "Streicheleinheiten", damit wir etwas Neues wagen können. Die Wirksamkeit einer Therapiemethode hängt davon ab, wo das Problem liegt, ob es durch ein Zuviel oder ein Zuwenig an Zuwendung ausgelöst worden ist. Wenn etwas fehlt, muß es zuerst ersetzt werden. - Das ist der Grund für den Erfolg so vieler religiöser Sekten: Sie bieten die Zuwendung einer Gemeinschaft, zwar bigott und inquisitorisch, aber doch bestärkend ist für jeden der sich diesem System unterordnen kann. Für die, die sich nicht unterordnen können, gibt es andere Möglichkeiten, ihrem Problem auf den Grund zu gehen: Das Gedächtnis, also unsere Geschichte, ist nach wenigen Gefühlsgrundmustern geordnet gespeichert. Um sie lagern sich jeweils ähnliche Erfahrungen an und verstärken die Wirkung des Grundmusters - das sind die "COEX-Systeme". Unser natürliches Entwicklungsprogramm fördert die traumatischen Blöcke zutage. Unsere Spannung wird so stark, daß der Zwiespalt klar zutage tritt, aber noch nicht unbedingt die auslösende, prägende Situation. Deshalb wiederholen wir die gleichen Fehler immer wieder. Und eine Therapie, die z.B. nur die persönliche Geschichte seit der Geburt als prägend anerkennt, kann Probleme nicht lösen, die während oder vor der Geburt aufgetaucht sind, usw.. Wir müssen aber an den Grund unserer widersprüchlichen Prägungen herankommen. Erst dann löst sich ihre determinierende Kraft und wir können frei entscheiden, also den Fluß zulassen.

Ähnlich wie die Theosophen beschreibt Ken Wilber eine Stufenleiter des spirituellen Aufstiegs und er ordnet den verschiedenen Stufen bestimmte psychotechnische oder spirituelle Methoden zu. Aber er mißversteht als eine "Höherentwicklung", was nur ein anderer Bereich des Spektrums der Widersprüche in den Prägungen ist. Nicht auf eine Höherentwicklung kommt es an, sondern darauf, daß jeder seine Prägungen in Einklang bringt mit seiner Natur. Darüberhinaus ist die Methode klar und jedes Sektierertum hat sich aufgehört. Manche Menschen werden schon durch eine gewöhnliche "Beratung" erlöst oder durch die Psychoanalyse, manche erst durch Raja-Yoga oder durch Zen-Praktiken. Einige sind eben (ohne persönliche Schuld oder Minderwertigkeit) besonders vernagelt; sie brauchen längere und schwierigere Methoden. Es ist aber nicht so, daß schwierigere Disziplinen ein besseres Ergebnis bringen, vielmehr hat jeder seinen Weg. Und aus spiritueller Gier einen schweren Weg zu wählen, ist selbstmörderischer Wahnsinn. Jeder hat seinen Weg. Für manche sind es die Anonymen Alkoholiker, für andere ein Kanarienvogelzuchtverein, die Musik, einfach ihre Arbeit oder was immer. Es ist sicher nicht nur ein Vorteil, wenn man wie Gopi Krishna siebzehn Jahre meditieren muß bis zum Durchbruch der Klarheit und weitere zwölf bis zum Leben aus der Inspiration. Das ist eine lange Zeit nicht gelebt. Andere leben nach ihrer Inspiration schon mit zwanzig ohne diese Phase harter Disziplinierung. Der natürliche Weg ist, daß man sein Ding tut. Man tut es gerne und lernt ohne Streß viel schneller. Es ist wie Castanedas Don Juan sagt: "Auf dem Weg des Herzens brauchst du nicht hart arbeiten". Einen "objektiven" Himmel erreichen zu wollen, ist Wahnsinn. Wer hat denn den "höheren" Himmel erlebt: Mike Jagger, Gopi Krishna, Arnold Schwarzenegger, der heilige Franziskus oder Einstein? Jeder Anspruch auf die höchste Stufe ist absurd. Es gibt nur das Leben aus der spontanen Lebenskraft oder eine Blockade im Energiefluß. Leider erreichen die meisten von uns, wie es scheint, das Leben aus der Inspiration nie. Sie richten sich dauernd nach "objektiven" Kriterien, d.h. nach den Kriterien der anderen. Deshalb haben wir diese selbstmörderischen Waffenarsenale. Wir werden zugrundegehen an unseren Widersprüchen, wenn wir sie nicht bewußt und direkt zu lösen versuchen, wenn wir nicht ganz zu unserem Selbst stehen. Nur indem wir uns an uns selber orientieren, können wir spontan leben.

So stehen wir ständig zwischen zwei Notwendigkeiten: Einerseits müssen wir unsere Vernunft einsetzen und unser Leben methodisch lenken, andererseits müssen wir offen sein für eine totale Veränderung; einerseits also brauchen wir Disziplin, andererseits müssen wir es fließen lassen. Auch wir stehen in dem Dilemma: Welle oder Korpuskel. Es durchzieht alles. Yin und Yang, die Kraft unserer Identität und die Kraft des Alls in Interaktion, "Ohne Schweiß kein Preis", heißt es oder "per aspera ad astras". "Es gibt nur einen Preis, lauft so, daß ihr ihn gewinnt" (Paulus von Tarsus). Es ist die alte Weisheit: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Wir müssen unser Ding tun, gleich welche Schwierigkeiten zu befürchten sind. Auf diesem Weg schmeckt unser Schweiß besser, jede Künstlichkeit dagegen erzeugt ein Gift in uns. Wir brauchen uns nicht künstlich disziplinieren durch Askese, es gibt einen natürlichen Weg der Erlösung.

Wovon wollen wir uns lösen, wem sind wir versklavt? Buddha hat es "Gier" genannt, die Bibel nennt es "Mammon" oder "das goldene Kalb". Es ist eine Angst, daß wir nicht genug kriegen könnten, weil wir nicht genug gekriegt haben von dem, was nötig gewesen wäre, weil wir zur Angst erzogen worden sind. Angst determiniert unsere soziale Rolle, die "natürliche" Kastenordnung, die Hackordnung, die Hierarchie eines Rudels. Die Rangordnung unserer Eltern hat sich auf unser Selbstbewußtsein übertragen. Und im Maß ihrer Angst müssen wir uns einen Ersatz suchen für unser Eigenstes, das wir unter diesen Umständen nicht durchsetzen können. So entstehen die Süchte und unser "Charakterpanzer". Die Zurückhaltung ist nicht mehr spontan, sondern zur Gewohnheit geworden.

Die Religionen bieten eine Versöhnung an, indem sie uns (im besten Fall) eine echte Autorität vorstellen, der gegenüber unser eingeprägtes Unterordnungsprogramm angebracht ist. Aber solange wir diese Autorität nicht wirklich gefunden haben, spüren wir in uns den Drang "gegen den Stachel zu lecken", wie die Bibel es ausdrückt, die Autoritäten herauszufordern, zu sehen ob ihre hypnotische Kraft wirklich so groß ist, wie sie sich anmaßen. Das ist unsere Suche nach Wahrheit, nach wahrer Kraft, bis wir unseren Meister finden - oder vielmehr gerade durch diese Suche den Meister in uns erwecken. Ohne die Suche wäre es nicht möglich, weil wir ja uns selber zuerst kennenlernen müssen. "Erkenne dich selbst". Dann wissen wir, was wir wollen, dann brauchen wir "nur" noch die Mittel finden. Dann erreichen wir selbst diese hypnotische Kraft, diesen natürlichen "Magnetismus", der alles für uns in Bewegung setzt.

Wenn Macht nicht auf dieser Kraft, sondern auf Waffengewalt beruht, ist die Ordnung gestört. Die heutige hypnotische Kraft, die die Waffen erzeugt, ist ein Dämon. Es ist die Angst, daß wir nicht so gut sein könnten, wie wir glauben, daß die Wahrheit an den Tag kommen könnte. Wenn Amerika wirklich glauben würde, daß sein Weg so gut ist, könnte es seine Waffen verschrotten. Dann wäre der amerikanische Lebensweg nicht aufzuhalten. Auch nicht durch eine kommunistische Machtübernahme, die vielmehr gerade dadurch total verwandelt werden würde: zu einem rationalen System des Ausgleichs der Interessen. Und für die Kommunisten gilt das gleiche. Wenn sie wirklich an ihren Weg glauben würden, brauchten auch sie keine Waffen mehr. Der Glaube, daß Waffen Frieden sichern, ist ein Wahn. Waffen sind Unterdrückungssysteme und wen unterdrücken sie? Nicht die Reichen, so viel steht fest; es sind heute vor allem die Menschen in der dritten Welt. Sie werden mit Waffengewalt abgehalten, in die ersten Welten vorzudringen. Die Waffen sind ein Schutzwall vor den "wilden Horden des Südens" und vor ihrer Konkurrenz auf dem Markt, die man zusätzlich noch dadurch neutralisiert, daß man sich durch Waffengewalt und Bestechung auch das Geschäftsmonopol in diesen Ländern sichert. So engagiert sich Amerika in Nicaragua, El Salvador, Chile, Libanon usw., die Sowjetunion in Afghanistan und in den Ostblockstaaten. Was geschaffen werden könnte, wenn die Rüstung überflüssig würde! Wahre Wunder.

Und wie die Abrüstung im Großen Frieden und Wohlstand bringen kann, so ist es bei uns persönlich im Kleinen. Wenn wir unseren Panzer verschrotten, haben wir endlich die volle Energie zur Verfügung. Was könnte sich mehr lohnen? Was für ein Angst hindert uns? Was haben wir zu verlieren, wenn wir endlich unserem Willen zum Durchbruch verhelfen? Woher kommt diese Angst, die uns zurückhält? Aus unserer Erinnerung, aus Erfahrungen der Vergangenheit? Was hat uns damals solche Angst eingeflößt?

Die Protestanten meinen, sie läge schon in unserer Natur; die Katholiken dagegen sehen, daß es "nur" die Erbsünde ist, von der wir erlöst werden können. Die Gefühle unserer Eltern haben uns geprägt und die Fehler der Eltern rächen sich nach dem Alten Testament bis in die 5. und vierte Generation. Das ist die Erbsünde. Sie ist ein Handicap und gleichzeitig das Programm unserer Erlösung, denn die Schwächen müssen aufgefüllt und die Überschüsse ausgegeben werden, damit die Energie frei fließen kann. Unsere Angst ist also zuerst einfach ein Faktum, dann wird sie zum Programm. Unsere gegenwärtige Situation, so schlimm sie sein mag, ist der Ausgangspunkt. Da hilft kein Jammern. Wir beginnen mit einer realistischen Betrachtung unserer selbst: Was wir gern tun, was wir beherrschen, wovon wir beherrscht werden. Darauf bezieht sich unsere Angst, Wenn wir sie einmal nicht mehr nur unbestimmt, diffus, sondern mit ihrem jeweiligen Gegenüber wahrnehmen können, sind wir am Wendepunkt, denn von da an können wir das Notwendige tun.

Unsere Natur lenkt uns zu dieser realistischen Betrachtungsweise durch ihre "Methode" der "Belohnung" und "Bestrafung", unmittelbar durch unsere innere Richterinstanz und mittelbar durch die Wirkungen auf unseren Körper. Wenn wir erst durch unseren Körper zum Bewußtsein gebracht werden, kann bereits großer Schaden entstanden sein. Deshalb ist es eminent wichtig, die unserem Körper eingeborenen unmittelbaren Signale des "Guten" und des "Schlechten" wahrnehmen zu lernen. Was "innere Stimme" genannt wird, ist jene Instanz in uns, bei der alle Ansprüche unseres Organismus entsprechend dem Bedarf der verschiedenen "Teile" angemeldet sind. Wenn wir aufmerksam sind, können wir jede Frustration eines Teilbedürfnisses entsprechend abgelten. Unser "inneres Auge" sagt uns, was wir brauchen, wenn die Funktion dieses Auges nicht durch Einbildungen behindert wird. Tatsächlich ist die Sicht der meisten von uns behindert durch solche Einbildungen.

Wir können uns helfen, indem wir der natürlichen Anziehung folgen und Menschen suchen, die so leben, wie wir leben möchten. In dieser Konfrontation können wir unsere Vorstellungen korrigieren, denn wir sehen, was es braucht und wir können dann ermessen, ob wir das auch geben wollen und können. So tasten wir uns vor, bis unser eigener Wille erwacht. Das geschieht, wenn wir uns nicht mehr innerlich bekämpfen, sondern allen Ansprüchen zu ihrem Recht verhelfen wollen. Das war die ursprüngliche Bedeutung der Götterverehrung - doch in dem Augenblick, in dem unsere Wertschätzung unserer natürlichen Bedürfnisse zur Verehrung bestimmter Götter umstilisiert wurde, kam Entfremdung auf, ein Schematismus, und das kann Natur natürlich nie gerecht werden. Aber im Ursprung gibt es für jeden Anspruch unseres Organismus einen Gott und es kommt darauf an, allen entsprechend zu dienen und zu opfern. Die spätere Moral hängt zusammen mit der didaktischen Schematisierung, einem Ausdruck der Angst. Rationalisierung setzte ein. Das eine bekämpfte das andere. Der Schatten entstand, also der Zwiespalt. Kain hat Abel erschlagen, weil dieser Zwiespalt ihn dem Abel unterlegen machte. Die Moral selbst hat Abel umgebracht und auch Jesus und alle die anderen. Es ist ein didaktisches Mißverständnis. Auch die Opfer von Krankheiten sind Opfer der Moral, die ja den Menschen gebietet, Teile ihrer selbst zu unterdrücken. Dabei ist Moral an sich nicht schlecht; schlecht wird sie erst, wenn ihre didaktische Schematik für die Wirklichkeit gehalten wird. Solange sie nur Aufmerksamkeit ist, ist sie notwendig.

Aufmerksamkeit ist die Anfangsbedingung. Von da an versöhnen wir uns mit uns selber und bringen das Verdrängte ans Licht. Das ist die Arbeit des "New Age", unseres Neuen Selbst, das beginnt, wenn wir unschuldig dastehen, indem wir uns geben, was wir brauchen. Dann sind wir auch frei zu geben. Es gibt keinen Anlaß mehr für ein Zurückhalten, denn es gibt keine Angst mehr. Was wir verbergen, macht uns Angst und Sorgen. Die Angst, daß etwas herauskommen könnte über uns, verbraucht sehr viel Energie. Alle Selbstvorwürfe, die wir uns machen, zehren an unseren "Nerven", an unserer Lebenskraft. In Wirklichkeit haben wir nur noch nicht begriffen, daß es da einen Teil von uns gibt, der andere Bedürfnisse hat als Geltung. Irgendwann rebelliert dieser Teil und belehrt uns durch die "Fehler", die er uns machen läßt, die aber eigentlich nur Folgerichtigkeiten sind. Wenn wir etwas unterdrücken, entsteht ein Symptom. Ein Symptom ist eine Art Anzeige auf unserer vollautomatischen organischen Anzeigetafel, wie am Bedienungspult einer komplizierten Maschine.

Meditation kann das Erkennen dieser Störfaktoren beschleunigen. Aber sobald sie erkannt sind, müssen wir das Denken einsetzen, damit wir das neuerkannte Bedürfnis befriedigen können. Damit ist der Zweck der Meditation erschöpft, außer jemand meditiert aus Spaß daran. Das Wichtigste aber ist, daß wir dann tun, was wir erkannt haben, daß wir uns nicht von den Sirenen der Visionen verführen lassen, oder gar von unserer Angst vor dem Guru, der die letzte Verführung sein sollte. Manche natürlich lieben das Leben als Schüler eines Guru oder eines Ordens, warum auch nicht? Aber die, die einen Guru aufsuchen, um auf ihrem persönlichen Gebiet weiterzukommen, müssen den Guru schließlich verlassen, um wirklich weiterzukommen. Für den Guru ist es natürlich, daß er versucht zu hypnotisieren, zu verführen, weil er ja überzeugt ist von seinem Weg. Dadurch kann er zum "letzten Test" werden. Dann kommt das Eigene oder man bleibt Sklave des Guru - was immer.

Als nächstes müssen wir dem Selbst, das so hervortritt, das nötige Handwerkszeug verschaffen. Unser Ich ist dann ein Instrument und damit in seiner natürlichen Rolle. Was uns, biologisch gesehen, dann lenkt - wenn wir die Kontrolle über das Instrument, das Hirn, den Körper haben - ist das Muster der Bedürfnisse, die aus unserem Entwicklungsprogramm erwachsen. Wir haben eine Koordinationsinstanz in uns, die alle Interessen überblickt und das jeweils Vordringliche vorläßt und genau registriert, wann es genug ist.

Wir brauchen uns daher keine Sorgen zu machen, wegen unserer Süchte und Abhängigkeiten. Wir brauchen unseren Freiheitsdrang nur wirken lassen. Nur zusehen, wie er wirkt. Dann kommt der Punkt, an dem wir unseren Standpunkt denen der anderen gegenüberstellen und keine Versklavung mehr zulassen. Die Anonymen Alkoholiker sind durch so eine Erfahrung hindurchgegangen. Sie haben sich gehenlassen bis zum Tiefpunkt, Und als es hieß Tod oder Leben, haben sie sich für das Leben entschieden. Etwas in ihnen hat sich gewehrt und sie haben sich befreit. Das ist der natürliche Weg.

Das heißt nicht, daß wir uns alle bis an den Tiefpunkt sinken lassen müssen; wir können aus jeder Lage heraus die Linie bis ans Ende ziehen und so mit unserem Tod konfrontiert werden. Wir tun das normalerweise automatisch, so daß wir es kaum noch merken. Die Instanz, die das tut, habe ich vorhin "Richterinstanz" genannt, eine automatische Computation unseres Hirns. Hier spielt das "Jüngste Gericht", immer jetzt. Jetzt ist unser Tod die Konsequenz unseres Lebens. Er hat eine bestimmte Form, ein Muster. Er ist gegenwärtig in einem Symptom, nicht verkleidet, sondern offenbar. Unsere Lebenshaltung formt unseren Tod. Wir müssen diese gegenwärtige Entscheidung zwischen Leben und Tod in ihrer vollen Bedeutung erfahren. Denn wir werden sterben! Was ist dann unser Leben vor dem Tod? Haben wir überhaupt gelebt oder haben wir bloß alles über uns ergehen lassen, diesen ganzen Kampf ums Dasein. Asketen sind nicht zu beneiden, sondern zu bedauern. Das Leben geht an ihnen vorbei, während sie sich unsterbliche Verdienste erwerben wollen - außer sie sind echte Forscher, die systematisch eine neue Welt erforschen, getrieben von ihrer natürlichen Neugier. Askese als Mittel zu einem Zweck muß sich rächen, entweder in Selbstzerstörung oder in der Zerstörung anderer, was die Geschichte auch bestätigt.

Was ist also der ursprüngliche Sinn der Enthaltsamkeit? Es braucht eine Anstrengung. Das ist die Grundform der Askese: "Jeder nehme sein Kreuz auf sich". Bewußtsein ist anstrengend, jedenfalls in der Phase, in der wir von unbewußten Motivationen umschalten auf bewußte Intention. Wenn wir die Verantwortung für unser Leben übernehmen, gibt es Dinge zu tun, Arbeit.

Es gibt Tricks, diese Arbeit schmackhaft zu machen. Die Gefühlsbindungen einer Religion können das bewirken, genauso wie eine Verliebtheit ungeahnte Kräfte hervorbringen kann. Auch die Höllenangst bewirkt einiges. Wir heute brauchen allerdings nicht auf diese mythologischen Tricks zurückgreifen. Eine realistische Betrachtung unseres Schicksals kann uns den gleichen Dienst erweisen, denn die Realität enthält Himmel und Hölle. Es kommt schließlich darauf an, zu fühlen, was im Augenblick notwendig ist. Die Energie für die Ausführung liegt in der Notwendigkeit selber. Was wir tun müssen, ist, wachsam sein. Damit uns auch die feinen Unterscheidungen gelingen, ohne daß uns eine Vorstellung in die Quere kommt. Wenn wir den Tod und das Leben sehen, die aus unseren Handlungen resultieren, haben wir ein Kriterium. Und das wird automatisch verglichen mit den sich verändernden Zuständen unseres Organismus. Die Resultante aus dem Vergleich bezeichnet uns den optimalen Kurs. Es ist einfach eine Sache der Wahrnehmung, der Offenheit für die Wirklichkeit, die Wahrheit. Die Wahrheit ist in uns. Wir können sie wahrnehmen. Die Wahrheit wird uns frei machen. Aber nur die ganze Wahrheit, die immer ein yin und ein yang, Offenheit und Aggression enthält. Das schwarze und das weiße Loch zusammen ergeben das Nichts, das wir sind. Wenn beide oszillieren, fließt die Energie, dann sind wir frei.

Der Fluß hat zwei Bedingungen: Die erste ist die Lebensenergie selber, die immer da ist; das zweite aber ist, daß sämtliche Funktionen des Instruments ausgebildet sein müssen. Was wir als den spontanen Fluß bewundern, ist entweder angeboren oder in der eigenen Lebenszeit ausgebildet. Jede Tätigkeit verlangt Beherrschung. Wie das Kleinkind nach und nach spielerisch lernt, seinen Körper zu gebrauchen durch tausendfache Wiederholung, so bildet auch ein Erwachsener durch tausendfache Wiederholung eine Fähigkeit aus. Wenn wir das Wort "Spontaneität" hören, vergessen wir leicht, daß für jede Tätigkeit in unserem Hirn ein Koordinatensystem geschaffen werden muß (vgl. M. Feldenkrais). Damit wir aber beim Lernen keinen inneren Widerstand erzeugen, der unsere Bemühungen zunichte macht, müssen wir dem "Weg des Herzens" folgen, unserer natürlichen Neugier. Wir müssen die Dinge ausprobieren, die uns interessieren. Keine Berechnung kann uns sagen, was es ist. Wir können aber die Berechnung brauchen, wenn wir es wissen, damit wir den besten Weg finden. Aber bei jedem Schritt müssen wir haltmachen und uns vergewissern, ob wir auch noch immer den Weg des Herzens gehen, sonst könnten bald die Mittel den Zweck verdrängen. Wir wollen ja unser Glück, den freien Fluß der Energie, und nicht als Sklaven einer Idee, eines Dämons enden. Aber Ausbildung ist notwendig, auch die Übung von Einstellungen. Bei den Völkern der Steinzeit erfüllen diese Aufgabe die Übergangsriten, in den Hochreligionen wird sie jeweils von den Religionsgründern verkörpert. Die richtige Einstellung, die Intention, die Ausrichtung auf unser Ziel, geht uns nämlich leicht verloren, weil es viele Ablenkungen gibt, viele Versuchungen, wie auf dem Weg des Odysseus. Die Moslems stellen die richtige Einstellung, in der die Energie fließen kann durch "Mohammed" dar. "Mohammed" heißt nämlich übersetzt: "der, dem man dankt". In allen Religionen ist es letztlich das. Einer, dem man dankt, setzt seine Energie ein und er hilft anderen, ihre Energie einzusetzen. Es geht um die Schöpferkraft, daß wir die Nachfolge Gottes antreten und nicht die des Verweigerers, den die Religionen "Teufel" nennen, denn diese Straße erschöpft die Energie.

Die Alternative ist nicht "gut" oder "böse", sondern Schöpferkraft oder Verweigerung, Fluß oder Zurückhaltung. "Tu, was du willst, aber tu es ganz", sagte der große englische Heilige Thomas More. "Ach wärst du doch heiß oder kalt, aber weil du lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Mund" (Apokalypse). Der Verweigerer ist nicht heiß und nicht kalt, das Feuer ist da, aber es wird gedämpft durch Bedenken, durch Vorurteile. Deshalb sagt im Koran Gott zu Luzifer "Ich weiß etwas, das du nicht weißt". Der Verweigerer weiß nicht, daß die Verweigerung niemand mehr schadet als dem Verweigerer selber. Das Wort "Verweigerung" könnte allerdings zu Mißverständnissen Anlaß geben, denn oft ist Verweigerung auch notwendig: Den Sirenen müssen wir uns verweigern, wenn wir nicht wollen, daß unsere Knochen an ihren Gestaden verbleichen. Ja, die Verweigerung muß alles betreffen, außer eines, die Wahrheit, die uns in jedem Augenblick vor die Wahl stellt: Tod oder Leben. Hier liegt unsere Freiheit.

Daß wir uns verweigern, d.h. daß wir unser Leben nicht leben aus Angst oder aus Trotz, stellen wir irgendwann in unserem Leben zuerst einmal fest, aber sobald wir unsere Situation erkennen, wird es zu unserer Schuldigkeit. Unser "Ich" muß zu der Einsicht kommen, daß das und nichts anderes seine Lebensaufgabe ist: die Aufgabe der Angst und des Trotzes. Dann beginnt die Arbeit das zu entfalten, was in uns angelegt ist, unser magisches Erbe.

Viele mißverstehen die Magie als ein Wundermittel, das bewirken soll, daß sie, zu Hause sitzend und die entsprechenden Formeln aufsagend und Riten abspulend, etwas herbei oder wegzaubern könnten. Aber das ist nur die Verlockung, mit der ein bestimmte Eingangstor zur Wirklichkeit bemalt ist, um die zu verführen, die noch nicht begreifen, daß Riten und Formeln für jeden Zauber anders sein müssen! anders, wenn ich ein schönes Auto will, als wenn. ich Präsident werden will. Für alles ist ein Ritual festgelegt und in allen Fällen ist zusätzlich Improvisation nötig. Der Ritus wirkt erst, wenn wir ihn im Schlaf beherrschen. Dann nämlich erst kann der Geist die Führung übernehmen. Und dann ist unser Tun magisch, ganz gleich was es ist. Wenn wir etwas gegen jemand unternehmen wollen, laufen wir immer Gefahr, an eine stärkere Magie zu geraten. Die stärkste Magie hat die Unschuld und jedes private Interesse muß an ihr zerbrechen.

Es gibt keine Magie gegen die Wahrheit. Ihr kann keine Kunst widerstehen. Die Magie des Könnens hat ihre Schranke. Sie liegt in dem, was die Buddhisten "Gier" nennen und die Christen "Egoismus". Was sich so laut gebärdet, ist in Wirklichkeit eine Angst. Es ist wie mit der persischen Geschichte von dem Spatz, der ein Pfau sein möchte. Wir können so eine Prozedur nicht heil überstehen, aber wir können daraus lernen und sie rechtzeitig abbrechen, wenn es an unsere Substanz geht. Der "Streß" und die ihr entsprechende Sucht sind das Warnsignal, das jeder wahrnehmen kann. Wenn uns unsere Arbeit zu anstrengend wird, wollen wir etwas Unerrreichbares, das einfach unserer Natur nicht entspricht. Nicht die Anstrengung ist das Gefährliche sondern die Anstrengung für einen eitlen Zweck. Auch für den Nichtehrgeizigen gibt es Anstrengungen - manchen werden sie sogar als "übermenschlich" erscheinen - aber es gibt keinen Streß, denn er kennt sich selber, d.h. er hat weder Angst noch Eile. Es kommt von selber, ohne unser "Verdienst"; es ist "Gnade", es liegt in unserer Natur, daß wir unsere Fähigkeiten entwickeln. So wie es für eine Rose natürlich ist zu duften. Das ist die wahre Magie. Auf dem Weg stehen auch alle "übernatürlichen" Kanäle offen. Wir können zur rechten Zeit das für uns Nötige erfahren, über alle Entfernungen hinweg. Was wir brauchen kommt zu uns, weil wir es zuinnerst wollen. Unser ganzes Wesen ist auf eines ausgerichtet. Wir sind da. Konzentriert. Wir "sehen" und "hören" und wirken in alle Dimensionen. Gedankenlesen, Hypnose und alle magischen Künste lernt man am besten nicht durch die Übung solcher Künste, sondern durch Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. Das ist das Einzige, das zählt. Nicht "was sollen wir wollen?", sondern "was wollen wir wirklich?" Das ist die Frage. Was bewegt unser Handeln? Was bewirkt es? Bekommen wir, was wir wollen oder täuschen wir uns immer wieder? Welche Wünsche sind offen? Was haben wir, wenn sie erfüllt sind? Sind wir dann erfüllt oder sind wir ein Faß ohne Boden? Wo waren wir echt glücklich in der Vergangenheit? Von was haben wir uns da leiten lassen? Es ist auch jetzt da. Unser innerster Traum ist unser Wille, unser spezielles Programm. Es ist in uns gespeichert. Wir brauchen es nur wirken lassen. Es treibt uns wie ein Kind zu immer größerer Beherrschung der Welt, aber nicht im "egoistischen" Sinn, sondern im Interesse der Gattung.

"Den Schwachen Kraft geben" lautet das Programm. Der Weg zur Kraft führt über die Weggeben der Kraft, das "Give-Away" der Indianer. Hingabe ist die tiefste Mystik, das "Paradox", die "Dialektik" des Lebens. Gewinnen können wir nur, indem wir unsere Kraft den Schwachen weitergeben; wenn wir also nicht auf uns selber bezogen handeln, sondern "nach außen" orientiert, an der jeweiligen Notwendigkeit. Was wir zu tun haben ist unser Innerstes herausbringen. Dabei gibt es Kampf gegen alles, was uns unsere Daseinsberechtigung streitig machen will, gegen das, was früher "das Böse" genannt worden ist. Es sind Menschen und menschliche Eigenschaften, die die Wirklichkeit auf ihren beschränkten Horizont begrenzen wollen, die das volle Spektrum der Wirklichkeit nicht anerkennen wollen, die sich verrannt haben in Ideen. In diesem Kampf allein können wir auch unsere eigenen Ideologien erkennen und auflösen. Die Welt setzt uns zu jeder Zeit genau den Widerstand gegenüber, den wir für unsere Entwicklung brauchen. "Das Wahrzunehmende ist für den Wahrnehmenden bestimmt", sagt Patanjali. Es ist weder ein Zufall noch eine mysteriöse Fügung, daß wir so lange in Schwierigkeiten sind, so lange wir unsere Schwäche nicht erkannt und gelöst haben. Die Schwäche zu stärker ist unser biologisches Programm. Das haben ehedem die Propheten verkündet im Namen eines ewigen Gesetzes. Es gilt wie eh und je. Frei sein heißt, unsere Liebe zum Durchbruch bringen. "Kümmert euch zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch nachgeworfen werden", sagt Jesus. Was verdeckt unsere Liebe? Wo ist sie uns abhanden gekommen? Welche Rücksichten stehen davor?

Die Auflösung des Trotzes geht unter Tränen vor sich. Es tut uns leid und wir zeigen unsere Trauer. "Selig die Trauernden", sagt Jesus daher, "denn sie werden getröstet werden". Das Jenseits, in dem sie getröstet werden, ist das Jenseits des Trotzes. Da liegt der Himmel. "Egoismus" ist Trotz, alle auf uns selbst bezogenen Aufmerksamkeit, alles für uns privat haben wollen, kommt aus der Hölle des Trotzes. Trotz führt nicht in die Hölle, er ist die Hölle, das Jenseits des Himmels. Beide sind auf der Erde hier und jetzt. Dennoch führt der Weg in den Himmel durch Tod und Wiedergeburt, denn der Himmel ist im Jenseits vom Standpunkt des unerlösten "Ichs" aus gesehen. Die Schwelle bildet der Tod des trotzigen "Ich", dieser Instanz, die glaubt, alles unter Kontrolle haben zu können, die sich ständig beweisen möchte, um für besser gehalten zu werden und die zu diesem Zweck oft die vitalsten Bedürfnisse zurückdrängt. Ich meine das vitalste Bedürfnis ist nicht Sex, sondern die Selbsterkenntnis und in dem Maß, in dem dieses Bedürfnis unterdrückt wird, wird das Leben selbst unterdrückt und beschädigt. "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, wenn er dabei seiner Seele schadet".

Es gibt ein biologisches Entwicklungsprogramm im Menschen, das von. der Zeugung bis zu Tod wirkt, wie es von Anfang der Welt an in allem gewirkt hat. Dieses Programm steuert zur Selbsterkenntnis, kollektiv und individuell. Selbsterkenntnis bedeutet totale Demut, die nüchterne Wahrheit, das Sehen der ganzen Wirklichkeit ohne ideologische Filter, selbst ohne Sprache. Da sieht das "Ich" sich in seiner wahren, untergeordneten Rolle, die aber dennoch wichtig ist und zwar so wichtig, wie sonst nichts auf der Welt für uns. Das muß uns klar sein. Wir müssen uns durchsetzen in unserer Eigenart! Aber dieses Durchsetzen muß Regeln folgen; wir sind biologische Automaten, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten gehorchen. Wenn wir das nicht beachten, geraten wir immer wieder in Schwierigkeiten. Wir können uns unmöglich durchsetzen, wenn wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist. Die Regeln sind bekannt. Wenn. wir uns über sie erhaben fühlen, dann nur zu unserem Schaden. Wir müssen die Regeln zuerst einhalten, dann können wir sie überwinden, denn dann haben wir gelernt, unsere Bewegungen zu beherrschen. Dann können wir improvisieren. Improvisieren ohne Kenntnis des Instruments ist nicht möglich. Nicht zu sehen, daß wir ein Instrument sind, das nach gewissen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, ist verhängnisvoll. Das heißt aber nicht, daß wir die Gesetzmäßigkeiten lernen müßten in einer Schule. Sie sind uns angeboren in Form von "archetypischen" Situationen. Aber bei den meisten von uns ist die Wahrnehmung durch Vorstellungen blockiert. Und dieser Mauer können wir tatsächlich von beiden Seiten gleichzeitig zuleibe rücken, indem wir die Gesetze äußerlich lernen und bewußt beachten und gleichzeitig innerlich aufmerksam werden auf die auftretenden inneren Impulse, bis beides zusammenfällt und von selber läuft. Bei den "primitiven" Völkern wird diese Korrektur erreicht durch die Übergangsrituale. Wir müssen heute selber danach sehen.

Wir müssen uns öffnen für den Einfluß "Gottes", für dieses innere Programm, das auf Freiheit drängt, auf die Überwindung der Entropie. Das ist ja das Wesen des Lebens. Die Weisheit der Unschuld kann daher unterscheiden zwischen gut und schlecht; die Fantasie zeigt uns den Weg und mit unserem Willen, als unser "Ich", als wir selber, müssen wir den Weg gehen, im Bewußtsein des Risikos, die Propheten haben dieses Risiko vorgeführt bis zur Aufgabe ihres Lebens für diesen inneren Willen, diese Lebenskraft, die im Selbstopfer aufs Hellste erstrahlt und über sich hinaus wirkt und damit weiterlebt nach dem Tod und aufersteht in Nachfolgern wie Elias in Johannes oder Moses und Abraham in Jesus.

Es ist immer einfach der alte Geist, der sich in uns ausdrücken möchte. Manche reden da von "früheren Leben". Sie meinen genau das. Der alte Geist erscheint in uns in vielen seiner Gestalten. Diese Gestalten machen unsere biologische Natur aus; sie bilden unser biologisches Gedächtnis, das unsere ganze Evolution enthält. Manche können sich einzelne Stationen dieser Evolution bewußt machen, die vertikale Ebene der Zeit. Sie sprechen von "früheren Leben". Andere nehmen die gleichzeitige Verbundenheit mit allem wahr, die Synchronizität. Die Identifikation mit einer historischen Persönlichkeit oder einem Zeitgenossen zeigt eben unsere Verbundenheit, unsere "Kette", wie die Sufis sagen würden. Es ist eine fast unendliche Reihe von Erfahrungen, aus deren spezieller Konstellation wir bestehen. Jede einzelne Gestalt taucht bei jedem Menschen auf, aber mit anderen Schwerpunkten. Trotz aller Vielfalt sind wir daher gleich. Ungleich sind wir aber vor allem im Grad unserer Selbsterkenntnis.

Selbsterkenntnis wird immens gefördert durch Menschen, die uns durchschauen, weil wir uns in ihnen spiegeln und daher selbst sehen können. Das ist die Magie der Meister. Nichts Menschliches ist ihnen fremd, daher erkennen sie alles. Unsere Miene verrät unsere Gedanken, unsere äußere Haltung sagt alles über uns. Der Meister liest uns wie ein Buch. Solange wir uns nicht selber sehen können, werden wir uns abschirmen, indem wir den Meister verleugnen oder verhimmeln. Aber der Meister wird uns, wenn er kein Scharlatan ist, immer wieder enttäuschen, bis uns klar ist, was wir sind. Die Disziplin seiner esoterischen Lehre erzeugt den nötigen Druck. Er drängt zur Selbsterkenntnis. Bis dahin brauchen wir Methoden, dann ist alles klar. Dann gibt es keine äußeren Meister mehr, sondern nur noch den inneren, die "anima naturaliter christiana", den "spirituellen Willen (= "hinma", Ibn Arabi), die Kraft der Evolution. Da stehen wir im Dienst dieser höheren Macht und darin, und nur darin, sind wir frei. Diese Macht, dieses innere Programm drängt uns zur Autonomie. Wir sind unzufrieden, solange wir das Leben nicht beherrschen und wir beherrschen es nicht, solange wir uns nicht in seinen Dienst gestellt haben. Im Alten Testament heißt der Auftrag "macht euch die Erde untertan" im Neuen Testament "werdet Menschenfischer", im Koran "Werft euch nieder vor dem Menschen und betet ihn an", im I Ching "der überlegene Mensch duldet nicht, daß sich bei ihm Güter anhäufen. Er gibt sie nach unten weiter". Das ist ein natürlicher Drang, der Drang der Evolution, der Drang zum Durchbruch. Dagegen wirken die Kräfte der Trägheit, der Entropie, die eben das Untaugliche, das die Hürde nicht überwinden kann, ausmerzen und insofern der evolutiven Kraft helfen, als sie die Bausteine zur Verfügung stellen.

Die Gefahr der Trägheit ist real. Die Hölle gibt es wirklich. Es beginnt schon beim Wettlauf der Spermien zum Ei. Millionen bleiben auf der Strecke. Sie kehren zurück zur Erde, die die Elemente wiederaufbereitet für einen neuen Einsatz im Zyklus des Lebens. Und im Leben des Menschen wiederholt sich das Spiel. Etwas in uns drängt und wir wissen, wenn wir ihm nicht nachkommen, sind wir des Todes. Das Drängen konzentriert sich besonders in den Übergängen zwischen den Lebensphasen und immer wieder werden wir mit den selben Problemen konfrontiert, bis wir sie gelöst haben, bis wir uns tatsächlich durchgesetzt haben.

Jeder hat eine andere "Berufung", ein anderes Talent und genau das ist zu entwickeln, darin liegt unsere Chance und unser Dienst gleichzeitig. Beides ist das Gleiche. Demut ist es, die Chance zu ergreifen und unser Stolz muß darin liegen, auf diese Weise dem höchsten zu dienen. So stirbt unser "Ich" nur um augenblicklich wiedergeboren zu werden, aber nicht mehr eigensinnig, sondern mit der Kraft der höchsten Autorität, nämlich unserem Selbst, das sich jetzt verwirklichen kann, während es vorher durch viele Rücksichten behindert war, die, rationalisiert, als unser spezifischer Eigensinn in Erscheinung traten. Wir hatten aus unserer Not eine Tugend gemacht und deshalb in ihr verharrt. Jetzt sehen wir die Untugend und wenden uns von ihr ab. So werden wir als Krieger der Freiheit in die "Streitscharen Gottes" aufgenommen, die die Schöpfung vorantreiben. Aber der Weg führt nicht über die Askese. Die führt nur zur Einbildung. Sie ist ein Eigensinn, ein Strebertum. Wir müssen die Dinge sein lassen, wie sie sind und uns ihrer bedienen. Wie könnte jemand sein Glück erreichen und dabei verleugnen, was er ist? Wir haben ein Instrument höchster Präzision zur Verfügung, aber dieses Instrument hat seine Regeln, seine Bedürfnisse. Wenn wir sie verleugnen und alle unsere Energie bündeln auf ein Ideal hin, ein vorgestelltes Bild, dann müssen wir damit rechnen, daß wir irgendwann zusammenbrechen, weil die 'Wirklichkeit sich auf Dauer nicht verleugnen läßt. Und ein Ideal an ihre Stelle setzen - und sei es das höchste Ideal - ist Götzendienst. So lange es nicht mit unseren tatsächlichen Gefühlen übereinstimmt, ist es nur spirituelle Gier. Wir können uns nirgends hineindrängen. Wir brauchen eine Berufung. Dann haben wir keine Schwierigkeiten. Dann öffnen sich die Tore zu gegebener Zeit: wenn wir bereit sind.

Es gibt eine indische Geschichte von einem Yogi, der schon dreißig Jahre meditiert und schon so lange still sitzt, daß die Ameisen seine Beine zerfressen haben. Da kommt ein Gott vorbei. Der Yogi fragt ihn, wie viele Leben er noch brauchen wird, bis zu seiner Erlösung. Der Gott sagt "vier Leben" und läßt den Yogi bestürzt zurück. Er geht weiter und trifft einen anderen, der singend daherkommt. Der Gott unterhält sich mit ihm und weil der Wanderer nicht danach fragt, fragt der Gott ihn, ob er denn gar nicht wissen wolle, wie viele Wiedergeburten er noch erdulden müsse. Der Wanderer lacht und sagt "von mir aus noch fünfzig oder hundert". Der Gott wundert sich und sieht: Der ist schon erlöst.

Warum nicht den Herrgott einen lieben Mann sein lassen? Warum muß er der drohende Verdammer sein, vor dem man sich in Acht nehmen muß? Kein Wunder, daß da der Satan eine stärkere Attraktion besitzt. Höchste Zeit daß er sich die halb erfrorenen Seelen in seine gemütliche Hölle holt. Wenn man sich schon diszipliniert, dann doch höchstens um diese Starre abzuschütteln, die unsere himmlische Ideologie uns gebracht hat, um offen zu werden für die Wirklichkeit unserer selbst und unserer Umgebung. Es ist nicht getan mit der Einsicht in die kosmische Einheit, die wir vielleicht einige Male gehabt haben. Wir müssen auch aus dieser Einheit heraus leben, indem wir genau unsere Position einnehmen, weil sich unsere Fähigkeiten nur da optimal entfalten können. Genau wo drückt dich der Schuh? Wenn du es weißt, kannst du etwas unternehmen.

Wir müssen unterscheiden lernen zwischen Idealen, realen Gefühlen und Sentimentalitäten. Allein auf die realen Gefühle kommt es an. Alles andere ist nur eine Form des Nachtrauerns einer vergangenen Zeit, die wir dadurch nicht wiederbeleben können. Vorwärts geht der Weg. Auch ein Ideal ist nach rückwärts gebunden. Es hängt an der Situation, die es uns eingeprägt hat und an dem magischen Glauben, wir könnten damit diese Situation aufrechterhalten oder wieder herbeiführen. Es ist eine Angst, ein Mißtrauen uns selber gegenüber, ein Mißtrauen der gottgegebenen Natur gegenüber. Wir setzen etwas, ein Bild an die Stelle der Wirklichkeit. Was herauskommt, wenn einer der Wirklichkeit folgt und das Ideal fortwirft, ist etwas, das aussieht wie ein Ideal, das aber als Ideal niemals erreicht werden kann. Ein Ideal ist immer künstlich, unser Körper ist aber real. Das heißt nicht, daß wir keine geistigen Mittel einsetzen dürften, etwa das Gebet oder Rituale oder andere Übungen. Wir dürfen alles benützen, was uns gut tut. Die Welt steht zu unserer Verfügung. Aber bedienen müssen wir uns selbst nach unseren realen Bedürfnissen. Sich da etwas auszusuchen, das gar nicht zu uns paßt, wäre dumm. Deshalb sagt Jesus: "Seid schlau wie die Schlangen, aber einfältig wie die Tauben". Die Einfalt rät uns, das auszusuchen, was uns paßt, die Schlauheit zeigt uns den Weg. (Es umgekehrt zu machen wäre verhängnisvoll). Es ist allerdings schwer, wieder einfältig zu sein, wenn man schon alles intellektualisiert hat. Da müssen wir dann auch unsere Vernunft überzeugen. Demütig sein heißt, die Dinge nennen wie sie sind, sich nichts einzubilden, was nicht ist. Und wenn du nicht religiös bist, dann bist du es nicht. Auch gut. Jeder hat seinen Platz. Und die, denen es nicht gut geht, haben den ihren noch nicht gefunden. Mit "gut gehen" meine ich nicht unbedingt das physische Wohlbefinden, aber die Instanz, die die Gesamtlage beurteilt, muß sagen "es ist gut", "es könnte nicht besser sein". " Inschaallah" sagen die Moslems und wenn sie es meinen, ist es gut. In dem Geist hat sich Jesus aufhängen lassen. Er war auf alle Fälle besser dran als Judas, der sich selber aufgehängt hat. Judas wollte Karriere machen. Jesus wollte nur er selber sein, ein Menschenfischer. Und die Netze, die er ausgeworfen hat, haben eine ganz schöne Menge Fische eingefangen - die dann gebraten und verspeist wurden, als sie sich Jesus nicht mehr zum Vorbild nahmen und es aufgaben, selbst Menschenfischer zu werden.

Wie stelle ich nun den Bogen her zwischen dieser Mystik und der Gehirnphysiologie? Es gibt ein natürliches Lernprogramm in jedem Menschen, das von Anfang an wirkt. Niemand braucht dem Baby die Körperbewegungen beibringen. Es strampelt einfach und gewinnt dabei ein Bewußtsein der Muskelbewegungen, die es dadurch nach und nach kontrolliert einsetzen kann. Kinder können stundenlang einen Gegenstand drehen und wenden, ihn in den Mund nehmen, ihn durch das Zimmer werfen und so programmieren sie automatisch ihren Körper. Wenn diese natürliche Lernbewegung nicht unterbrochen wird, kommen sie an den Punkt perfekter Körperbeherrschung. Ganz natürlich wird das erreicht, was Erwachsene sich dann oft in mühsamem Training aneignen wollen, woraus aber nie etwas wird, solange ihr Ehrgeiz sie plagt. Gute Musiker "üben" nicht, sie spielen mit ihrem Instrument, bis sie es beherrschen. Üben ist der verkehrte Weg. Das Lernen ist dort leicht, wo uns unsere Neigung unterstützt, aber der Ehrgeiz macht es höllisch schwer. W das Spiel fehlt, ist das Leben erloschen. Die warten nur noch auf den Tod - eine nicht allzu erstrebenswerte Perspektive. Und aus dem erhofften Himmel nach dieser Plage kann da leider auch nichts werden: "Die hineingehen ohne hochzeitliches Kleid werden hinausgeworfen werden in die Finsternis" (Jesus). Das Vergessen wird ihre Erlösung sein. Aber die Vergangenheit kommt nicht wieder. Versäumt ist versäumt. Lassen wirs gut sein und schauen wir, was ist. Jetzt ist unsere Gelegenheit zu leben.

In der Bibel heißt es: "Wenn es die Auferstellung der Toten nicht gibt, dann laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot". Und wenige nur begreifen, daß die Auferstehung der Toten gerade darin besteht, daß wir unser Gluck nicht mehr beschränken auf Essen und Trinken, daß das dann nebenrangig ist. Wer nur für seinen Bauch lebt und alles andere verleugnet, ist schon tot. Eine Auferstehung gibt es für ihn nur, wenn. er das volle Leben wieder an sich heranläßt. Und das schließt auch Sentimentalitäten und Dummheiten ein, die sich auch erst dann als solche offenbaren können, wenn man sie wirklich zuläßt. Friß daher, bis dir schlecht wird, wenn dir danach ist, dann lernst du deine Grenzen kennen. Du brauchst nur auf deine Gefühle achten, dann wird sich bald herausstellen, was du wirklich willst oder was du noch alles willst und wie du das alles unter einen Hut bringen kannst. Du kannst tun, was du willst, das ist die "Freiheit des Christenmenschen", aber du mußt es tun. Wenn du dir nicht hilfst, wer soll dir sonst helfen? Es gibt nur einen Weg zur Hilfe und wir können diesen Weg in uns selber aufspüren. Er ist uns vorgezeichnet in unserem Entwicklungsprogramm, das eben tausend Fehlversuche vorsieht, durch die wir uns langsam, wie ein Baby, herantasten an den perfekten Kurs. Das ist der Weg. "No blame".

Es gibt Menschen, bei denen dieses natürliche Lernprogramm nie gestört worden ist. Jesus war einer von ihnen. Diese Menschen sehen ganz klar, was in den anderen läuft. Deshalb gibt es die Wunderheilungen. Menschen werden erkannt. Das Unbewußte wird bewußt. Seine hypnotische Kraft löst sich auf und der Lahme geht. Selbsterkenntnis ist der Schlüssel. Wenn der Querschnittsgelähmte den Rest seines Lebens damit verbringt, wieder gehen zu lernen, wird er es schaffen. Schwierigste Dinge werden möglich durch den Einsatz des Lebens. So verwandelt sich der Mensch in einen Gott, in einen unsterblichen Helden.

Nicht jedem ist es gegeben, daher kann nicht jeder den Heldenweg anstreben. Aber alle sollen wissen, daß es diese Möglichkeit gibt und daß die Freiheit nicht in diesem oder jenem Ideal liegt, sondern in unserer realen Situation und in den Impulsen, die von ihr ausgehen. Die Impulse nehmen wir wahr in Form von Gefühlen, die eigentlich Beziehungen sind, von einer Situation zu etwas in uns. "Lichtfäden" sagt Castaneda. Ein "Lichtbündel" tritt aus unserem Bauch aus und berührt die Dinge. Japaner und Chinesen nennen es das "Ki". Diese Beziehungsfäden sind die Wahrheit. Es ist ein ganzes Netz, das uns mit der Welt verbindet und das sich mit jedem Schritt ändert. Es gibt keine Lehre als die der spontanen Anziehung, der Neugier. Das war die Lehre Jesu und letztlich ist es auch die Lehre Buddhas, denn die Aufmerksamkeit führt auf diesen Weg.

Wenn du also einem abscheulichen Laster frönst, dann tu, was du tust, einmal voll freiwillig ohne Angst und ohne Trotz, dann wird das Laster seine zwingende Kraft verlieren und nach einiger Zeit wird es von dir abfallen wie die alte Haut von der Schlange. Folge deiner Neigung und fühle, was sie bringt, dann wirst du im Fall einer Illusion schnell zur Besinnung kommen und auf alle Fälle schneller als mit jeder künstlichen Methode deinen natürlichen Weg finden.

Die Kurve des Fortschritts läuft hier anders: Einer, der aus Zwang lernt, wird anfangs schnelle Fortschritte machen, aber es wird zunehmend mühsamer; einer, der durch Versuch und Irrtum lernt, wird am Anfang viele Fehler machen, aber dann wird es besser und besser. Und von Anfang an gibt es keinen Streß. Beim ehrgeizigen Lernen bestärken die Fehler den natürlichen Widerwillen, bis der Versuch endgültig fehlschlägt. (Ich mußte in der Schule Klavier lernen und noch zehn Jahre nach meiner letzten Klavierstunde war es mir ein Genuß ein Klavier im Garten verrotten zu lassen). So lernen wir, daß das nicht der Weg ist. Unsere Neugier wird uns allerdings ebenso ehrgeizige Ziele stecken und wir müssen sie auch anstreben, solange wir den Ehrgeiz haben. "No blame". Der Weg selbst wird uns zeigen, daß es so nicht geht. Von vornherein den Ehrgeiz als "Untugend" ausschalten zu wollen, ist der noch größere Ehrgeiz. Wie groß immer unser Ehrgeiz und Wahnwitz sein mag, "no blame". Wir müssen ihn erst einmal akzeptieren, erst einmal voll hinter dem stehen, was wir tun, dann erst erweist es sich, ob es tatsächlich nur Ehrgeiz ist oder eine echte Berufung, ein Weg des Herzens. Wenn es nur eine Illusion war, wird es von uns abfallen und wir werden weiser sein.

Es gibt keine Regel als "Tu, was du willst und sieh". Erst im Nachhinein können wir feststellen, daß unsere Natur selber den optimalen Weg für uns hat und daß auf diesem Weg die moralischen Gebote tatsächlich wie statistische Naturgesetze gelten: Wenn jemand eine Fähigkeit nicht im Sinne des Ganzen einsetzt, sondern sich privat bereichern will, wird er diese Fähigkeit dadurch hemmen, seine schöpferische Kraft wird versiegen und er, der frei sein hätte können, wird wieder ein Sklave sein. Viele Künstler haben das mitgemacht, Schauspieler, Sänger, Ärzte und andere. Anstatt offen zu sein, haben sie einen Bereich für sich zurückbehalten. Das Gleiche bei Ananias und Saphira in der Apostelgeschichte, wo dem Petrus nichts zu sagen bleibt als "die Füße derer, die deinen Mann begruben, sind schon vor der Tür und werden auch dich hinaustragen". Diese Regel ist keine Moral, sondern eine Realität, die wir wahrnehmen können - oder müssen, wenn wir uns der Einsicht verschließen.

Unser natürliches Lernprogramm lenkt unser Interesse von uns weg auf die Beherrschung der Welt. Wir sind "Abbilder Gottes", wir sind dazu berufen Schöpfer zu sein. Das ist unser natürlicher Weg, denn die Kraft, die uns treibt, die das Leben vor dem Tod auszeichnet, ist eben die göttliche Evolutionskraft, die Schöpferkraft, die durch uns ihr "Werk" vorantreibt. Nun sind wir schon wieder bei der Mystik, aber beobachten können wir diese Kraft schon in der Physik: wie die freie Kraft des Lichts sich konkretisiert über die verschiedenen Stadien der Materie und des Lebens und sich schließlich in uns selbst erkennt. Was in uns läuft, ist nichts Neues, sondern die alte Formkraft, die alle Dinge durchdringt und verwandelt . Sie tut es, wenn wir uns nicht einbilden: "Wir taten es". Denn dann haben wir plötzlich die Last zu tragen und bald werden wir feststellen, daß sie allzuschwer ist, daß wir es nicht schaffen.

Die Gnade setzt nicht nur die Natur voraus, wie die alten Theologen sagten, die Natur ist die Gnade, wenn wir sie wirken lassen. Die Lebenskraft findet den Weg von selber. Wir müssen nur aufpassen, daß wir uns durch unsere Fehlversuche nicht in Panik stürzen lassen. Wir müssen unser Vertrauen bewahren in allen Situationen. Daran und allein daran erinnern sich die Sufis in ihrem Dhikr. Diejenigen, die daraus eine Mystifikation machen und sich ausrechnen wollen, welche Stufe sie schon erreicht haben, haben noch einen langen Weg vor sich bis in die Freiheit, bis zum Frieden des Islam. Es gibt keine Stufen, es gibt keine spirituellen Verdienste, es gibt nur den einen Weg, auf dem alle gleich und Brüder sind. Einer ist für den anderen da. Das ist die natürliche Ordnung und es ist bedauerlich für die, die sich exkommunizieren - ich meine nicht von der Kirche, sondern von ihrer Natur. Die Front der Gläubigen und der Ungläubigen geht quer durch alle Bekenntnisse.

Wer kann dann beurteilen, ob ich den richtigen Weg gehe? Nur ich allein. In mir ist eine Stimme, die sagt "richtig" und "falsch", ja es sind viele Stimmen und wir müssen sie alle hören und unterscheiden lernen, indem wir sie anhören. Dann kennen wir uns. Dann ist unser Weg klar. Was immer die anderen

dazu sagen mögen. Wir wissen, daß unser Weg richtig ist. Wir spüren die Übereinstimmung, den unbehinderten Kraftfluß, der überall eindringt, wo er will. "Der Geist weht, wo er will", wenn wir ihn nicht abblasen, weht er in uns.

Die Tiere leben noch voll in dieser Spur. Die Menschen verlieren periodisch immer wieder ihren Kontakt. Gerade diese Herausforderung aber führt sie zur höchsten Erkenntnis und Hingabe, in der die Kraft sich selber erkennt, "o felix culpa", sagt deshalb die katholische Kirche in der Osternacht. Damit sind wir wieder zurück beim Licht, von dem alles seinen Ausgang genommen hat. Damit ist die Selbstentfremdung Gottes aufgehoben. Hier ist Freiheit: In der Determination, der die Kraft unterliegt, indem sie genau die der Situation entsprechende Antwort gibt: wie die Noten der Musik genau in der richtigen Reihenfolge kommen und die Stimmung des Zuhörers beeinflussen. So geht die Kommunikation, die Konversation, das Vogelgezwitscher, das Ineinander der Vegetation, die Verteilung der Klimazonen, der Wolken, der Meeresströmungen, der Planetenbahnen, der Bewegungen der Milchstraßen wie der Elektronen. Wenn die Situation paßt, kann das Elektron springen und wir auch. Wir gleichen die Spannungsunterschiede aus. In der Spannung ist die Kraft zur Veränderung. "Wir leisten unser bestes, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen", sagt Don Juan bei Castaneda, "und ich wünsche es mir nicht anders".

Wenn wir das einmal sicher erkannt haben, haben wir keine psychologischen Probleme mehr, sondern nur noch physikalische und viele unserer Probleme, die wir in der Vergangenheit für psychologische gehalten haben, waren ebenso nur physikalische. Wir haben uns ins Bockshorn jagen lassen von der psychologistischen Ideologie unserer Zeit. Wir suchen und grübeln, wo denn unser Fehler liegt und beschuldigen und quälen uns, weil wir keine Fortschritte machen, dabei haben wir nur auf unsere Ernährung nicht geachtet oder uns darin von einer Ideologie leiten lassen, statt von unserem echten Gespür. Und daneben haben wir für das, was uns entgangen ist, kompensieren müssen.

Oft haben unüberwindlich scheinende Probleme eine überraschende Auflösung. Allerdings sind es psychologische Gründe, die uns die physikalische Lösung nicht gleich erkennen lassen. Wir sind noch nicht bereit, das Leben einfach in die Hand zu nehmen und so zu gestalten, wie wir es wollen. Wir sind noch determiniert, unsere Absicht frei zu sein, hat sich noch nicht kondensiert. Wir probieren alles, um die einfache Einsicht zu vermeiden, daß wir es tatsächlich selber tun müssen, daß uns keine Technik die Arbeit abnehmen kann. Und so lange wir in diesem Zustand verharren, finden wir zwar viele Genossen, aber keiner hilft uns, denn keiner kann uns helfen. Der beste Dienst, den sie uns leisten können, ist der, daß sie uns aussaugen, bis wir erwachen, bis unserer Erkenntnis keine Wahl mehr bleibt, bis die Entscheidung Leben oder Tod klar vor uns steht, wie vor dem Anonymen Alkoholiker am Tiefpunkt seiner Trinkerkarriere. Das ist der Wendepunkt. Aber die Arbeit liegt noch vor uns. Denn bis jetzt haben wir uns gehen lassen. Und jetzt kommt auch schon wieder die Versuchung, die Disziplin ad absurdum zu führen, sie so weit zu treiben, daß das Lernen kein Spiel mehr ist. Diese Gefahr müssen wir beachten. Dann steht uns nur noch die Unausgebildetheit unserer Fähigkeiten im Wege und wir beginnen im Spiel Bereich um Bereich zu erforschen und zu erobern. "Wenn ein König diesen Punkt erreicht hat, braucht er keine Angst haben vor einer Veränderung; dann soll er sein wie die Sonne am Mittag" (l Ching). Dann gibt es keine Eile mehr. Dann haben wir das Vertrauen, daß sich alles recht lösen wird. Wir sind, wo wir sind. Und es ist recht so. So schlecht es sein mag. Der Schmerz selber sorgt für Abhilfe. Wir brauchen ihn nur wirken lassen. Dann ist auch der Schmerz nicht mehr, als er ist. Er ist keine Drohung mehr, sondern eine Verheißung: die Verheißung der Erlösung, die aus dem Schmerz selber geboren wird.

"Du fühlst Dich schlecht, weil Dein Körper Dir zeigt: Er will es besser haben. So arbeitet das Leben in uns. Es will das Angenehmste" (Shinmei Kishi, ein japanischer Seiki-Meister). In dem Bewußtsein gibt es keine psychologischen Probleme mehr, sondern nur noch physikalische. Wir brauchen nur noch das arrangieren, was unser Körper will, was er uns zeigt. Natürlich lassen sich nicht alle seine Probleme von heute auf morgen lösen. Aber der Weg ist jetzt klar. Nun gibt es keine einander bekämpfenden Parteien mehr in uns. Wir arrangieren unsere Beziehungen so, daß sie angenehm werden, indem wir allen das Ihre geben. "Dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist" (Jesus). "Teile und Herrsche".

So ist es, wenn der Trotz sich aufgelöst hat. Dann stehen wir in einer neuen Welt. Alles ist verwandelt. Wir erleben wie die Leute uns ganz anders behandeln, wie sie uns willkommen heißen. Abgesehen von einigen Verstockten werden sie uns in jeder Hinsicht helfen, so weit es in ihrer Macht steht, sobald wir sie um Hilfe bitten. Und sie warten nur darauf, daß wir sie um Hilfe bitten, denn darin sind sie anerkannt. Natürlich kostet die Hilfe etwas, aber wenn wir die rechten Leute bitten, nämlich die, die uns wirklich etwas zu geben haben, ist der Preis die Sache wert. Solange wir von der Meinung ausgehen, daß wir einen Anspruch auf Hilfe hätten, können wir nichts bekommen. Es gibt nichts umsonst. Alles Leben ist Geben und Nehmen. Wir müssen auch die anderen leben lassen, erst dann sind wir frei. So wird das christliche gleichzeitig mit dem kommunistischen Ideal erfüllt, das heißt "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."

So ist es, wenn wir die Gier überwunden haben. Damit ist aller Ziel erreicht. Allen Ansprüchen gegenüber jedoch folgt logisch das "Fuck You" (selbst den eigenen Kindern gegenüber), während jedem Bedürfnis ganz selbstverständlich abgeholfen wird. Das ist der normale Gang der Welt, Wir haben aufgehört zu projizieren. Wir sind frei.

Es geht immer um den Weg der Selbstverwirklichung. Was muß ich tun und was muß ich meiden, um zur vollen Entfaltung zu kommen? Aber die Antwort darauf kann nie in einem einfachen Rezept bestehen. Wir müssen wissen, daß jeder Satz zugleich wahr und falsch sein kann. Das ist kein philosophisches Theorem, sondern eine beobachtbare Tatsache, die wir der Bequemlichkeit halber allzugern vergessen. Die Welt kann nicht in absoluten Wahrheiten definiert werden. Sie ist ein Gefüge von sich ständig wandelnden Beziehungen. Unsere Frage lautet daher nach dem Weg, diese Beziehungen zu gestalten. Denn das werden wir tun, sobald wir zu uns selbst gekommen sind, sobald wir die volle Komplexität unserer Wirklichkeit akzeptiert haben. Es ist dies eine Angelegenheit der Physik, nämlich daß wir unserem Körper zu jeder Zeit genau das geben was er unbedingt braucht, nicht mehr und nicht weniger; dann kann unser Körper uns genau in die Position führen, in die wir passen. Auf dem Weg herrscht Friede, auch wenn es ein Kampf ist. Im Zen-Buddhismus entstehen aus dieser Stimmung die bekannten Haikus, die das Gefühl der Faktizität ausdrücken, das aus der Erleuchtung hervorgeht.

Hier sind auch unsere psychischen Barrieren einfach physikalische Fakten. Sie machen uns keine Angst mehr, wir können sie nüchtern betrachten. Und wir können systematisch an ihnen arbeiten, statt ihnen einfach ausgeliefert zu sein. Hier kommen die Techniken zu ihrem Recht, die uns an den Ursprung der Hemmung zurückführen und uns über die Schwelle hinweghelfen. Das war gemeint mit der sokratischen Hebammenkunst und mit der Funktion des Pontifex, des Brückenbauers. Heute sind die besten Methoden bereits wissenschaftlich untersucht und wir können relativ leicht die richtige Methode und den richtigen Führer für uns entdecken. Es ist nur in Sonderfällen ein Guru, ein religiöser Meister; gewöhnlich ist es einfach ein Mensch, der das Gebiet, das wir kennenlernen wollen, beherrscht. Es wäre daher ein Unsinn mit Sexualstörungen zu einem schüchternen Psychiater zu gehen - außer wir haben vor zu viel Offenheit noch zu viel Angst. Aber dann sollten wir uns auch nicht allzuviel erwarten. Außerdem sollten wir uns überlegen, ob der Grund unseres Problems nicht einfach in einem "künstlichen" Bedürfnis liegt, das uns durch die Mode in die Schicht unseres Geltungsbedürfnisses eingeprägt worden ist unter dem Motto "freier Sex ist in" oder dergleichen. Diese Dinge passen nicht für jeden. Manche sind von Natur aus monogam. Sie sollten sich genausowenig draus machen, wie die notorisch Promiskuen. Sie sollten nur auf ihr ehrliches Gefühl hören. Dann gibt es keine Gefahr. Dann ist alles richtig, Wir brauchen uns nicht schuldig fühlen, wenn wir soziale Normen verletzen. Wir brauchen keine Angst haben, denn die beste soziale Norm haben wir bereits in unseren Genen: Unsere "Natur" veranlaßt uns zur Einfühlsamkeit etc.. Wenn sich also unsere Angst, schuldig zu werden, auflöst, weil wir sehen, wie das alles gekommen ist und weil wir uns daher frei für unsere Vorliebe entscheiden können und darauf vertrauen können, daß unsere schlechten Gewohnheiten beizeiten aufhören werden - nämlich sobald wir genügend begriffen haben, daß sie uns wirklich schaden - wenn wir also die Angst, schuldig zu werden, verlieren, klärt sich unser Sinn und unsere Miene und unsere Körperhaltung. Und das ruft Reaktionen hervor in uns und in unserer Umgebung, die den Prozeß unserer Entwicklung weiter beschleunigen. Das "Willkommen", dem wir begegnen, stärkt unser Vertrauen; wir wagen mehr und mehr zu sein, was wir sind.

Ein schwarzer Amerikaner erzählte mir von einem Freund, der seit einiger Zeit nur noch in einem der "Baths" von San Francisco lebt ("Baths" sind Häuser mit verschiedensten Bädern und dunklen Räumen für Sex in fast vollständiger Anonymität, nur noch Körper an Körper). Er geht nur heraus, um Geld zu verdienen, "und du brauchst nicht meinen, daß das ein schlechter Mensch ist", sagte er. "Er folgt einfach seinem Gespür, das Gott ihm gegeben hat." Ich war verblüfft, aber mir ist ein Licht aufgegangen bei dieser Geschichte: "Und wenn sie Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden", sagt Jesus. Wem wird es nicht schaden? Dem, der seinem inneren Gespür gegenüber ehrlich ist. Er kann alles tun. Und auch die Geschlechtskrankheiten treten am ehesten dort auf, wo einer mit sich selber uneins ist. Ein Krankheit braucht eine Schwäche um einzuhaken. Diese Schwäche kann rein physisch sein oder psychisch, ein Zweifel.

Deshalb müssen wir unseren Zweifeln nachgehen und herausfinden, was es damit auf sich hat. Und damit ist schon der Weg zu unserer Entfaltung beschrieben. Indem wir unsere eigenen Zweifel überwinden, werden wir fähig, anderen mit den ihren zu helfen. So wechseln wir von der Opferrolle zum selbstverantwortlichen Leben. Die Freiheit beginnt nicht erst dort, wo sämtliche Zweifel überwunden sind, sondern bereits an dem Punkt, an dem wir unsere Zweifel nüchtern als unsere Aufgabe annehmen. Irgendwie haben wir das immer schon getan. Immer schon haben wir ausprobiert, wie weit wir gehen dürfen und wo es unserer Gesundheit zu schaden beginnt. Aber oft haben wir den Schaden schon gesehen und doch nicht stehenbleiben können oder nicht weitergehen können, obwohl das Problem des allzulangen Stillstands schon offensichtlich war. Nun sehen wir die Zusammenhänge und die Quellen der Kraft. Das Leben bewegt sich in Wellen. Nun wehren wir uns nicht mehr dagegen. Wir können warten bis die Kraft da ist. Das braucht Flexibilität. Aber keine Angst. Das ist nicht eine neue moralische Forderung. Wir sind von Natur aus flexibel. Und wenn wir erstarrt sind, gibt es einen Weg zur Lösung der Starre. Und sobald wir anfangen, ihn zu gehen, hilft uns das Universum. Das ist ein Naturgesetz. Dem, der es versucht, begegnen Sympathien - natürlich auch Anfeindungen von den Zurückbleibenden, aber deren Zustand kennen wir; wir sind aus ihm hervorgegangen, wir brauchen daher nicht zurückschauen. Wir dürfen es auch nicht, sonst erstarren wir zur Salzsäule beim Anblick der Zerstörung, die sich an den Zurückbleibenden vollzieht. Das ist der Sinn der biblischen Geschichte von Sodom und Gomorrha. Wie Odysseus mit dem Schwert müssen wir die Schatten abwehren, die Zombies, die uns auf ihrer Ebene zurückhalten wollen. Und wieder brauchen wir keine Angst haben, denn es sind nur "Phantome", wie Don Genaro bei Castaneda sagt, die uns auf unserer "Reise nach Ixtlan", ins "Nirvana", nicht wirklich aufhalten können. Es gibt keine Wegweiser da hin, aber wir kennen den Weg, denn wir sind "schon einmal dort gewesen". "In einem anderen Leben", würden manche sagen. Dieses andere Leben aber ist in uns. Wir sind ständig verbunden mit diesem anderen Leben, mit der ganzen Welt, bzw. dem Ausschnitt, der für uns in Frage kommt. So kann Edgar Cayce seine Rezepte diktieren und Joan Grant ihre Geschichte von einem ägyptischen Leben in der Pharaonenzeit erzählen. Was uns betrifft, ist da. Ein echtes Bedürfnis wird auch beantwortet.

Die Moslems erzählen die Geschichte von Abraham, den Gott in ein Feuer stellte, um ihn zu testen. Abraham beklagte sich nicht und er betete auch nicht um Erlösung. Gott sandte daraufhin den Erzengel Gabriel zu ihm ins Feuer, um ihn zu fragen, warum er nicht bete. Abraham antwortete: "Gott weiß doch, daß ich hier bin. Wenn er will, wird er mich befreien". Gott hat ihn natürlich befreit, bei so viel Vertrauen!

Etwas Ähnliches beschreibt Castaneda in der Episode von seinem Kampf gegen die Zauberin: Er hatte einen Stein, um sie abzuwehren. Aber Don Juan hatte ihm aufgetragen, den Stein nicht zu werfen, bevor er nicht die Kraft aus der Erde in ihm aufsteigen gespürt habe. Wir müssen die Angst ertragen, bis sich in uns die volle Kraft gesammelt hat zum Durchbruch. Und gerade deshalb brauchen wir uns nicht fürchten. Die Natur hat vorgesorgt. Deshalb können wir frei atmen noch bevor wir alle Probleme überwunden haben. Wir können darauf vertrauen, daß es dieses "emergency-program" gibt in uns, das sich automatisch einschaltet, wenn Gefahr da ist. Wir brauchen uns nicht schon vorher fürchten "Und wenn sie euch vor die Gerichte schleppen, überlegt nicht im Voraus, was ihr sagen sollt", sagt Jesus sogar. Und damit ist unser Geist frei, sich den aktuellen Themen zu widmen, unserer Aufgabe wie unserer Unterhaltung.

Wir brauchen keine Angst haben. In der Gegenwart ist alles da und wir selber sind voll da. Wenn uns nichts ablenkt, können wir uns voll konzentrieren. Keine Kraft geht verloren. Bei unserer "normalen" Lebensweise sind viele unserer Kräfte gebunden in Vor-Ur-Teilen, in geprägten Abhängigkeiten, Gewohnheiten, alten Loyalitäten. Der einzige Weg, das aufzulösen, ist Vertrauen. Uns ist nämlich eingeredet worden, wir dürften uns selber nicht vertrauen, wir müßten uns den Autoritäten unserer Klasse anschließen. Unsere Klasse gibt uns nicht viel Bewegungsspielraum; das Eigene soll möglichst unterdrückt werden: Wir sind eingespannt in unseren Beruf, unter bürokratische Normen. Wir müssen auf unseren Ruf achten. Wir sollen es zu etwas bringen. Aber die Konkurrenz ist hart. Wir müssen uns anpassen und daher die Spontaneität unter Kontrolle halten. Und da ist uns das Vertrauen abhanden gekommen. Der "Wächter" hat sich in einen "Wärter" verwandelt, wie Castanedas Don Juan sagt. Alles richtet sich nach Zwecken. Das Leben ist rationalisiert und abgetötet. Wir sehen bei unserem Erwachen: Wir hängen fest. Es gibt nur einen Weg: Wir müssen uns lösen. Es ist möglich. Aber nicht durch Selbsterlösung. Die einzige Rettung ist das Vertrauen. "Hoffnung" nennt es der Apostel Paulus. Wir müssen an unsere " Auferstehung" glauben, sonst bleiben wir eingespannt. "Wer nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Geist, kann nicht in das Reich Gottes eingehen" (Jesus), also wer sich nicht abwäscht, wer sich nicht löst und aus dem Geist lebt, kann kein Schöpfer sein. Alle echten Stars mußten sich lösen von ihren Hemmungen, mußten den Sand aus ihrem Getriebe waschen. Jesus war der Gelösteste von allen. Das konnten die Autoritäten nicht tolerieren. Macht dir das Angst? - Wenn dich sonst nichts motiviert, tu es um der Menschen willen. Die Welt ist heute zu gefährlich, als daß das gehemmte Leben fortgesetzt werden dürfte. Wir brauchen unsere ganze Kraft, um dieser Gefahr der Auslöschung unserer Kultur und eines großen Teils der Art begegnen zu können.

Es gibt tausend Gründe, es zu tun, aber letztlich müssen wir uns gerade von den Gründen lösen. Wir müssen die Sachen einfach tun, um ihrer selbst willen. Wenn wir uns auf das konzentrieren, was wir tun, werden wir mehr und mehr tun, was wir lieben. Wenn wir dagegen unsere Unzufriedenheit zudecken mit Ersatzbefriedigungen, werden wir das Ungute tolerieren, bis es uns auffrißt. Das, was nicht das Unsere ist, ist das Böse. Die moralischen Gebote existieren, um uns von Ersatzbefriedigungen abzuhalten, damit wir das Ungute nicht zudecken. Damit wir nicht einschlafen. Nicht Askese wird verlangt, sondern Bewußtheit. In dem Sinn muß die Moral auch heute neu formuliert werden. Manche Gebote können wahrhaftig ungut sein, nicht zu uns gehörig. Welche wir aber einhalten müssen und von welchen wir ausgenommen sind, kann uns nur der Geist sagen, der Geist der Gegenwart. Wir können ihn erkennen an unserer unrationalisierten ehrlichen Absicht. Diese ehrliche Absicht blitzt anfangs nur gelegentlich auf. Aber wenn wir achtsam sind, können wir auf ihr reiten, wie auf einer Welle. Sie wird uns befördern. Wir brauchen es nicht selber tun. Wir können es niemals selber tun. Der Wille muß uns gegeben sein und er ist uns gegeben, aber wirken kann er nur, wenn wir uns nicht einbilden, er müßte auf etwas anderes gerichtet sein, auf irgendein Ziel, das wir uns einreden haben lassen. Das Ziel ist niemals willkürlich, sondern es ist eine Absicht, eine Intention, eine Kraft in uns, die immer auf etwas ausgerichtet ist, was unserer Natur entspricht. Die Richtung hängt ab von unserer Situation, aber es gibt auch langfristige Strömungen, die sich aus der Harmonisierung des Zeitgeists mit unserer Eigenart ergeben, die ihrerseits wiederum zum Teil aus dem Zeitgeist hervorgegangen ist. Aus diesem Wechselspiel ergibt sich unser biologisches Entwicklungsprogramm, das uns durch alle Zwänge hindurch in die Freiheit zu führen bestrebt ist.

Manchmal geraten wir in Zustände, die uns deprimieren. Was aber ist eine "Depression"? Sie sieht aus wie ein Mangel an Antrieb, an Kraft, aber das ist es nicht. Der Antrieb ist da, aber er wird zurückgeschlagen. Es ist, wie wenn wir einen Motor ankurbeln: Wenn wir nicht die nötige Drehgeschwindigkeit erreichen, schlägt die nicht überwundene, aber bereits erreichte Kompression zurück und macht damit nicht nur unsere Anstrengung zunichte, sondern verbraucht durch den Gegenschlag diese Energie ein zweites Mal. So ein Rückschlag ist jede Depression. Eine Depression, die ohne bestimmbaren äußeren Anlaß einsetzt, ist auf akkumulierte Rückschläge zurückzuführen. Hier besteht größte Gefahr. Wenn die Antriebskraft nämlich von vornherein nicht sehr stark ist, wird einer dieser Rückschläge tödlich sein - nicht unbedingt unmittelbar, aber als Wendepunkt, von dem an die Kraft stetig abnimmt und die Gegenkräfte die Oberhand gewinnen. Das Ergebnis: eine Krankheit, ein Unfall, jedenfalls ein vorzeitiger Tod. Wie wenige doch sterben heute "alt und lebenssatt" wie die biblischen Väter!

Fast alle erwischt es. Auch Leute wie Sigmund Freud, Wilhelm Reich, sogar Aldous Huxley; auch er konnte einen Teil des Lebens nicht integrieren. Krankheit und vorzeitigen Tod hat man früher für eine Wirkung des Teufels gehalten und den Zustand "Hölle" genannt. Aber auch religiöse Stars sterben an Krebs. Sind sie unschuldig? Nein und Ja. Es ist ihnen einfach nicht gelungen, sich vollständig zu lösen von ihren Vorstellungen über das Leben. Die Bindungen an ihre soziale Klasse war zu stark, sie konnten nicht vollständig vertrauen. Etwas haben sie noch festgehalten, etwas ist noch dazwischengestanden: eine Einbildung, eine allzustarke Spur ihres "egoistischen" "Ich", ein "Ich", das noch nicht identisch ist mit der Totalsituation, die alle Beziehungen in dem Kräftenetz der Welt einschließt. Das vollkommene Leben verlangt die vollständige Aufgabe aller Vorstellungen.

Diesen Prozeß beschreibt der Koran in der Episode der Begegnung des Mose mit Khidr ("Khidr", arab. "der Grüne", d.h. die Natur): Mose konnte Khidr nicht begreifen. Obwohl Mose einer der größten religiösen Stars der Weltgeschichte war, war er nicht gelöst genug, um der Natur und ihren spontanen Bewegungen zu folgen - aber allein darauf kommt es an. Da ist Wahrheit, Echtheit, nur in der totalen Spontaneität. Wir müssen unser Instrument zwar ausformen, bevor der Geist es spielen kann, aber gerade die Ausformung ist auch wieder das Hindernis. Es ist notwendig den genauen Rhythmus "des Himmels und der Erde", also von allem, zu erspüren und sich darin einzuschwingen, bis sich Angebot und Nachfrage voll ergänzen.

Aber keine Angst! Nichts übermenschliches wird verlangt, sondern nur das, was in dir ist. Es gibt immer Menschen, die dich und deine Fähigkeiten brauchen, ganz gleich, was es ist. Nichts ist zu verrückt und sogar für Monotonie gibt es Abnehmer. Es gibt daher keinen Grund, es aufzugeben. Es ist tatsächlich nicht so schwer. Du brauchst dich nicht quälen mit Selbstdisziplin. Du brauchst nur immer deiner größten Neigung folgen. Wenn du ihr traust, führt sie dich zum Strom des Lebens und zum Meer. Es ist der taoistische "Talgeist", der Weg des "Gottvertrauens". "Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer", sagte Martin Luther. Die vertrauende Spontaneität heilt sich selbst. Das Erlernen der Spontaneität dagegen ist nie ganz möglich. Wir können Spontaneität nicht anstreben, denn das Wesen der Spontaneität ist ja das Nicht-Streben, das bei Castaneda und bei Lao-tse "Nicht-Tun" genannt wird und im Buddhismus "Leere".

Ich entleere meinen Geist von allen Absichten und lasse meine Hand aufschreiben, was sie will. So entsteht dieser Text. Manche würden diesen Vorgang als "Assoziation" bezeichnen, andere als "Inspiration", wieder andere als "Besessenheit"; aber es ist einfach der Zusammenfluß meiner Erlebnisse. Wie sich im Gebirge die Wasser sammeln, die der Regen niederbringt, so sammeln sich die Ströme von Gefühlen, die von unseren verschiedenen Begegnungen ausgehen. Diese Ströme gilt es zu erspüren, dann können wir auf ihnen navigieren. Erst sind wir wie ein Schiff im Nebel, das keine Orientierung hat, dann erkennen wir Einzelheiten, Landmarken in den Strömungen, aus denen wir zusammengesetzt sind. Und so werden wir voll, was wir sind - wir werden uns unserer selbst bewußt.

Hier kommt allerdings eine neue Gefahr auf, nämlich daß wir uns auf unser Bewußtsein etwas einbilden. Und schon versiegt der Fluß. Wenn wir ihn aber nicht für irgendwelche vorgefaßten Zwecke ausnutzen, sondern ganz unschuldig tun, was in unserem Interesse ist, indem wir einfach unserer Neigung folgen, erfüllen sich unsere Bedürfnisse von selber. Durch die Einschränkung unserer Neigung verhindern wir die Erfüllung. So versickert und verdunstet unser Lebensgeist. Allzuleicht lassen wir uns auf diese Weise aussaugen.

Es ist charakteristisch, daß Knoblauch das magische Mittel gegen Vampire ist: Sein Geruch hält uns die Leute fern, die unsere Eigenart nicht anerkennen wollen. Unsere Eigenart ist nichts Separates, nichts Privates. Alles hat seine Eigenart. Deshalb ist die Welt so schön bunt. Und deshalb zollt jede echte Spontaneität dem einen Lebensprinzip, das diese Vielfalt hervorbringt, seine Anerkennung. Es braucht dazu keinen moralischen Appell. Alle, die bewußt oder unbewußt aus der Kraft ihres Ursprungs heraus leben, zeigen das in ihrer Demut, die sich gut mit kindlicher Selbstzentriertheit verträgt. Psychologen halten das oft für "Narzißmus", aber es ist nur eine Folge des unschuldigen natürlichen Antriebs. Selbstliebe und Liebe zur Welt sind hier ausgewogen und es besteht kein Grund, die natürlichen Neigungen zu verleugnen. Überraschenderweise (für manche) sind nämlich alle Neigungen gutartig, sobald keine mehr unterdrückt wird. Echte Ökologie kann es nur geben, wenn die ganze Realität unserer selbst anerkannt wird. Unsere Freiheit besteht daher darin, daß wir der Natur ihren Lauf lassen, daß wir uns von ihr führen lassen. In der echten Freiheit sind wir nicht mehr da. Weder verleugnen wir unsere Gefühle, noch versuchen wir sie zu steuern, denn wir wissen, daß wir niemals wissen können, wie wir sie steuern müßten; wir wissen, daß alle Vorstellungen darüber, wie es sein sollte, bestenfalls statistische Mittelwerte sind, meistens aber einfach Ideologien, gesellschaftliche Kräfte, die uns in ihren Dienst zwingen wollen. In der echten Freiheit sind wir daher überflüssig - und erst da sind wir voll da. Erst da kann sich unsere Eigenart unbehindert durchsetzen. Erst da kommen wir zu uns selber.

Der ganze Weg dort hin, auf dem wir nach Regeln gesucht haben, durch die wir das Leben meistern könnten, war geprägt von Angst und Mißtrauen. Aber: kein Vorwurf. Wir mußten diese Erfahrung machen, daß wir letztlich keine Wahl haben, als unserer Natur ihren Lauf zu lassen. Wir wissen jetzt, daß wir unsere Angst nicht durch Rücksichtnahmen überwinden können, sondern nur indem wir zu uns selber stehen, ganz gleich was wir sind. Selbstverleugnung in diesem Sinn ist die "Sünde gegen den Heiligen Geist", die einzige Sünde, die nach Jesus nicht vergeben werden kann. Im Christentum wird gesagt, daß Gott sich auf die Suche macht nach den Sündern. Und so ist es. "Das, was du suchst, ist das, was sucht", sagte der heilige Franziskus. Uns ist ein Programm eingebaut, das uns nach aller Indoktrination und Verformung im Lauf unserer Entwicklung näher und näher an unseren Kern heranführt. Und wenn wir auf ihn gestoßen sind, sehen wir: Unsere Freiheit besteht darin, ihm zu folgen, und ihm allein, dem "JAHWE" der Bibel, dem "ich bin der ich bin". Es gibt keine Alternative als den Tod. Leben oder Tod, wir haben die Wahl.

Nun sind wir frei. Wir dürfen unserer Liebe folgen. Wir können endlich tun, was wir immer schon tun wollten. Das ist das Evangelium, die gute Botschaft. Wir sind frei! "Kümmert euch daher zuerst um das Reich Gottes, alles andere wird euch nachgeworfen werden." Wir verstehen jetzt, was das heißt. "Let's go crazy", heißt es in einem Hit dieser Tage (Prince and the Revolution, 1984). "Let's go crazy". Wir brauchen keine Angst mehr haben. Es ist gut. Unser innerster Kern ist gut. Er führt uns recht. Wenn wir ihm folgen, ereignen sich Wunder.

"Du brauchst nur zwei, drei Schritte tun in die Richtung, die dein Innerstes dir zeigt, nur einige Schritte heraus aus deinen Gewohnheiten und schon kannst du sehen, wie die richtigen Dinge auf dich zukommen. Plötzlich geschehen Wunder", sagte mir kürzlich ein Freund. Ich habe es gleich ausprobiert und sofort war die Wirkung da. Ich habe mein Innerstes beschworen, sich zu zeigen und es hat nicht auf sich warten lassen. Wie aus dem Nichts haben sich neue Aussichten aufgetan.

Aber zuvor mußte ich hindurchgehen durch die bitteren Erfahrungen dessen, was geschieht, wenn wir uns nicht dazu aufraffen, das lang Verschobene endlich zu beginnen. Es hat mich aufgefressen im buchstäblichen Sinn. Es hat meine Eingeweide in Feuer versetzt. Und erst als die Bedrohung als physische Realität offensichtlich war, habe ich angefangen. Und schon spüre ich die Wirkung der natürlichen Steuerung. Ich mußte erleben, was Don Juan zu Castaneda sagt, daß bei vielen der Wille erst auftaucht nach großen Bauchschmerzen. Andere sind glücklicher dran, "mir ist der Wille einfach zugeflogen", sagt Don Juan von sich selber; andere lassen sich durch mythische Höllenängste bekehren; manche begreifen es, wenn sie sich verlieben; manche haben ein "mystisches Erlebnis"; manche haben den Kontakt zu ihrem Innersten nie verloren; manche allerdings erkennen erst im Tod, wie sie hätten leben müssen. Das ist die echte Hölle. Aber nocheinmal erhalten sie das "Angebot der Vergebung" und wenn sie es annehmen, wird ihr Tod zu einer Ekstase, in der alle Reue verschwindet. Ob irgend jemand sich bis zuletzt weigert, weiß niemand. Wir wissen aber, daß es schade ist um jede Minute, in der wir nicht leben, in der wir nicht voll hinter uns selber stehen. Dennoch, sobald sich die Wende vollzogen hat, sobald sich unser Trotz aufgelöst hat, haben wir keinen Grund mehr zu Reue oder Schuld. Wir sind tatsächlich frei.

Nun beginnt unsere Arbeit. Aber sie ist jetzt kein Streß mehr. Wir folgen nur noch unserer Liebe. Gott ist die Liebe.

Die Theorie Freuds und der meisten Psychologen geht davon aus, daß die Kultur durch Triebunterdrückung hervorgebracht worden ist. Tatsächlich hat diese Unterdrückung die Gefahr erzeugt, in der die Welt heute lebt. Die Unterdrückung des Lebens hat ein Krebsgeschwür hervorgebracht, das, wenn die weltweite Wende nicht bald eintritt, die ganze Gattung vernichten wird. Aber die Rettung ist bereits unterwegs und jeden Tag stellen sich mehr und mehr Menschen in ihren Dienst. Die Kultur bricht nicht zusammen, wenn wir die Unterdrückung aufgeben. Im Gegenteil, nur darin liegt die Chance ihres Überlebens und nicht nur des Überlebens, sondern des Fortschritts auf eine neue Stufe, in der das Lebensrecht aller Kulturen anerkannt ist. Dann kann sich jeder der Kultur anschließen, die ihm erlaubt, sich zu entfalten. So wird sich eine neue Kultur entwickeln, deren Leistungen alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, weil sie auf Liebe beruht, statt auf Gier. Es ist möglich. Aber wir müssen bei uns damit anfangen.

Die Linken argumentieren mit der Pflicht zur Solidarität und so sagen sie, daß wir keine Zeit haben für Selbstverwirklichung, daß das eine Flucht ist, weil die sozialen Probleme zu dringend einer Lösung bedürfen, daß wir uns daher dem Kampf des Proletariats anschließen müssen. Wenn sie wüßten, daß unsere menschliche Natur ohnehin jeden zur Gemeinschaft hindrängt, daß diese äußeren Gebote gar nicht notwendig sind, wenn wir unsere Natur wirken lassen, wenn wir unser Selbst verwirklichen, wenn sie das also wüßten, würden sie zwar nicht ihren Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit aufgeben, aber sie würden sehen, daß die Selbstverwirklichung kein Hindernis und keine Verzögerung des sozialen Wandels ist, sondern gerade deren stärkster Antrieb. Wir brauchen keine Angst haben. Alles ist zum Besten, wenn die Liebe regiert. Für manche ist der bewaffnete Freiheitskampf etwas Natürliches. Es muß auch Revolutionäre geben. Jeder hat seine "Berufung", aber es ist eine Tragödien, wenn jemand sein Leben verliert ohne eine solche Berufung. "Drum prüfe, wer sich ewig bindet..." (Goethe). Auf die Liebe allein kommt es an.

"Berufung" ist der .Ruf eines Archetyps, der ins Bewußtsein drängt. Unsere psycho-physiologische Realität will erkannt werden. Der Grad der Bewußtheit ist der Grad unserer persönlichen Entfaltung, die dann über die Bewußtheit - Castaneda sagt dazu "Klarheit" - hinausgeht zur Fähigkeit, die archetypischen Zusammenhänge praktisch zu manipulieren, d.h., die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und auf die physische und soziale Umwelt Einfluß zu nehmen (Castanedas Stufe der "Macht"). Von dort treibt unser natürliches, archetypisches Entwicklungsprogramm uns weiter zur Erfahrung unserer genauen Position in der Vielfalt des Ganzen des Lebens und damit zur Erfahrung der Vergeblichkeit aller Zwecke. Castaneda spricht hier von "kontrollierter Torheit". Hier ist die archetypische Sphäre bekannt, d.h. das biologische Entwicklungsprogramm hat das Bewußtsein bis an die Grenzen der menschlichen Existenz hin ausgeweitet.

Die politischen Revolutionäre oder diejenigen, die unter dem Einfluß eines anderen Archetyps stehen, sind davon noch weit entfernt, aber dennoch trifft sie kein Vorwurf. Solange sie ehrlich ihrer Liebe folgen, sind sie auf dem richtigen Weg, auf dem die "unterste Stufe" so gut ist wie die oberste.

Die Inder sprechen von der Notwendigkeit mehrerer Wiedergeburten auf dem Weg zur Erlösung. Weil klar ist, daß die meisten Menschen den "Individuationsprozeß", wie Jung es nennt, zu ihren Lebzeiten nicht bis zur vollen Entfaltung durchmachen, sondern unterwegs von archetypischen, in ihrer äußeren Entsprechung durchaus physischen, Mächten gefangen und schließlich verschlungen werden. Die meisten Menschen haben von ihrer Erziehung her keine Ausgangsposition, die ihnen die Entfaltung leicht machen würde. Nur in wenigen Familien werden die Erfahrungen vieler Leben so weitergegeben, daß der neue Mensch damit diese vielen Leben gewissermaßen schon hinter sich hat, obwohl auch er noch alle Stufen des Individuationsprozesses durchschreiten muß, aber eben mit der entsprechenden Hilfe (der "Kette", wie die Sufis sagen) im Hintergrund. Diejenigen, die diese glücklichen Voraussetzungen nicht haben, haben "nur" ihr eigenes biologisches Entwicklungsprogramm, das aber oft durch äußere Einflüsse übertönt und unterbrochen wird.

Ein Mensch, der auf diesen inneren Antrieb hört jedoch, wird sich von nichts festhalten lassen, ganz gleich welche Erziehung er genossen hat. Im Leben jedes Menschen nämlich gibt es die Momente der Klarheit und jeder hat dadurch die Chance, sich aus den Bindungen seiner Gewohnheiten und der Normen seiner Klasse zu befreien. Und das ist die wahre Befreiung, die Freiheit, das natürliche Entwicklungsprogramm, wie es in den Heldenmythen beschrieben wird, zur Wirkung kommen zu lassen und damit durch alle Gefahren und Versuchungen hindurchzugehen. Im Vertrauen auf die uns eingeboren innere Führung ist es möglich.

Die Religion ist also letztlich eine biologische, ja eine physikalische Tatsache. Sie ist uns eingebaut, ja wir sind Ausflüsse jenen "Wesens", das all diese verschiedenen Formen hervorgebracht hat. Es ist nicht einfach eine blinde Energie, sondern sie hat von Anfang an die Tendenz zur Entwicklung in immer kompliziertere organische Strukturen. Bei uns Menschen zeigt sie sich klar in dem, was C.G. Jung und E. Neumann "Individuationsprozeß" nennen, also einen in jedem Menschen vorprogrammierten Entwicklungsvorgang, der seit je her im Bewußtsein in Form von Heldensagen repräsentiert war. Das Beispiel der anderen wird zum Modell des Handelns und ein angeborenes Wissen um Richtigkeit und Falschheit läßt uns die Führer von den Verführern unterscheiden - auch wenn dieses Wissen überblendet ist von dem "double-bind", den Loyalitäten ins Verderben, von Ängsten, die über die reale Situation hinauswirken.

Die Angst ist anfangs stärker als diese innere "Stimme". Deshalb ist die Überwindung der Angst die erste Stufe auf dem Weg in die Freiheit. Es gibt viele Methoden dafür: Manche Sufi-Meister, wie andere religiöse Orden und Sekten etwa lassen ihre Schüler in unzeitgemäßen Kostümen herumlaufen. Diese Distanzierung von der Mode erzwingt einen Bruch mit der Angst und den Loyalitäten, die uns bisher behindert haben. Allerdings ergeben sich bei den Sekten neue und oft nicht weniger behindernde Loyalitäten. Schließlich geht es ja darum, genau diesem biologischen Programm zu folgen, unserer "inneren Stimme", der Resultante des mathematisch exakten Vergleichs von innerer und äußerer Realität. Die Instanz, die diesen Vergleich vornimmt, ist sie noch materiell oder liegt sie in einem "geistigen" Bereich? Sowohl historische Strömungen, die uns physisch nahegebracht werden, als auch eine Art kollektives Bewußtsein der Gattung spielen mit. Dieses "Überbewußtsein" kennen alle Religionen. Es hat zu tun mit dem "Schicksalsbuch", mit den "akhasischen Aufzeichnungen", aber es beschränkt nicht, wie es bei diesen scheint, den Handlungsspielraum, sondern es zeigt vielmehr die beste Möglichkeit. Vielleicht ist es auch so, daß dieses "Überbewußtsein" uns erst hervorgebracht hat, etwa durch ein "morphogenetisches Feld" (R. Shelldrake), vielleicht ist die Materie nur die sichtbare Seite einer sonst unsichtbaren intentionalen Formkraft, die die Welt am Dasein erhält, in der trotz der Vielfalt alles gleichzeitig da ist. Jedenfalls haben wir das Bewußtsein von so einer Kraft in uns und wir können über sie verfügen, solange wir uns ihr beugen. Hier liegen die Möglichkeiten der Magie, die "siddhis", die "okkulten Kräfte".

Okkulte Kräfte als solche anzustreben, ist ein Weg ins Verderben, außer bei einigen, denen sich der Weg von selber auf tut, denn es geht ja um unser ganzheitliches Glück. Und das können wir nicht durch einen Trick erreichen. Es liegt allein darin, daß wir die Dinge herausbringen, die in uns angelegt sind, in dieser inneren Urteilsinstanz, sei sie nun materiell oder "geistig". Wenn wir diesen Weg gehen, öffnen sich die Quellen dieser "synchronistischen" Information genau dann, wenn wir es brauchen. Dann hört uns der Gralsritter oder der "Christus" oder der Amithaba Buddha, also der in allen Exemplaren der Gattung vorhandene "Archetypus" derselben und wir selber werden zum "barmherzigen Samariter". Ein professioneller barmherziger Samariter zu sein dagegen, ist etwas ganz anderes. Einigen ist es gegeben, aber viele von ihnen sind nur auf der Flucht vor sich selber und sie reißen andere mit in ihr Unglück, die nämlich, denen sie ungebeten "helfen". Viele verstehen "christliche Nächstenliebe" falsch. Anstatt offen zu sein für ihre Mitmenschen, verschreiben sie sich der "Nächstenliebe", aber es ist nur Feigheit vor dem Leben.

Die Bhagavadgita beginnt mit dem Problem: Ardschuna zögert den Kampf zu beginnen. Alle möglichen humanitären Argumente fallen ihm ein und es braucht Krishna, um ihn zu erinnern, daß es ja sein Wille war, und daß der Kampf für den eigenen Willen unausweichlich ist. Die Leute mit der Art Nächstenliebe, die die Eigenliebe nicht einschließt, sind es dann, die im konkreten Fall am ehesten an dem Überfallenen vorbeigehen, wie der Priester im Gleichnis Jesu, weil sie die Liebe nicht spüren sondern nur vorschriftsmäßig erfüllen. Das kommt daher, daß sie die Welt eingeteilt haben in "gut" und "schlecht" - das ist die Essenz des Baumes der Erkenntnis, die Ursünde - und das "Schlechte" tolerieren sie weder in sich noch in anderen. Sie begreifen nicht, daß die Gebote für den Menschen da sind und nicht umgekehrt. Und weil sie einen Teil von sich und von der Welt ablehnen, ist ihnen das Gespür abhanden gekommen, die Liebe. So ist die Hilfe zu einer Falle geworden. Ich sage nicht, es sollte keine Gebote geben oder sie sollten geändert werden. Sie können nicht geändert werden, denn es sind statistische Naturgesetze. Aber wie diese müssen sie durchlässig sein für individuelle Abweichungen - wie es auch manchmal nötig ist vom Weg abzuweichen, wenn wir ein bestimmtes Ziel erreichen wollen. Jesus hat verboten zu urteilen, aber viele von denen, die sich für seine treuesten Anhänger halten, verbringen gerade damit ihre Zeit. Kein Wunder, daß Jesus über sein "Jerusalem" weinen mußte, das seine Abweichung nicht duldete.

Die japanischen Meister Honen und Shinran haben festgestellt, daß es zwei Wege gibt: den schweren der Selbsterlösung und den leichten des Vertrauens auf die andere Kraft, nämlich die, aus der wir bestehen, auf unsere "Buddhanatur", unsere biologische Natur, die für jeden einen Weg zum Himmel hat. Wir können ihn nicht aus eigener Kraft erreichen. Das sehen schließlich auch die ein, die alle Anstrengungen unternehmen, um das Gegenteil zu beweisen, weil gerade ihre Mühe sie unausweichlich in eine Depression führt - an deren Talsohle plötzlich das auftaucht, nach dem sie sich immer gesehnt hatten. Der Himmel besteht im Erleben des Lebensflusses, der da immer schon war. Früher hat man deshalb gesagt, daß die Heiligen im Himmel Gott schauen. Was sie sehen, ist dieser Fluß. Es ist richtig, zu sagen, daß man erst sterben muß, bevor man den Himmel erleben kann, aber der Tod, der hier gemeint ist, ist nicht der physische Tod - was für eine Perversion! - sondern der Tod der Einbildung, daß wir es wären, die diese Kraft erzeugen.

Wir können aber auch nicht einfach warten darauf, daß diese Kraft uns abholt, obwohl so eine Ahnung da ist, solange wir die "Ungerechtigkeit des Schicksals" beklagen und Hilfe von außen erhoffen. Es ist sinnlos, all das "Karma" zu beweinen, das auf uns lastet. Wir müssen da beginnen zu gehen, wo wir sind. Das ist alles. Das ist das Ende des Trotzes und die einzige Erlösung, die es gibt. Von da an wissen wir, daß uns keiner helfen wird, wenn wir uns nicht selber helfen. So fangen wir von selber an und siehe da: Der Himmel steht uns bei. Unversehens stehen wir mitten im Lebensstrom. Der optimale Fluß des Lebens kann nicht berechnet werden, weil uns die Daten nicht bekannt sind und nie bekannt sein können. Aber das macht nichts, denn wir haben eine Instanz in uns, die sowohl über die Daten unserer ganzen biologischen Geschichte verfügt, als auch über die emotionale Ausstrahlung des Rests der Welt, von der sie alles das wahrnimmt, was für uns von Bedeutung ist.

In uns ist etwas wie ein universaler Computer, dem sämtliche Daten zur Verfügung stehen. Nur verschleiern wir dieses Wissen oft vor uns selbst. Und erst wenn wir uns in jeder Beziehung ganz akzeptieren, das "Gute" wie das "Schlechte", beginnt der Strom zu fließen.

Warum gibt es dann zwei Wege? Das erscheint nur so, denn im Weg der Erlösung durch die andere Kraft ist auch der schwere Weg der Disziplin und der Übungen enthalten für die, die sich unbedingt einen Zwang antun müssen, die getrieben sind von Ehrgeiz. Für die Erlösung selbst aber hat der Zwang nur die Bedeutung, daß er das Feuer schafft, in dem wir braten müssen, bis wir herausspringen, bis es uns reicht. Erst dann kommt die Lebensenergie von allein. Die schweren Übungen und Methoden können sie nicht erzeugen, sie können uns nur kneten und schlagen, bis wir uns ihr öffnen. Warum dann nicht gleich? Ohne diesen Firlefanz von Yoga, Zazen, Mantras, Gebeten und Opfern? Wir sind eben hypnotisiert und leider sehr begriffstutzig und die Intellektuellen haben eine besonders lange Leitung. Für sie ist es wie beim Pokern: Sie haben schon zu viel eingesetzt, um jetzt noch aufhören zu können. Da brauchen sie so einen wie Gurdieff, der sie in Bedingungen führt, die sonst nur in KZ's anzutreffen sind. Und manche erwachen nichteinmal dadurch.

Obwohl es keine Methode gibt, die die Erlösung bewirken könnte, gibt es doch eine Mitarbeit am natürlichen Entwicklungsprogramm. Und der Ablauf dieser Entwicklung läßt sich beschreiben. Er ist immer wieder beschrieben worden in den tausenden von Mythen, die die archetypischen Abfolgen zeigen. Auch wenn die Geschichte bei jedem anders verläuft, die Mythen, die uns anziehen, zeigen uns den Weg. Und so leisten unser Bewußtsein und unser Streben ihren Beitrag auf unserem Heldenweg. Wir folgen einfach der natürlichen Anziehung, dem "Talgeist" des Tao und auf dem Weg liegen auch unsere spirituellen Übungen - bis wir erkennen, daß wir sie nicht brauchen, weil unsere Bedürfnisse selber uns Aufgaben und Übung genug geben. Wenn wir sie nur anpacken, werden wir von selber gesund und zusätzliche Übungen und Askese werden überflüssig. Die Übungen sollen zu dieser Erkenntnis führen, aber wir können schon viel früher auf den Punkt kommen, denn er ist immer da; wir brauchen uns nur lösen von unserem ängstlichen Festklammern an starre Vorstellungen. Keine Angst! Die Welt, die da zusammenbricht, ist nicht die wirkliche, sondern eine Illusion. Do it! Now! Jetzt ist die Zeit. Was wünscht du dir jetzt? Tu es! Schau dich nicht um! Du hast es nicht nötig. Dein Gespür sagt es dir schon richtig. Tu, was du siehst! Ergreif deine Chancen! Sei ein Mann, eine Frau oder was du bist. Wirf ab deine Unentschlossenheit. Sieh das Leben als ein Geschäft, nüchtern, als eine Serie von Verträgen, die gelten und aufgehoben werden je nach Bedarf. Und tu kein Ding länger als nötig für dich.

In dem Leben nach der Wiedergeburt herrscht die Vernunft, aber eine geläuterte Vernunft. Nicht mehr eine, die sich Tricks ausdenkt, um nichts tun zu müssen, sondern eine, die sich dem natürlichen Bedürfnis zur Verfügung stellt, dem ganzen Menschen, nichts ausgenommen. Wenn wir annehmen, daß wir Menschen ein perfektes Abbild der kosmischen Energie sind (wie jede andere organische Einheit auch), die in uns zum Bewußtsein gekommen ist, können wir verstehen, daß in uns ein Programm gespeichert ist, das den besten Kurs aus sämtlichen möglichen Schicksalen wählt. Und daß dieses Programm der sicherste Führer ist, den wir haben. Es scheint so etwas wie "Bestimmung" wirksam zu sein oder einfach physikalische Determination, aber nur so lange, als ein Mensch nicht zu sich selber gefunden hat. Dann nämlich übernimmt er seine Bestimmung freiwillig und aktiv. Und nun ist er der Zeit voraus und kann sich einrichten nach Belieben. Die Hindernisse, die nun auftreten, werden strategisch bezwungen. Sowohl Castaneda, als auch der I Ching zeigen das.

Daß diese Selbstbestimmung nun nicht mehr die alte "egoistische" ist, ist klar, denn das "Egoistische" war die Angst, die jetzt überwunden ist. Der "Egoist", der alles an sich rafft, ist noch nicht durchgebrochen zur Vernunft. Er ist noch getrieben von von außen kommenden Illusionen. Er ist zu seiner Natur noch nicht vorgestoßen. Allerdings kann ein sogenannter "Egoist", ein Geizhals etwa, durchaus authentisch sein. Aber von denen spreche ich hier nicht, sondern von denen, die sich einbilden jemand zu sein, der sie nicht sind. Und das ist der Fall bei einem gewissen Anteil der Karrieristen. Auf die Authentizität kommt es an. Wer sie nicht erkennen kann, ist nicht befugt zu urteilen über irgend jemand. Nicht weil sie ungerecht urteilen würden, sondern weil sie sich durch ihr voreingenommenes Urteil nur selber den Weg verbauen. Denn was sie den anderen nicht zugestehen, ist meist gerade was sie selber insgeheim möchten. Das darf nicht an den Tag kommen. Aber es muß an den Tag kommen. "Von den Dächern müßt ihr es verkünden" (Jesus, Mt 10,27). Das ist die Erlösung von der Qual des Zurückhaltens und Versteckens. Nichts wirkt befreiender als die Wahrheit.

Falls es eine Verirrung ist, was wir wollen, kann es sich je herausstellen, wenn wir es nicht tun, wenn wir es verstecken? Eine Krankheit kann ihre Kur nur finden, wenn sie herauskommt. Es ist also in jedem Fall gut, wenn es herauskommt, im "guten" wie im "schlechten". "Qui tollis peccata mundi", Du nimmst hinweg die Sünden der Welt. Nur die tatsächliche Konfrontation befreit uns. Erst da kann unser innerer Korrekturmechanismus in Aktion treten, der Schaltkreis Schmerz - Heilung. Wenn wir den Schmerz vermeiden, indem wir unsere Wünsche verheimlichen, was soll sich da ändern? Da können wir nur noch kapitulieren und uns bescheiden. Aber ohne den realen Kampf und der Niederlage in dem Kampf, werden diese Wünsche da bleiben und an unserer Entschlußkraft nagen. Sie werden uns zweifeln machen und unsicher. Es ist bei uns wie bei den Tieren: Wir müssen uns unser Revier erobern, unsere biologische Nische. Wir müssen ins Gelobte Land ziehen und die Anweisungen befolgen, die die Bibel dafür gibt, denn das ist das Leben nach unserem biologischen Plan. Nicht weil es in der Bibel steht oder weil schon die Tiere es tun - es ist einfach logisch. Es ist die Logik der Schöpfung.

Die Eroberung des Gelobten Landes verlangt Energie. Und eine Zeitlang sieht es so aus, als müßten wir diese Energie selber erzeugen, als müßten wir den schweren Weg der Selbstdisziplinierung gehen. Aber tatsächlich ist es ein inneres Gesetz des Kosmos, daß der Trieb ins Gelobte Land bei allen vorhanden ist, daß also alle nötige Energie schon bereitgestellt ist für den Augenblick, an dem wir unsere lächerlichen, ehrgeizigen Versuche, die Gottheit zu bezwingen, aufgeben und uns vertrauensvoll bekehren zu unserer Natur, zu unserem persönlichen Grund und zu der Energie, die daraus fließt. Da nämlich erst sind wir im Vollbesitz unserer Kräfte, Da strahlt unser ganzes Wesen auf.

Wir alle können uns erinnern an solche Situationen. Denk daran, versetz dich hinein in sie und übertrage diesen Geist auf deine Gegenwart. Dann siehst du, was du in der Zwischenzeit verleugnet hast. Bring es heraus. Widme ihm die gebührende Aufmerksamkeit bei klarem Verstand. Überlege die Risiken und die Vorgangsweise und dann vertrau auf die innere Führung. Dann tauchen die Chancen auf. Sei vorsichtig, aber laß nicht locker. Es wird immer Rückschläge geben, aber mit zunehmender Erfahrung wirst du den richtigen Weg finden. So erweitert sich dein Horizont Schritt für Schritt. Aber nun tust du es nicht eigenmächtig, sondern immer in Übereinstimmung mit deinen echten Bedürfnissen. Am Anfang ist dies nicht leicht, denn sie zeigen sich nur in blitzartig aufleuchtenden Bildern, denen du nicht gleich trauen wirst. Aber beobachte sie einfach und überzeuge dich von ihrer Richtigkeit und mach dir nichts draus, wenn dir der Mut fehlt, ihnen zu folgen. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo du dir ein Herz nimmst und es tust. Und du tust es öfter und öfter, bis du wieder ein Gebiet in deinem Himmel "hinzugewonnen" hast. Diese Eroberung des Heiligen Landes ist keine "egoistische" Tat und auch keine Übung der Selbsterlösung, sondern es ist die Konsequenz der Erleuchtung, d.h. der Einsicht, daß dieser Weg unser menschliches Schicksal ist, das keine Verweigerung duldet. Lange genug braucht es bis zu dieser Einsicht und manche erreichen sie anscheinend nie oder erst auf ihrem Totenbett. Das ist schade. Nicht daß es unsere Aufgabe wäre, die Uneinsichtigen zu bekehren - das wäre "Perlen vor die Säue werfen". Wir brauchen nur denen beistehen, die sich bereits auf. die Suche gemacht haben, die bereits ihrem inneren Muster auf der Spur sind und sich umsehen nach Hilfe.

Es gibt keine gewaltsame Bekehrung. Das wäre wieder ein Mißtrauen der Natur gegenüber, die ja ohnehin alle in diese Richtung drängt.

Wenn wir diesem Muster folgen, verschwindet auch unsere Angst vor Umweltverseuchung und Atomgefahr. Wir brauchen auch da niemand bekehren. Wir brauchen es nur selber anders machen. Nicht gegen jemand, sodaß eine neue Opposition entsteht, ein neuer Kampf, sondern für diejenigen, die sich gleich uns befreien möchten von dem Wahnsinn des Gegeneinanders. Dadurch erst werden die Paranoiker mit ihren Waffensystemen von ihrer Angst befreit werden. Strategisch sind sie nicht zu schlagen.

Deshalb sagte Jesus zu Petrus "Steck dein Schwert in die Scheide, denn wer das Schwert ergreift, wird durch das Schwert umkommen." Das heißt nicht, daß die Green-Peace-Leute auf dem Holzweg wären. Solange sie ehrlich auf dem Weg in ihr Paradies sind, wird ihr Werk auch entsprechend wirken. Diejenigen aber, die nicht bereit sind auch die andere Backe hinzuhalten, werden dem Streit kein Ende setzen können. Das ist eines der Gesetze der Entspannung. Wie außen, so auch innen und umgekehrt. Um mit uns selber klar zu kommen, müssen wir auch unseren paranoiden Teil akzeptieren, und uns schlagen lassen, bis das Ganze von uns die Paranoia abschüttelt. Einfach so.

Immer wieder bin ich dort hingeführt worden und dennoch möchte ich immer wieder meine Entwicklung künstlich beschleunigen auf dem schweren Weg der Selbsterlösung. Und jedesmal erlebe ich dabei eine Abfuhr. Und so begreife ich langsam, langsam, daß ich es nicht aus eigener Kraft tun muß, daß mich ein inneres Programm durch einen Entfaltungsprozeß führt und daß sich die richtigen Kontakte rechtzeitig von selber einstellen - aber eben nur solange ich es nicht auf eigene Faust, "egoistisch" (gierig) versuche. Schon bei Mose war es so: Zuerst wollte er künstlich eingreifen und so hat er einen Sklavenaufseher erschlagen. Und darauf mußte er in die Wüste fliehen. Aber trotz oder vielleicht sogar wegen seines Fehlers, weil er nicht warten konnte, kam die Einsicht und die Kraft von selber. Seine innere Führung gab ihm das Dornbuscherlebnis, als er "reif" dafür war, als ihm seine Vorstellungen nicht mehr im Weg waren. Und bei uns ist es genauso. Vor-Stellungen, Vor-Lieben, Vor-Sicht stellen sich zwischen uns und unsere Sinneseindrücke, wie ein Verzerrer zwischen Instrument und Verstärker. Unser Bewußtsein bestimmt unser Sein und unser Sein bestimmt unser Bewußtsein, aber die Determinationskraft beider wird aufgehoben, wenn wir total da sind, wenn wir unsere Situation selber wirken lassen. Da tun sich plötzlich wundersame Auswege auf, da steht plötzlich die ganze Bandbreite der Möglichkeiten vor uns und wir sind weder gebunden an persönliche Vorlieben noch an die Normen unserer gesellschaftlicher Klasse. Es zeigt sich die optimale Lösung.

Es gibt ein Spiel, bei dem man zu einer aufgedeckten Karte immer eine identische zugedeckte Karte finden muß ("Memory"). Am Anfang kann keiner wissen, wo sie liegt und doch gibt es dabei erstaunliche Trefferserien. Kinder, die dieses Spiel mit Erwachsenen spielen, gewinnen fast immer. Und wenn Kinder es untereinander spielen, verlieren immer die, die eine restriktive Erziehung "genießen". Intuition? Es gibt viele Namen dafür, aber es ist das Allergewöhnlichste, das nur ungewöhnlich wird, wenn wir unsere Angst durch ein Schema, eine Methode oder einen Ersatz zudecken.

Viele Menschen wissen sich selbst nicht mehr zu helfen. Sie suchen die Hilfe eines Arztes, eines Meisters, eines Guru. Und das ist gut so, denn so erfahren sie, was los ist mit ihnen. Aber viele verlassen sich dann auf den Guru, auf ihre Methode und erwarten sich das Heil als eine Belohnung ihres Gehorsams. Sie begreifen nicht, daß die Hilfe nur zeitweilig sein kann, nämlich bis da hin, wo sie ihren inneren Guru hören können und ihm zu folgen ist der einzig richtige Weg. Der innere Guru war schon vorher wirksam. Er hat sie zu dem äußeren geführt, weil sie eine Bestärkung brauchten oder einen Schock, um fähig zu werden, ihre Vorurteile abzuschütteln. Sobald das geschehen ist, haben sie Klarheit, d.h. "Erleuchtung" erlangt. Das ist aber nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Es ist nur das Ende der Suche nach der eigenen inneren Führung. Sie ist jetzt klar. Da war sie immer schon, aber verschleiert durch Abhängigkeiten. Alles, was uns gefehlt hat, war, daß wir die Verantwortung für unser Wohlbefinden nicht übernommen haben, daß wir statt dessen anderen die Schuld gegeben haben. Der springende Punkt ist, daß weder andere noch wir selber Schuld haben im moralischen Sinn. Wir sind nur abhängig. Und Abhängige brauchen jemand, den sie natürlich bezahlen müssen für seine Dienste. Es gibt gute menschliche Führer, die ihr Geld wert sind, aber der beste Führer ist kostenlos, er ist uns gratis (gratia) zur Verfügung gestellt. Es ist unser Christus, unsere Buddhanatur oder einfach unsere Natur, der alle für uns nötige Information zur Verfügung steht. Einzig unser Mißtrauen steht im Weg.

Das Leben ist im Grund einfach - schwer macht es nur unser Eigensinn, denn dieser Eigensinn ist tatsächlich kein Eigensinn, obwohl er so aussieht. Er besteht nämlich aus Koppelungen ambivalenter Erfahrungen, G. Batesons "double-bind" also aus den Elementen unserer persönlichen Geschichte, in denen eine Konditionierung, eine Dressur stattgefunden hat mit Zuckerbrot und Peitsche. Da liegen unsere "Hang-Ups", da hängen wir, da kann der Strom des Lebens nicht durch. Nun - wie viel Karma wir auch aufgeladen bekommen haben, für alle gibt es einen Ausweg, nämlich die sichere Führung aus unserem Inneren. Und Glück oder Heil hängen allein an unserer Übereinstimmung mit dieser Führung.

Die Suche wird ausgelöst durch Unglück, dadurch, daß diese Führung überlagert ist von allen möglichen Bindungen. Die Suche gilt dieser inneren Instanz, die alles weiß. Und wir nähern uns an, indem wir immer wieder die Grenzen überschreiten, so weit es geht. Es ist unsere innere Führung, die das tut. "Gott" ist es, der uns zur "Sünde" verführt; es ist einfach der notwendige natürliche Prozeß des Unterscheiden-Lernens zwischen Echtem und Unechtem. Deshalb führt unser Weg so Zickzack. Meister Eckhart sagt, die Sünde sei dazu da, daß der Mensch sich nicht zu viel einbildet auf seine Fähigkeiten. Das sagt er vor allem zu den spirituellen Karrieristen, den Pharisäern, den professionellen Frommen. Aber auch außerhalb des mythologischen Rahmens hat es seine Bedeutung, weil wir nur durch Versuch und Irrtum lernen können, unser inneres Instrument zu kalibrieren für das Leben. Die äußeren Eichtafeln, die Gebote, können zwar als Richtmaß dienen, aber sie sind nur Näherungswerte, die im Einzelfall kontraindiziert sein können. Das Leben hält sich nicht an Tafeln. Khidr hat es Mose gezeigt und Jesus hat dafür sein Leben gelassen. Wenn wir das Leben wollen, muß unsere "Gerechtigkeit größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer" (Jesus), wir müssen also über die Maßgenauigkeit hinausgehen und den Strom selbst fließen lassen. Und dorthin führt kein Weg und keine Wissenschaft. Da beginnt der Dschungel, das Unbekannte, in das keine Berechnung eindringen kann. Ohne absolutes Vertrauen geht hier nichts. Aber absolut vertrauen können wir auf keine Regel, denn es fehlt die Evidenz. Evidenz gibt nur das innere Wissen, diese Instanz, die mit allem verbunden ist und ohne alle Berechnung den rechten Kurs. kennt.

"Aber die Verhungernden in Afrika! Sind das nicht gerade Menschen, die so spontan leben, die also ihrem inneren Führer folgen? Warum rettet er sie nicht?" Dadurch, daß sie ihr Schicksal akzeptieren oder dadurch, daß sie kämpfen, je nach ihrer Art, gibt das Leben ihnen das Beste, das in dieser Situation möglich, ist. Und viele von ihnen haben trotz ihres Elends ein besseres Leben als so mancher verknöcherter Intellektueller hier bei uns. Und selbst ihr Sterben, es ist wie bei den Tieren oder bei Jesus, still und doch ein Aufschrei, der die Kräfte der Welt mobilisiert, die Verhältnisse zu ändern. Vielleicht ist ihr Opfer es, was uns vor dem Atomtod rettet! Was wissen wir schon über das Leben? Über seine verschlungenen, unentwirrbaren Energiequellen!

Von wo her kommt unsere Kraft? Von überall her. Wir brauchen nur unsere Schleusen zu öffnen, unsere Verdammung beenden. Sesam öffne dich! Das ist alles. Castanedas Zauberermythos kann auch nur höchstens dahin führen. Nicht daß da die Endstation wäre. Da fängt das Leben erst an. Und es zeigt sich, daß alles eins ist. Alles steht uns offen und wir erforschen Bereich um Bereich, bis wir dorthin kommen, wo es uns gefällt. Eine Reise. Der Geist stirbt nicht, er lebt fort in allem. Nichts geht verloren.

Auch diejenigen übrigens, die zeitlebens nie wirklich bewußt diese Kraft gespürt haben, die sie treibt, die zu sehr eingespannt waren in ihre sozialen Zirkel, für die sie gelebt haben. Auch die sind natürlich gesteuert von dieser Kraft, die nicht nur individuell wirkt, sondern alle sozialen Sitten und Unsitten erzeugt und jede Entfremdung. "Gott" "kann", wie viele Fundamentalisten irrtümlich glauben, jemand zur Hölle determinieren. Einem armen entfremdeten Menschen seine Schuld vorzuhalten, wäre unmenschlich. Er hat keine Schuld. Du hast keine Schuld, ganz gleich wie schlecht es dir geht. So viel ich auch hier schon über Schuld gesprochen habe. Du hast keine Schuld. "Gott" hat dich an den Platz gesetzt, an dem du bist, mit allen deinen Eigenschaften. Du hast keine Schuld. Du bist darin schon erlöst. Nicht weil Jesus für dich am Kreuz gestorben ist oder weil Amida ein Versprechen abgegeben hat, dich zu erlösen oder weil du offiziell den Islam angenommen hast oder dergleichen. Du bist erlöst, weil du von jedem Punkt aus deine Reise ins Paradies beginnen kannst. Das ist alles. Alle auf dieser Reise sind gleich viel wert, die "Bösen", wie die "Guten". Wenn du also böse bist oder schlecht oder unfähig, mach dir nichts draus. Gott wollte dich so. Dein Zustand ist deine Aufgabe. Natürlich kann dir jeder nur raten, auf deiner Reise ins Paradies nicht zu zögern und dich nicht aufzuhalten bei den Dingen, die dich abhalten wollen vom Paradies.

Es gibt da einiges zu lernen auf dem Weg. Wie lange es bei den meisten von uns schon dauert, bis wir wissen, was wir wollen! Und dann bis wir es bekommen. Und kaum haben wir es, geht es schon wieder weiter. Es gibt kein Ende, aber es ist ungeheuer spannend und interessant. Das ist das Leben, von der untersten bis zur obersten Gesellschaftsklasse. Die Position ist relativ, aber die Gefühle sind die gleichen, nämlich gut, solange wir den Himmel ansteuern und schlecht, sobald wir uns von etwas fesseln lassen. Es ist ja nur logisch. Und manche steuern gerade durch die Fesseln den Himmel an. Der Himmel ist nämlich für jeden anders. "Es gibt viele Wohnungen im Hause meines Vaters", sagt Jesus. Da herrscht Freiheit.

Warum verschieben die Religionen den Himmel auf die Zeit nach dem körperlichen Tod? Einerseits weil ihre Anhänger dem Ideal ihrer Gründer nicht folgen können, andererseits aber auch als Methode: Sie erreichen damit bei einfachen Menschen Gelassenheit, eine Abwendung der Aufmerksamkeit von "egoistisch Interessen, also von Einbildungen. Das Problem ist, daß sich viele gerade auf ihre Religiosität etwas einbilden, was natürlich die Wirkung dessen, was sie so eifrig tun, zunichte macht. "Sie haben ihren Lohn schon" (Jesus). Schade um jede Minute für religiöse Übungen, die nicht aus dem ehrlichen Herzen kommen. Nicht bloß gute Vorsätze pflastern den Weg zur Hölle, auch gute Taten. Wer ehrlich ist mit sich selber, braucht keine guten Taten. Er tut sie von Natur aus und es fällt ihm gar nicht auf. "Seine Linke weiß nicht, was seine Rechte tut" (Jesus). Wie viele guten Taten ein Unehrlicher auch anhäufen mag, er kann den Himmel damit nicht erreichen. So müssen sie ihn ins Jenseits verschieben.

Aus eigener Kraft gut sein wollen, ist ein Widerspruch in sich selber. Aus eigener Kraft kann man sich nur dressieren. Man wird dann zum dressierten Affen, obwohl man gerade das Äffische weit von sich weisen und zudecken möchte. Es ist umsonst. Da kommt es erst richtig heraus. Krishnamurti beschreibt es recht gut, wie da so spirituelle Karrieristen zu ihm kommen und ihm etwas Gescheites vorplappern, alles gut rationalisiert, aber eben nur hohle Masken. "Übertünchte Gräber hat Jesus sie genannt. Dabei sind sie natürlich völlig unschuldig und ich habe auch nicht die Absicht, sie zu verurteilen. Nur lache ich manchmal über sie und manchmal muß ich weinen. Sie sind leider echte Ungeheuer.

Nicht das Tierische in uns ist der Feind, nicht die "niederen Instinkte", es ist die Einbildung, diese Instinkte überwunden zu haben - als ob jemand, der seine Natur tötet, überleben könnte! Übertünchte Gräber. Und sie suchen die ganze Welt mit sich zu reißen. Der Feind ist real. Es ist die Einbildung, die die Menschen dazu bringt, jemand anderer sein zu wollen, als sie sind, den Christus in sich zu verleugnen. Wozu? Es ist umsonst. Alle die Mühe ist umsonst, bloße Eitelkeit. Bescheidenheit dagegen ist nicht Selbstverleugnung, sondern sich selber nehmen, wie man ist. Selbstverleugnung ist (intellektueller) Schwachsinn. Das hat Jesus nie gewollt. Hätte er sich selber verleugnet, wäre er ein braver Pharisäer geworden. "Warum aber sagt er dann: 'Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst; er nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach'?" Was Jesus meint, ist der Abstand von unseren Gewohnheiten, von dem Schema, von den Vorstellungen, mit denen wir uns so oft identifizieren: jedesmal, wenn wir uns einer bestimmten Kategorie zurechnen, sei es unsere soziale Gruppe, unser Beruf, unsere Hobbies, unsere Routine. Aus diesen Identifikationen besteht das Selbst, das wir los werden müssen. Sie sind unser Kreuz, das wir tragen müssen, bis es abgetragen ist. Und das ist der Weg in die Freiheit.

Das einzig richtige Tun ist das Nicht-Tun. Ihr seid zwar alle erlöst, aber fahrt nur fort mit euren verrückten, besorgten Streben. All das ist eingeplant. Das dürft ihr glauben. Macht also nur weiter so. Das ist der einzige Weg. Nur das Leben selbst kann euch lehren.
 
 

Die priesterlichen Kreise der christlichen Ökumene haben zunehmend Schwierigkeiten, die Notwendigkeit ihrer Funktion zu rechtfertigen. Mit letzter Kraft halten sie sich fest an metaphysischen Kategorien und, weil das heutige Weltverständnis kein metaphysisches mehr ist, verleugnen sie den symbolischen Charakter der Glaubenswahrheiten - obwohl die Bekenntnisformeln seit je her "Symbolon" genannt werden - und stilisieren sie um zu quasi-physischen Realitäten: Weil sie die Atrozitäten des Nazi-Regimes in keiner Weise mit sich in Verbindung gebracht sehen wollen, haben sie so, z.B., im Rahmen einer ökumenischen Textrevision das (faktische) "Übel" des Vaterunsers in das (metaphysische) "Böse" verwandelt. Aber zu spät. Es ist Zeit, daß wir uns zu unserer Natur bekennen, daß wir nicht länger verdrängen und all das Abscheuliche in uns in ein Jenseits von uns verweisen. Schließlich war genau das die Taktik der Nazis. Die Fundamentalisten in aller Welt aber hegen und pflegen immer noch ihre projizierten Greuel. Es kann ihnen so verborgen bleiben, daß sie und niemand anderer diese Feinde erzeugen. Das "Böse" ist das Produkt der "Guten". Die Bösen sind nämlich böse, weil die "Guten" ihnen durch ihre Abwehr übel mitspielen. Wie lange soll das noch so weitergehen? Sollen wir die Fundamentalisten ausrotten, um das Übel zu beseitigen? Nein, wir fragen besser, warum sie so böse sind auf ihre Feinde. Es ist ein altes Mittel der schwarzen Magie: Wo die Selbsterkenntnis zu schmerzhaft wäre, benutzt man die drohende Gefahr dieses Schmerzes (=die Höllenangst) als Triebmittel. Das meinte Jesus, als er vor dem "Sauerteig der Pharisäer" warnte. Es ist einfach Besessenheit. Aber von wem oder was sind diese Menschen besessen? Von der Angst vor dem Leben. Anstatt Gott als liebenden Helfer zu sehen, fürchten sie ihn so, daß sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Es ist zum Weinen! "Und erlöse uns von dem 'Bösen'", sagen sie und zur Vorsicht bauen sie sich Arsenale von Waffen, um es notfalls selber erledigen zu können. Die alte Hexereil Dabei könnte von dem Geld, das so in die Beschwörung des Bösen gesteckt wird, das "Übel" tatsächlich beseitigt werden. Eine Ironie des Schicksals? Nein, nur eines der fundamentalen Gesetze des Lebens, seit den ältesten Mythen bekannt, von allen Propheten unter Lebensgefahr vorgeführt und sofort wieder verdrängt. Wird es je anders werden? Kann es je ein Paradies geben?

Die Menschen werden immer versucht sein, sich für besser zu halten als ihre Artgenossen, sich Vorteile zu verschaffen auf Kosten anderer, sich wichtig zu nehmen, zu meinen sie hätten Anspruch, ohne etwas geben zu müssen - und das ist ganz natürlich, denn jedes Wesen ist tatsächlich das Zentrum der Welt. Es braucht allerdings eine Weile bis wir erkennen, daß für die anderen das gleiche gilt. Und dieses Erkennen bedeutet für die meisten von uns eine harte Erfahrung. Aber sie wirkt. Es ist dann nicht eine von außen kommende Moral, die uns zum Verständnis für die anderen führt, sondern die Einsicht in die Realität. Und das sollte die, die heute den Zerfall der Moral beklagen, beruhigen. Der Ausgleich der Interessen auf diesem Planeten läßt sich heute nicht mehr durch äußerliche Gebote erreichen. Sie lassen die Menschen kalt. Aber es gibt einen anderen Weg, es hat ihn immer schon gegeben und heute ist es der einzige, der bleibt: Wie das Individuum am Boden seiner Depression die realistische Lösung findet, die ihm durch seine Einbildung bis da hin verborgen war, so kann das auch Gruppen, Völkern, Rassen und schließlich auch der Gattung insgesamt gelingen. In der tiefsten Not gebiert die Erde die Erlösung, wie es in einem Adventlied heißt. Das ist nicht bloß eine "geoffenbarte" Verheißung, das ist ein Naturgesetz. In der tiefsten Not wird die Einbildung gegenstandslos und ein Weg tut sich auf, der bisher verstellt war: der Weg des Verstehens, des Begreifens, des Berührens. Die Liebe, die gibt ohne zu verlangen, löst den Trotz, die Paranoia, die Angst und die Gier. Diejenigen, die hinuntergestiegen sind in die Hölle, wie Jesus und viele andere (vgl. u.a. die Berichte von Menschen, die klinisch tot waren und wiederbelebt worden sind), sind imstande, diese Aufgabe zu erfüllen, die Unheilbaren zu heilen, durch ihr Beispiel die Einbildung aufzulösen. Das ist Offenbarung - etwas ganz Realistisches, im Gegensatz zu dem mystisch vernebelten Begriff, den die Theologen benützen um ihre Existenz zu rechtfertigen - die sie gar nicht rechtfertigen müßten, wenn sie wüßten, wovon sie sprechen. Habt keine Angst, liebe Theologen, auch wenn keine Vermittler zwischen Gott und Mensch gebraucht werden, so werden doch die gebraucht, an denen alle den "Gott mit uns" (= "Immanuel" = der Messias) sehen können. Das sollt ihr sein, nicht Interpreten irgendwelcher "geoffenbarter" mysteriöser Worte.

Aber wie werden wir zu diesem sichtbaren "Gott mit uns"? In einer dunklen Zeit (es gibt auch "helle" Zeiten, wo alle diese Notwendigkeit begreifen) geht der Weg da hin durch Versuch und Irrtum und über die schmerzhafte Überwindung eingeprägter Einbildungen. Wenn wir die Wege, die zu einer realistischen Einstellung dem Leben gegenüber führen, vergleichen, können wir sehen, daß wir den Maßstab für das Richtige in uns haben, daß wir aber lernen müssen, diesen Maßstab anzuwenden. Es ist bei uns wie mit der Instinktsteuerung der Tiere: Das Programm ist da, aber es muß nachvollzogen werden, damit es wirksam werden kann. Bei den Tieren geschieht das im Spiel und auch bei uns wäre es so, wenn wir uns nicht so viel auf unsere Intelligenz einbilden würden. Dadurch nämlich unterdrücken wir die spielerische Auseinandersetzung und müssen die Dinge, die wir lernen möchten systematisch üben.

Aber Übung kann nicht zum gewünschten Ergebnis führen und sie ist sogar schädlich, solange wir von einem fremden Geist abhängig sind - das Bateson'sche "double-bind" - solange wir uns verpflichtet fühlen, unserer eigenen Einsicht zu mißtrauen. Denn so lange trainieren wir nur unsere Spaltung. Deshalb heißt es in allen spirituellen und esoterischen Schulen, wir müßten nicht lernen, sondern verlernen, wir müßten alles vergessen, was wir jemals gelernt haben. Und schließlich müssen wir auch das vergessen, was unser Guru oder sonstwer lehrt: "Und triffst du Buddha unterwegs, töte ihn!" Wenn unser Selbstbewußtsein erwacht, müssen wir den Meister verlassen, der für eine Weile die Stelle unserer Eltern übernommen hatte, weil wir darauf trainiert waren, einem fremden Willen zu gehorchen. Unser eigener Wille ist blockiert durch unbewußte Tabus und die Botschaften, die unserer Dressur durch die Familie widersprechen, können wir als echte Möglichkeiten nichteinmal wahrnehmen. Letztlich muß uns daher auch unser Meister unverständlich bleiben (vgl. das Problem des Mose mit Khidr) und wir sind genötigt, sein Verhalten zu mystifizieren. Das "double-bind", unsere Besessenheit durch einen fremden Geist ist immer noch aufrecht und es bleibt aufrecht, solange wir den Sprung in die Selbständigkeit nicht wagen. Alles Lernen (Batesons Lernen 0 - II) bleibt äußerlich und keine Disziplin einer Schule oder eines Ordens kann uns zu uns selber führen. Immer bleibt ein unendlicher Abgrund. Jedes Lernprogramm ist erneut ein fremder Geist und wir würden den Teufel durch Beelzebub austreiben wollen. Jesus hat es nicht so gemacht. Er hat den fremden Geist erkannt und bloßgestellt. Nur so konnte er ausfahren. Es gibt keinen anderen Weg. Übungen können uns höchstens zur Erkenntnis ihrer Absurdität führen, also dazu, daß wir diesen eigenmächtigen Weg aufgeben.

Aber wir tun alles, um dieser letzten Konsequenz zu entkommen. Alle möglichen Methoden erlegen wir uns auf, um uns von eben dieser Erkenntnis abzuhalten, denn, es ist uns eingeprägt, wie Bateson festgestellt hat, die Wahrheit darf nicht ans Licht kommen, das wäre unser Untergang. Wessen Untergang? Der Untergang der (möglicherweise posthumen) Herrschaft unserer Eltern und deren Eltern über uns. Die Tradition der Besessenheit reicht weit zurück. Unsere Eltern haben sie uns übertragen und eingeprägt, indem sie uns bestraften und uns klar machten, daß sie unsere Existenz nicht weiter fördern würden, wenn wir sie verrieten. "Aber, aber", wirst du nun vielleicht sagen, "meine Eltern liebten mich doch. Sie wollten nichts Böses". Richtig! Aber gerade dadurch ist ja diese Doppelbindung entstanden. Hätten sie dir die Fußtritte gegeben, die sie manchmal im Sinn hatten, wärst du nicht gespalten worden. (das hat Rollo May festgestellt, als er untersuchte, warum Frauen, die von ihren Eltern schwer mißhandelt und vom Vater vergewaltigt wurden, nicht neurotisch geworden sind), aber sie durften ihre "bösen" Gedanken nicht zugeben, sie mußten sie verbergen. Hätten sie ihre Gefühle unzensuriert ausgedrückt, so hätten ihre Zeit- und Stammesgenossen so getan, als könnte ihnen etwas so Abscheuliches niemals in den Sinn kommen. Sie hätten endlich ein Opfer gehabt, auf das sie ungehemmt ihren Ärger loslassen konnten. Und sie wären nicht stark genug gewesen diese Schande zu ertragen und noch viel weniger, diesen Scheinheiligen entgegenzutreten. In der Todesangst also, die ihnen selber nie ganz zum Bewußtsein kam, haben sie die "bösen" Gedanken in sich verdrängt und dich dazu veranlaßt, das Gleiche zu tun.

Vielleicht ist dir diese Todeangst jetzt ganz nah, in dem Widerwillen, den du vielleicht in dir aufsteigen spürst gegen meine Aufforderung, das Böse herauszulassen, ehrlich deine Gefühle zu leben, so gräßlich sie dir zu sein scheinen, dich zu deiner Tierheit, deiner Bestialität zu bekennen. "Oh wie garstig", höre ich dich sagen. Ja dann, suche nur weiter nach der perfekten Methode der Selbstbeherrschung und pflanze das Böse fort, indem du es versteckst. Willst du aber, daß es seine heimtückische Macht verliert, dann gib endlich zu, daß es in dir ist, daß du das Tier bist, das Ungeheuer, das dich in deinen Träume verfolgt. Erkenne dich selbst und leugne es nicht länger. Dein Heiligkeitsstreben ist die letzte Ausflucht, das letzte Versteck deiner Bosheit (vgl. Lao-tse 19: "Brich ab die Heiligkeit, verwirf die Klugheit..."). "Nein, nein, nein, nein, das kann nicht sein" zetert es in dir, du versteifst deinen Nacken, hebst den Brustkorb und setzt die milde Miene des Wissenden auf. Du hast es geschafft. Du hast dich selber überzeugt. Beinahe wäre es schiefgegangen! Beinahe wärst du erkannt worden! Aber - du bist erkannt worden, du hast es nur wieder einmal geschafft, dich selber zu täuschen. Wie oft willst du der Wahrheit noch davonlaufen? Aber lauf nur, lauf! Es macht nichts, noch nicht, obwohl es schade ist um jeden Tag, den du dich verleugnest.

Du mußt wissen, diese Welt ist dialektisch aufgebaut; ohne das "Böse" zu akzeptieren, kannst du auch das "Gute" nicht haben. Du kannst zwar die Wellenbewegung einschränken, indem du dich versteifst (denk daran, wie steif die Weißen geworden sind im Vergleich zu den Schwarzen), aber meinst du, daß in dem, was da herauskommt, noch Leben ist? Du sagst zwar, du fühlst dich ganz gut, aber in Wirklichkeit bist du nur abgestumpft. Das einzige, das du noch fühlst, sind deine, vielleicht frommen, Rationalisierungen. Damit will ich nicht sagen, daß es keine echte Frömmigkeit gibt, ja nichteinmal, daß Frömmigkeit nicht ein Weg für alle sein kann, sondern daß niemand ohne Schaden zu nehmen den Weg der Frömmigkeit gehen kann, dem das Leben diesen Weg nicht bestimmt hat, der ihn nicht gehen kann ohne etwas in sich zu verleugnen. "Wer aber die Welt verläßt und doch an Sinnendinge denkt, den hat ein heuchlerischer Wahn" (Bhagavadgita 3,6).

Was motiviert Menschen, den spirituellen Weg einzuschlagen. Oft ist es eine Mischung aus Selbstmitleid und Machtgier. Das Selbstmitleid führt uns in die Obhut einer Religion, wo wir insgeheim hoffen, ohne Gefahr, durch magische Praktiken Macht über die (Kräfte) zu bekommen, von denen wir uns bedroht fühlen. Die anscheinend wundersamen Kräfte der "Erleuchteten" faszinieren uns. Wir wollen sie auch haben. Und so tun wir mit unserem Guru, was Verliebte mit ihren Geliebten tun, wir hüllen sie in einen Glorienschein, in dem sie den Schwierigkeiten des Lebens schon entrückt erscheinen. Und das erzeugt neue Mißverständnisse. Es ist zwar so, daß der Erleuchtete nicht mehr beherrscht wird von Einbildungen, aber den Tatsachen des Lebens bleibt er ausgesetzt, denn unser Körper mit all seinen Bedürfnissen ist eine Tatsache für alle. Aber gerade das wollen wir nicht wahrhaben. Das zu leugnen verlangt unsere double-bind-Loyalität, die unseren Körper und seine Ansprüche zu unserem Problem macht, die uns zwingt, ihm entfliehen zu wollen in ein esoterisches Reich, in dem wir der Materie nicht unterworfen sind, in dem wir die Materie beherrschen durch unseren "Geist". Und daher interpretieren wir die Aussagen der spirituellen Lehrer nur allzugern in dieser weltflüchtigen Weise. Aber die gnostisch-dualistische Sicht von Geist und Materie, von Gut und Böse, ist eine Illusion, die auf unserem psychischen Zustand beruht, der uns noch nicht erlaubt, die Realität zu sehen, wie sie ist. Die Wirklichkeit macht uns noch zu viel Angst.

Wir wissen zwar (intellektuell), daß wir werden sollen wie die Kinder, aber wir können es nicht glauben, uns fehlt das Vertrauen. Wir wollen bestimmen, aber gleichzeitig wagen wir uns nicht auf die freie Wildbahn. Wir wollen auf Nummer Sicher gehen und daher im Voraus wissen, was gut ist und was schlecht (die Ursünde). Deshalb wollen wir das Schlechte ein für allemal ausrotten und uns fortan in einer rational geordneten Welt auf unseren Lorbeeren ausruhen. Aber leider läuft die Sache nicht so (Es wäre auch traurig). Was uns als rational erscheint, ist nämlich völlig irrational, weil es von einer Rationalisierung, einer zum Zweck der Verschleierung eingebildeten Idee, ausgeht. In Wirklichkeit sind gut und böse immer relativ und keine Position läßt sich ein für allemal erringen. Wenn wir das aber akzeptieren, können wir werden wie Kinder, wie Jesus es verlangt. Dann sind wir konfrontiert mit der ganzen Bandbreite der Wirklichkeit. Die Automatik unseres Organismus läßt uns jeweils der Situation angemessene spontane Gefühlsausbrüche erleben, die uns anfangs oft schrecken werden, aber es gibt nun keine Fixierungen, keine Hang-ups mehr. Und so können wir jetzt klar sehen, daß auch ein Erleuchteter das "Böse" in sich nicht unwiderruflich besiegt hat und daß er es auch gar nicht besiegen will. Und so brauchen wir keine mysteriöse Theorie mehr, um uns zu erklären, warum er böse wird, wenn ihn etwas ärgert. Es ist ganz natürlich, wie es auch natürlich ist, daß er zugreift, wenn sich eine Chance bietet. Wenn er eine Übereinstimmung erkennt, fragt er nicht nach Formalitäten.

Auf diese Weise hat, beispielsweise, die "Jungfrau" Maria Jesus empfangen, getreu ihrem ehrlichen Empfinden, über das sie keinem Eherechtler Auskunft geben muß. Das Ergebnis war ein Messias. Empfangen im Zeichen der Wahrheit des Erkennens, hatte er keine Erbsünde. Er brauchte von Anfang an nichts verleugnen. Von Anfang an konnte er sein, was er war, ein Gott, wie nach Jesu eigenen Worten (Jo 10,34f) alle Götter sind, die zu ihrer Wahrheit gekommen sind - oder, wie AI Ghazali es sagt: "Da ist nichts als Allah unter meinem Gewand".

Und du erwartest immer noch, daß da jetzt nichts Böses mehr ist, nur noch Mitleid und Güte? Die heiligen Schriften sollten dich eines besseren belehren. Sie sprechen vom "Zorn", ja sogar von der "Rache" Gottes. Die ganze Bandbreite der Natur findest du in Seinen Namen.

In mir ist das All, ich bin Gott an dem Punkt, an dem ich bin. Und da verwirkliche ich, was in mir angelegt ist, ohne Angst und ohne Zögern. Wenn es sein muß, gebe ich den Tod und wenn es sein kann, genieße ich die Freuden dieses Lebens, eben wie ein Kind es tun würde. Es gibt keinen Grund zur Zurückhaltung. Der Unschuld ist alles erlaubt. Und du brauchst auch nicht auf die Erleuchtung zu warten. Du kannst es gleich tun, dann bist du schon erleuchtet. Daß du es tust, ist die Erleuchtung, sonst gar nichts. - "Aber heißt es nicht 'Quod licet Jovi non licet bovi'?" Nun, wenn du ein Rindvieh bist, dann darfst du es natürlich nicht. Du darfst nicht das, was die tun, die dich faszinieren; du bist du, du darfst nur tun, was du liebst.

Nun ist auch klar, daß keine Übung dich dort hin führen kann. Nur daß du es tust. Vielleicht schüchtern, ängstlich zuerst, aber tun mußt du es, auch wenn deine Schritte noch so unsicher sind. Wenn du den Schmerz des Fallens vermeiden willst, gibt es nichts, das dir helfen könnte. Du kannst tausend Jahre lang spirituelle und esoterische Übungen machen, in den Himmel kommst du dadurch nicht, höchstens in den Himmel der Angeber, was natürlich auch etwas ist: ein Jammer, der allen offensichtlich ist, außer dir. - Womit ich nichts gegen die Angeberei sagen möchte. Auch Kinder geben an, aber sie brauchen keine verschämt hinterhältige Theorie zur Rechtfertigung. Benütze alles, befreie dich von deinen Tabus. Alles ist drin. Anything goes. Und solltest du noch irgendwelche moralischen Bedenken haben, solltest du noch irgendetwas schlecht finden, was irgend jemand tut und sollte noch irgendein menschliches Verhalten jenseits deiner Vorstellungswelt liegen, dann sollst du wissen, daß der Fehler nicht bei denen liegt, die das Gräßliche tun, sondern bei deinem beschränkten Einfühlungsvermögen. Gott tut alles. Er liebt, er haßt, er zeugt, er mordet, er vergewaltigt, er lügt, er hurt, er verfolgt Hexen und hext selber. Alles ist drin. Nur was deines ist, das steht nirgendwo geschrieben als in dir selber.

Es ist ja unwahrscheinlich, daß du "berufen" bist ein Gangster zu werden, aber ebenso unwahrscheinlich ist es, daß du berufen bist irgendetwas anderes zu werden. Für jeden hat das Leben etwas Eigenes. "Dieses Tor war nur für dich bestimmt" sagt der Torhüter zu Kafkas "K.", als er es abschließt. Schade, wenn du es erst erkennst, wenn es nicht mehr aufgeht.

Und doch gelten die Gebote und ihr karmisches Gesetz: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer davon lebt andere umzubringen, wird vermutlich irgendwann selber umgebracht werden. Und an den Gestaden der Sirenen bleichen tatsächlich die Gebeine der Verführten. Wenn du daher nicht sicher bist, daß das, was du vor hast, dein ehrlicher innerster Wunsch ist, dein Weg des Herzens, dann folge lieber dem Gebot, bevor du dich ruinierst. Dazu sind die Gebote da. Sie beschützen niemand vor Mördern und Betrügern (eher machen sie die Allzufolgsamen anfällig), aber sie schützen jene, die nicht berufen sind, Mörder und Betrüger zu sein davor, auf diese gefährlich Bahn zu geraten. Für einige wenige dagegen ist es natürlich, sie haben eine kathartische Funktion, und manche von ihnen lassen nach vielen Morden immer noch unschuldig ihr Leben. Auch Kinder sind grausam, wie jeder weiß.

"Das ist doch haarsträubend, so etwas zu behaupten!" Nicht die Behauptung, das Leben ist haarsträubend. Täusche dich nicht, überlege lieber, wo deine Schwelle liegt. Sie ist bei jedem anders, das Ergebnis seiner Programmierung.

Ist unsere Programmierung dann unser "Weg des Herzens"? Nein, aber sie ist unser Ausgangspunkt. Der Weg des Herzens ist der biologisch vorprogrammierte Weg aus der persönlichen Programmierung, aus der Dominanz der Ideale, die uns eingeprägt worden sind. Was uns anzieht, markiert den Weg. Der Weg des Herzens ist wie der Weg des Wassers, der Talgeist ist unser Führer (Lao-tse 6).

Nicht unser Streben führt uns in den Himmel, sondern die natürliche Gravitation. Unsere menschliche Natur ist zum Glück so stark, daß sie alle unsere Verirrungen korrigieren kann. Aber wir können sie nicht korrigieren, wir können sie nichteinmal erkennen, wie die Erfahrung zeigt, weil wir völlig gefangen sind in unseren eigenen Rationalisierungen, die aber eben gar nicht unsere eigenen sind, wie wir gesehen haben. Wir leben in der paradoxen Situation, daß das, was wir uns selber zugute halten, womit wir uns gegen die anderen abheben, was wir für unser "Ich" halten, nur ein Programm ist, das unsere Eltern uns eingepflanzt haben, um ihre Schwäche, ihre Angst zu verbergen. Und was soll dieses "Ich" zudecken? Die Wahrheit, daß wir Tiere sind, daß wir unser Leben nicht in der Hand haben und letztlich, daß wir nicht der Einsicht unseres Herzens folgen, sondern dominiert sind von fremden Mächten, deren Wirken wir rationalisieren.

Jedesmal, wenn das Volk Israel in so einer Situation war, kam ein Prophet, der versuchte den Leuten klar zu machen, daß sie von dem einen Gott abgefallen waren, trotz Tempeldienst und Frömmigkeit. Aber die emotionale Kraft der Verdrängung ist stark und so erschlugen sie lieber die Propheten, als sich einzugestehen, was sie eigentlich wollten. Nichts hat eine stärkere Tabukraft als dieses eingebildete Ich. Notwendig isoliert es die Menschen mehr und mehr voneinander, bis die daraus entstehende Bedrohung für alle physischen Schmerz erzeugt. Und erst wenn dieser Schmerz größer ist, als der Schmerz des Eingeständnisses, der Schmerz der Lösung von diesen alten Loyalitäten, ist der Umkehrpunkt erreicht. In der Bibel zeigt das die Geschichte von Gideon (Ri 6—8). Diese Geschichte zeichnet den ganzen Zyklus nach, Wellenberg und Wellental, wie am Tiefpunkt der Entfremdung die Not physisch spürbar wird und aus sich die Rettung gebiert. Das Zeichen des alten Gottes wird abgeholzt und die Kraft des lebendigen Gottes (Jahwe = ich bin der ich bin), der Lebenswille der Bedrängten, beseitigt die äußere Gefahr, die Kurve steigt an, die Erfahrung des Lebensgeists (Jahwe) ist nicht mehr unmittelbar, die Vorstellung davon wird formalisiert, ein Bild Gottes wird aus Gold gegossen (wie im Christentum zur Zeit von Konstantin) und damit ist auch der "elan vitale" am Ende, auch wenn die Bewegung durch ihre Trägheit noch weitergeht und es lange dauert, bis der Zerfall wieder physisch spürbar wird.

Wir erleben gegenwärtig die Wende, eine neue Zeit Gideons Der Pfahl des alten Gottes ist bereits umgehauen. Die Jungen lösen sich von den Normen der Alten. Der Generationskonflikt, den wir erleben, ist nicht "normal". Bei Völkern, die mit ihrer Natur verbunden leben, gibt es ihn nicht. Es ist kein Zufall, daß die Kultur der Schwarzen unsere Kultur zu dominieren beginnt, denn die Schwarzen symbolisieren den Körper, das Unbewußte, die Natur. Sie verlangt ihr Recht.

Auch wenn es beinahe noch aussichtlos erscheint, gegen die Übermacht der Rationalisierer anzukommen, das Leben selber bricht sich die Bahn. Wenn wir es schaffen müßten mit unseren rationellen Mitteln, wäre es hoffnungslos, aber hier ist eine viel größere Macht am Werk, als all unsere Anstrengung vermag. Es geht von selber. Wir brauchen dazu die Welt nicht wieder mythologisch zu verzaubern, wir brauchen keine "Gaia-Theorie", die die Erde zu einem menschenähnlichen Wesen macht, das Dinge "tut". Wir brauchen auch nicht zurückkehren zu dem mittelalterlichen "Gott", der unsere Befreiung "bewirken" soll, denn der Gott, den wir da spontan assoziieren, der Gott der vergoldeten Statuen, ist tot, aber es könnte hilfreich sein, wieder auf den alten Namen Jahwe zurückzugreifen, den "Ich bin der ich bin", denn dann haben wir die Verbindung wiederhergestellt, dann kann die Geschichte von Gideon wieder eine Verheißung sein, daß nämlich diese urige Kraft selber sich immer wieder durchsetzt und alle Entfremdung hinwegfegt. In ihr liegt unsere Befreiung.

Und nun wollen wir uns ansehen, wie ihr Programm abläuft. Neben C.G, Jung, E. Neumann, M. Eliade und anderen hat das Joseph Campbell beschrieben in dem Buch "Der Heros in tausend Gestalten". Wir sehen, daß diese archetypische Geschichte der Befreiung schon seit je her dargestellt worden ist als die gefährliche Reise eines Helden in dem Himmel, in die Unterwelt und zurück. Es ist keine Frage, wir selber sind diese Helden. Durch die Überwindung der Hindernisse und Gefahren erfolgt die optimale Entwicklung unseres Organismus. Das ist der Weg der Evolution. Ob wir es wollen oder nicht, wir haben die Abenteuer des Lebens zu bestehen. Wir werden nicht um unsere Zustimmung gefragt. Wir sind "hineingeworfen", wie die Existentialisten richtig festgestellt haben. Was viele von ihnen allerdings nicht begriffen haben, ist der Ausweg aus der Hölle. Aber das ist die Grundlage der Evolution. Solange sich der Ausweg nicht auftut, halten wir immer noch etwas zurück. Wir lassen uns nicht ganz fallen. Wir fühlen eine "Sinnlosigkeit der Existenz", wenn wir stehenbleiben bei der Erkenntnis, daß das Leben nicht in unserer Macht steht. Wir halten uns krampfhaft an unseren Vorstellungen, an unserem "Ich" fest. Wir wollen bestimmen und müssen wieder und wieder erleben, daß es nicht geht. Und wir müssen diese Frustration so lange erleben, solange wir uns nicht dem Fluß hingeben. Das ist die Gefahr auf unserer Reise durch die Welt. Das bringt unsere Existenz auf Messers Schneide. Aber gleichzeitig ist dieser Kampf (mit Gott, wie der biblische Jakob ihn erlebt hat) schon ein Teil unserer Hingabe. Wir sind bereits erfaßt. Früher hat man das "Gnade" genannt und auch "Geist", etwas, das uns hinzieht zum Glück.

Es ist der Geist der Natur in uns; er versucht mit dem Geist der Natur, wie er uns entgegentritt, eine Synthese zu bilden, eine Symbiose des Inneren und des Äußeren. Wir wollen unsere Chreode finden, den Ort, an dem das in uns Angelegte sich entfalten kann, in dem sich unsere Entfremdung lösen kann, wo wir sein können, was wir sind. Der Weg dort hin ist mit Hindernissen übersät. Schon einmal bis wir erkennen, daß wir unser Paradies ganz bewußt anstreben müssen, bis wir herausfinden, was wir wollen. Das ist uns Neurotikern ja das Verborgenste. Damit beginnt unsere Suche. Unbestimmt, blind tasten wir uns vor. Wie eine Ranke, die einen Halt sucht. Ehe wir wissen, was wir suchen, hat uns etwas in uns schon auf den Weg geschickt und wir rennen uns den Kopf an und fallen auf den Hintern, viele Male. Wir sind in dem Zustand, von dem Don Juan bei Castaneda sagt, daß wir unseren Willen noch nicht gefunden haben, daß unsere Absicht nur vage ist.

Wie kann sich das ändern? Es wird sich so lange nicht ändern als wir Vorstellungen darüber haben, wie sich ein freier, sich selbst bestimmender Mensch verhält, solange wir im Voraus zu wissen glauben, wie Spontaneität aussieht, solange wir sie, wie wir meinen, "direkt" anstreben, während wir in Wirklichkeit nur einem vorgestellten Bild nachjagen. Während wir das tun, laufen wir von Seminar zu Seminar, von Workshop zu Workshop, um uns sagen zu lassen, wie es geht. Aber wer sollte uns sagen können, was in uns angelegt ist? Trotzdem, es ist uns eingetrichtert worden, daß es für alles eine Methode gibt. Und so "arbeiten" wir an unseren Blockaden, versuchen Chakra um Chakra zu öffnen, Jahre um Jahre, um schließlich festzustellen, daß das ein äußerst langwieriger Prozeß ist und daß wir, wenn wir uns die Freiheit von da erhoffen, nie frei sein werden - das sagt auch Alan Watts - denn immer noch wird es etwas zu lösen geben. Und schließlich wird unsere Konzentration auf das Lösen von Blockaden uns total verkrampfen, weil die willkürliche Konzentration eben ein Krampf ist. Es ist der verkehrte Weg. Ein Hirngespinst von Freiheit tyrannisiert uns, eine eingeprägte Vorstellung, daß wir einen Meister brauchen, daß wir sozial nicht über eine bestimmte Stufe aufsteigen dürfen. Die überlieferte Hackordnung, unsere Kaste. Das Ergebnis ist eine Verfestigung des Panzers, der Aufbau der perfekten Ausrede.

Der Weg, Tao, geht ganz anders. Und das ist ein echtes "Evangelium", eine frohe, krampflösende Botschaft: Wir brauchen gar nichts "lösen" und wir brauchen keinen Meister. "Der Tag wird kommen, da werden sie weder hier noch dort, sondern im Geist und in der Wahrheit anbeten" (Jesus bei Johannes 4,23). Wir dürfen von der Voraussetzung ausgehen, daß wir schon frei sind, so gebunden wir uns auch fühlen, denn niemand kann besser wissen als wir selber, was für uns richtig ist. Die frohe Botschaft ist genau das, daß wir niemand folgen brauchen, so bewährt und weise er auch sein möge, aber daß wir jedem folgen dürfen, solange wir ihm trauen.

Was ist es dann, was uns versklavt? Es sind Autoritäten, die sagen, so muß es gemacht werden. Sie haben uns Vorstellungen und Normen eingeprägt, die unserer Situation nicht standhalten können. Denken wir an eine Hausfrau, die sich abhetzt, um alles in Ordnung zu halten und schließlich Valium braucht, um sich zu beruhigen. Was ist denn ihr Problem? Ein Widerspruch zwischen Realität und Vorstellung. Die Ordnung, die sie sich einbildet, entspricht nicht mehr der tatsächlichen Notwendigkeit. Generationenlang mußten die Betten immer aufgebettet sein; es war selbstverständlich. Und solange es selbstverständlich war, hat die Hausfrau dabei auch keinen Streß empfunden. Es wäre ihr niemals eingefallen sich darüber zu beklagen. Aber heute beklagt sie sich über die viele Arbeit. Warum? Weil sie nicht mehr notwendig ist. Die Gesellschaft legt keinen so großen Wert mehr auf ordentlich gemachte Betten. Wenn die Hausfrau sich beklagt, steht sie in dem Widerspruch zwischen der Loyalität ihren Ahnen gegenüber und dem Fehlen der realen Notwendigkeit. Wenn man sie fragt, warum sie denn die Betten immer macht, wird sie vielleicht aus allen Wolken fallen und sagen, das sei ja wohl selbstverständlich. Sie wird es als ein absolutes moralisches Gebot ansehen und gleichzeitig weiß ein Teil von ihr, daß das tatsächlich nicht mehr zutrifft, aber dieses Wissen ist noch nicht ins sprachliche Bewußtsein vorgedrungen. Und weil das Gebot von einer Autorität kommt, wird die Hausfrau jetzt so lange Valium brauchen, bis sie das Glück hat, eine Autorität zu treffen, die Verständnis für ihre Schwäche hat und ihr erlaubt, die Zügel, die sie unrealistisch straff angezogen hatte, locker zu lassen und der Realität anzupassen.

Das sind Bekehrungserlebnisse. Eine ungeheure Last fällt ab von einem Menschen, dem erlaubt wird, endlich seiner eigenen Einsicht zu folgen. Das Glücksgefühl dieser Befreiung hebt ihn in den siebten Himmel und manche schießen dabei so weit übers Ziel hinaus, daß sie sich aus Dankbarkeit ihrem Retter an den Hals werfen und tun, was er verlangt, statt ihres eigenen Willens, zu dem der sie ja befreien wollte. So etwas sehen wir heute bei den Anhängern Bhagwans. Er ist weise genug, ihre Verrücktheit zu akzeptieren und sie für sich schuften zu lassen, denn er weiß, daß die alten Könige auf diese Weise ihre Länder regiert haben. Die Psychoanalytiker nennen das Phänomen "Übertragung". Es ist die Übertragung der Loyalität auf eine neue Autorität. Woher kommt diese Autorität? "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde", hat Jesus gesagt (Mt 28, l8) und danach hat er gelebt. Diese Freiheit, die er damit ausdrückt, zieht uns zu ihm hin. Die Leute wollten sein Geheimnis, aber sie konnten nicht absehen von ihren Loyalitäten, wie das Gleichnis vom großen Gastmahl zeigt (Lk 14, 15-24) und so übertrugen sie sie auf ihn. Bhagwan macht es genauso. Tatsächlich macht er gar nichts, wie auch Jesus nichts "gemacht" hat. Er exerziert nur seine Freiheit (ob Bhagwan so frei ist, wie Jesus war, wird sich allerdings erst herausstellen). Das ist das Geheimnis. Jeder könnte so leben, aber (fast) alle schieben es auf von einem Tag auf den nächsten. Die Freiheit ist hart und voller Fallstricke. Die Welt wird wieder zum Dschungel, wunderschön aber gefährlich.

"Viele fürchten den Tod so sehr, daß sie nicht zu leben wagen", heißt es in einem Hit der Achtzigerjahre. Das ist unser Problem. Aber wenn wir diesen Prozeß umkehren, erleben wir unsere Bekehrung. Wir hatten unter einem Zwang gestanden. Wir taten Dinge, die wir gar nicht wollten, aus Angst um unser Leben, wie ich es oben beschrieben habe, und um unsere Frustration zuzudecken, taten wir weitere Dinge, die wir nicht wollten, die uns nicht gut getan haben. Es ist aber so, daß wir ständig alles wahrnehmen, was nicht richtig ist in dem, was wir tun, wie wir leben. Und irgendwann kommt der Punkt, wo wir in Gefahr sind, von dem Nicht-Richtigen überwältigt zu werden. Es hat eine "Geistform" gebildet, eine (dämonische) Gestalt; es ist ein Energiequantum, das an uns zehrt, die Urform des Krebsgeschwürs. Und wir suchen verzweifelt nach einem Ausweg, aber wir sind in der Hand des Dämons und so verstrickt uns alles, was wir tun, um uns zu befreien, noch tiefer. Schließlich fangen wir an, um unsere Erlösung zu beten und beginnen, die Dinge anders zu sehen. Da taucht die archetypische Erlösergestalt auf, vielleicht Jesus, vielleicht Buddha, vielleicht die Jungfrau Maria, Mohammed, der Erzengel Gabriel oder Bhagwan. Die böse Frucht ist reif (abgeworfen zu werden) und unter Tränen und Erschütterung lassen wir sie fallen. Die archetypische Erlösergestalt kann ein physisch vorhandener Mensch sein oder einfach das "Bild" eines freien Menschen. Deshalb können Buddha, Mohammed und Jesus auch heute noch ihre Wirkung haben, in der sie immer noch unter uns sind.

Es ist der Archetyp, der wirkt, dieses immer individuell gestaltete "Bild" der Freiheit, das wir alle in uns haben. An sich könnten wir es jederzeit wachrufen, aber aus Angst unterdrücken wir es, denn es würde alles über uns an den Tag bringen, es würde uns unsere Nichtigkeit grell vor Augen führen. Es würde uns umbringen, denn wir (unser "Ich", in dem speziellen Sinn) sind eine Komposition von Vorstellungen, die in dem Augenblick ihre Gültigkeit verlieren. Wir stehen vor dem Nichts. Aber ist das unser Ende? Das ist das Risiko. Alles wird dann nämlich unvorhersehbar. Unsere Kontrolle ist dahin. Etwas "anderes" führt dann die Regie, etwas Unberechenbares. Das ist der Grund unserer Panik, der Grund dafür, daß wir uns einreden, wir könnten uns diesem Zustand langsam annähern, indem wir dafür üben. Tatsächlich sind alle diese Übungen nur ein Ablenkmanöver und es ist nur der Nachlässigkeit der Übenden zu verdanken, wenn sie nicht katastrophalen Schaden an ihrer Gesundheit erleiden. Wie viele "Heilige" sind dahingeschwunden durch ihre Methoden und nur wenige haben, wie der Zen-Patriarch Rinzai, rechtzeitig erkannt, daß der Zweck der Übungen darin besteht, einen Menschen dahin zu führen, wo ein Alkoholiker steht, der sich vor seinem Ende sieht. Tatsächlich sind die Übenden nämlich süchtig und ihre Übungen sind ihre Droge. Erst wenn sie das erkennen, können sie frei werden - nur meistens meinen sie, die Tatsache, daß sie Übungen machen, beweise bereits, daß sie wüßten, was sie tun. Sie müssen noch tiefer hinunter in das Leiden, in die totale Verzweiflung, denn erst in ihr bricht dieses "Licht" durch, in der Verzweiflung nämlich können wir den Blick in die Freiheit aushalten, weil wir nichts mehr zu verlieren haben. Da stirbt das eingebildete "Ich" eines natürlichen Todes und wir sind frei, endlich diese andere Kraft wahrzunehmen, diesen "ich bin der ich bin", diese Lebenskraft in uns, die uns sagt: Es ist noch nicht Zeit abzutreten. Es ist eine Kraft, die Wunder tut. Eine totale Wende ist möglich. Wir sprengen die Fesseln unserer Voreingenommenheit und entfalten, was wir in uns spüren ohne weitere Angst vor der Meinung der anderen.

Unsere Situation muß schlimmer und schlimmer werden, weil unsere Loyalitäten unseren Ahnen gegenüber (die "Primitiven' haben recht, wenn sie glauben, daß unsere Krankheiten durch die Geister unserer Ahnen hervorgerufen werden), unsere double-bind-Situationen, einen Teufelskreis erzeugen: Angst, Mißtrauen - entfremdetes Handeln - Frustration, Schuld - Ersatz, Verdecken des Fehlers, der Entfremdung - Angst ... Keine Symptombehandlung kann helfen und wir können unsere Bekehrung auch nicht "wollen", denn unser bewußter, mit der Sprache gekoppelter "Wille" gehört eben jenem Teil des double-bind an, der uns in unser Unglück stürzt, durch seinen "Eigensinn", durch die Macht der Todesangst. Was in der mythischen Sprache der Theologie "Gnade" genannt wird, ist jener Zufall, der vielleicht uns erwählt für die Bekehrung, während viele andere an ihrer Angst zugrunde gehen. Wir müssen die Möglichkeit akzeptieren, daß wir vielleicht zu denen gehören, die eingehen, denn solange wir das nicht tun, klammern wir uns fest an unseren Eigenwillen; so lange stemmen wir uns gegen die Kraft, die in Wahrheit unsere einzige Kraft ist, die Kraft nämlich, die wir uns nicht selber gegeben haben. Alles, was wir uns willkürlich aufbauen und sei es die beste spirituelle oder esoterische Disziplin, ist wie ein Kartenhaus, "auf Sand gebaut", wie Jesus sagt, von "Illusion" sprechen die Hindus. Es hat seine Kraft aus der Todesangst, es ist nicht die Kraft des Lebens. Und das zeigt sich (z.B. in unserer Leistungsgesellschaft). Deshalb heißt es "an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen".

Und während all das läuft, während wir verstrickt sind in den Kampf, ängstlich auf Zensur bedacht, ist unsere Freiheit immer gegenwärtig, erschreckend gegenwärtig, denn immer, wenn wir ihr zu nahe kommen, schrecken wir zurück. Für die meisten von uns braucht es eine starke Droge, wie LSD, um sie unverhüllt zu sehen. Aber die Wirkung der Droge vergeht und die drohende Kraft der alten Loyalitäten ist wieder installiert. So suchen und finden wir den Meister, an dem wir die Freiheit spüren können. "Er" fasziniert uns, "er" hypnotisiert uns. In Wirklichkeit tut "er" natürlich nichts. Es ist der Archetyp in uns, der Grundarchetyp der Freiheit, der uns treibt, uns zu messen mit dem Meister. Er versteht uns. Wir wissen genau, daß wir verrückt sind - daß alle verrückt sind, die nicht frei sind - , daß wir aber nichts dafür können. Die anderen tun so, als ob es unsere persönlich Schuld wäre, der Meister versteht, deshalb lieben wir ihn. Er nimmt uns unsere Schuld, wie Jesus es getan hat (vgl. die Geschichte mit der Sünderin Lk 7,36-50) und befreit uns dadurch aus dem Teufelskreis. Den Schritt in die Freiheit allerdings, den "Sprung in den Abgrund" (Castaneda), kann er uns nicht abnehmen.

Tatsächlich aber brauchen wir den Meister von Anfang an nicht. Daß es nicht unsere persönliche Schuld ist, können wir auch so sehen und wir können ohne ihn sehen, daß wir bereits frei sind in dem Augenblick, in dem wir uns die Freiheit nehmen. Von da an ist alles, was wir tun, "kontrollierte Torheit" (Castaneda). Alles ist uns erlaubt, aber wir müssen bereit sein, die Konsequenzen zu tragen, wir haben die Wahl (auch Paulus sagt "alles ist erlaubt, aber nicht alles ist gut für uns"), und für die Dinge, die nicht gut sind, gibt es Erfahrungswerte, statistische Gesetzmäßigkeiten; die Konsequenzen sind in großem Umfang vorhersehbar. Es ist nicht eine "Strafe" eines mysteriösen jenseitigen Gottes, die auf die Mißachtung eines Gebotes folgt (wir sind nur oft von dieser Vorstellung hypnotisiert, sie ist ein Teil des Ahnengeists, von dem wir besessen sind), sondern eine ganz natürliche Reaktion. Natürlich ist aber auch die suggestive Wirkung des Glaubens an einen auf mysteriöse Weise strafenden Gottes. Wir lassen zu, von einer fremden Macht dominiert zu werden, wir sind nicht frei, wir leben in Hypnose. Es braucht einen bewußten Akt von dieser Domination loszukommen (das ist der positive Aspekt der Intention hinter Ritualen der "schwarzen Magie", auch wenn dies Leute, die eine schwarze Messe feiern, nicht bemerken) und der Befreier kann nie jemand anderer sein als "ich bin der ich bin", alles andere ist der Teufel, der Verführer. Es ist ja nur logisch.

Erst wenn wir da sind, erleben wir die echte Bekehrung, im Gegensatz zu den Gefühlswallungen, die uns überkommen, wenn uns endlich jemand versteht. Nun weinen wir nicht mehr aus Selbstmitleid, sondern weil wir die Nichtigkeit unserer Versuche, etwas sein zu wollen, erkennen und weil wir gleichzeitig erkennen, daß unsere bisherige Verblendung keine Rolle spielt, ja daß wir durch sie selber zum Heilmittel werden können. Es wird uns nichts nachgetragen, so nachtragend wir bis zu diesem Zeitpunkt auch gewesen sein mögen. Tränen begleiten die Lösung unserer Spannung und eine ungeheure Dankbarkeit erfüllt uns.

Aber so spektakulär die Gefühle auch sind, die eine Bekehrung begleiten, sie halten nicht lange an. Dann kommt der Rückfall in die alte Angst. Und am Anfang dauert es oft lange bis zur nächsten Erleuchtung. Doch der Same ist gesät. Der biologische Entwicklungsprozeß ist in Gang gekommen und so werden die Abstände kürzer und die Zeiten unserer Freiheit länger, die Zeiten, die wir imstande sind, bewußt zu leben. Und das führt uns zu einem weiteren wesentlichen Motiv des Bekehrungserlebnisses: die Gemeinschaft der Menschen.

Freiheit ist - gewöhnlich - nicht die Fähigkeit eines isolierten Menschen, zu tun, was er will, und das liegt daran, daß Menschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht allein sein wollen. Ihr biologisches Entwicklungsprogramm bringt sie nach ihrer abenteuerlichen Reise in den Himmel wieder zurück zu den Menschen, denen sie nun ihre evolutionären Gaben bringen, die Lösung ihres Koans, des Problems, das das Leben ihnen gestellt hat.

In Form des "ozeanischen Gefühls" ist die Erleuchtung paradoxerweise noch individuell isoliert und erst die Rückkehr in die Gemeinschaft bringt die individuelle Entwicklung an ihren Höhepunkt. Die Vereinzelung der Individuen ist eine Folge der Steuerung durch den Eigenwillen, der als Ehrgeiz wieder paradoxerweise von den anderen abhängig ist. Die Ehrgeizigen versuchen, das Problem zu lösen, indem sie versuchen, sich über die anderen zu stellen. Aber die vermeintliche Lösung ist die Ursache des Problems. Angst ist der Grund, Konkurrenzkampf das Mittel und Entfremdung und Isolierung die Folge - die Geschichte des biblischen Sündenfalls.

Bekehrung kehrt den Vorgang um. Statt uns über unsere Artgenossen zu erheben, "dienen" wir ihnen. Nicht aus Moral, sondern, weil das unsere Art ist, biologisch gesehen. Und durch unsere Verirrung sind wir erst richtig ausgerüstet unsere evolutionäre Rolle zu spielen. Wir kennen das Problem unserer Artgenossen. Die evolutionäre Kraft hat aus der Not den Erlöser geboren. "0 felix culpa!" Wir sind frei. Aber Freiheit ist nun keine Freiheit von Bindungen mehr, wie am Anfang, als wir versuchen mußten, unsere Fesseln abzuwerfen, sondern die Heimkehr in die natürlichen Regelkreise unseres Organismus. Und das ist mehr, als wir je zu hoffen wagten, denn darin eingeschlossen sind alle die Fähigkeiten, die einst unsere ehrgeizigen Ziele waren, alle die Wunderkräfte, die wir begehrten, die Macht über Menschen, Meisterschaft, materieller Überfluß, die Transzendierung von Raum und Zeit, genau in der Weise, wie es unserer optimalen Rolle entspricht an unserem Platz. Natürlich werden nicht alle reich und gebildet sein. Bei manchen entspricht das nicht dem Platz, an dem sie sich wohl fühlen. Allein darauf aber kommt es an. Wenn wir an unserem Platz sind, wenn wir uns eingeordnet haben, ist da alles, was wir brauchen. Mit unserer vollen Übereinstimmung erhalten wir das Bewußtsein von dem, was wir sind: eine fließende und doch charakteristische Form im Fluß des Ganzen, ein Spiegel des Alls. Wir können ein schönes Muster bilden. Darin liegt unsere Freiheit.

Nun könnte der Eindruck entstehen, daß ich für laissez faire eintrete. Wenn Sie vorhin schockiert waren, als ich sagte, daß Hitler besser war, als seine Untertanen, dann fragen Sie sich bitte emotionslos, was das für Sie bedeutet. Der Gedanke an Hitler löst bei vielen ein Gefühl völligen Ausgeliefertseins aus, aber wir sind nicht hilflos. Wir können und müssen uns wehren gegen alle Eingriffe in unsere Souveränität. Hitler war besser, weil niemand fähig war, ihm wirksam entgegenzutreten. Er hat es nicht gescheut, sein Leben einzusetzen für seine Idee. Die ganze Nation aber hat nicht einen Märtyrer aufgebracht, der sein Leben an Ort und Stelle gegeben hätte, um den Tyrannen zu töten. Statt dessen haben sie sich lieber im Krieg umbringen lassen. Der nötige Antrieb hat gefehlt, die Motivation, das "Bild". Es gab keine bessere Alternative. Daß sie aber die Bedürfnisse der Zeit nicht richtig wahrgenommen haben, hören die anderen politischen Kräfte jener Zeit nicht gern. Lieber stilisieren sie Hitler zu einem übernatürlichen Monster hoch, zu einer Verkörperung Satans. Aber der Nationalsozialismus war eine ganz natürliche Erscheinung, die Konsequenz von fünfzehnhundert Jahren deutscher Kultur. Die Entfremdung war zu groß geworden. Die Menschen sehnten sich zurück in die Kraft und Geborgenheit des Stammestums. Und, da das den Notwendigkeiten unserer Zeit und Wirtschaftsentwicklung nicht entspricht, wurde es aufgelöst. Aber wie stark dieser Drang zum eigenen Wesen war, zeigt die Macht dieser Bewegung. Aber es war nicht der richtige Weg. Die Bewegung hat sich daher gewandelt, integriert in die Möglichkeiten unserer Zeit. Der Drang zurück zur Gemeinschaft ist weltweit geworden und nicht mehr national beschränkt. Die Neonazis sind keine Gefahr mehr. Die multinationalen Konzerne haben die Herrschaft angetreten. Die Banken sind an der Macht. Und aus dem Kampf um ihre Position, der weltweit auch militärisch geführt wird, entwickelt sich ein Instrument für einen wirksamen internationalen Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Früher oder später setzt sich in der Ökonomie immer die Vernunft durch. Sie ist stärker als Ideologien und nationale Interessen. Die Konflikte werden rationell gelöst, mit einem Minimum an Opfern, international gesehen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, denn sie entspricht der menschlichen Natur.

Das ist diese unumkehrbare, wellenförmige Bewegung, die sich als Geschichte ausformt. Aber natürlich müssen die, deren Interessen diese Entwicklung schädigt, dagegen ankämpfen. Aus dieser Auseinandersetzung entsteht die funktionierende Ordnung, der Kompromiß, die Symbiose. Die neue Ordnung verlangt, daß jeder für seine Interessen eintritt und nötigenfalls auch dafür kämpft und sein Leben einsetzt.

Solidarität gehört dazu. Es ist uns natürlich, füreinander da zu sein. Es tut gut. Unser biologisches Evolutions-Programm lenkt die Geschichte und es lenkt uns. Es führt uns zu den jeweiligen Bedürfnissen und Aufgaben, die an jedem Platz und in jedem Lebensalter anders sind. Zuerst kämpfen wir für ein Territorium, dann tun wir Dienst darin und schließlich folgt (eigentlich ist es immer schon da) unser "Leben nach dem Tod" als archetypisches "Bild".

Es ist eine geistige, fleischwerdende Präsenz (der "Sohn" bei Eckhart), die von uns abstrahlt, ein einfließendes Muster. Man kann bei Hunden und kleinen Kindern sehr gut beobachten, wie ihr Verhalten durch die Stimmung ihres Herrn gelenkt wird, wie sie seine (ihre) Stimmung ausdrücken. "Er bellt die Einsamkeit seines Herrn in die Nacht", sagt Don Juan bei seinem endgültigen Abschied vor Castanedas selbständigem Sprung in den Abgrund. Und wie wir unser "Bild" ausstrahlen, strahlen alle es aus und ebenso empfangen wir alle diese "Bilder". Es gibt unzählige, die auf uns einwirken, die uns teilweise hypnotisieren und sie gruppieren sich zu Stimmungen, die wir empfangen. Stimmungen von Menschen, Tieren, der Natur, des Ortes, der Zeit. Alles wirkt auf uns und wenn wir es wahr nehmen, stehen wir in "Kommunikation mit dem Übernatürlichen".

Ein freier Mensch unterscheidet die verschiedenen Ansprüche und antwortet jedem entsprechend seinen eigenen Bedürfnissen und Reserven. Auf diesem Bewußtseinsstand sind alle Menschen Brüder. Nicht weil sie einer egalitären Ideologie aufsitzen, wie manche religiös oder humanitär Organisierte, sondern weil sie es fühlen können, weil ihre natürliche Wahrnehmung es ihnen zeigt.

Die Religionen sind das Ergebnis des Ausdrucks dieser Wahrnehmung. Aber aus didaktischen Gründen wird das Vorbild rationalisiert und entfremdet von seinem Ursprung. Schließlich zerfällt die Religion und ein neuer kollektiver Ausdruck findet sich. Wir erleben diesen Ausdruck heute konzentriert in der weltweiten Kultur der populären Musik. "Industrialisierte" und "Unterentwickelte" treffen sich hier im gemeinsamen menschlichen Bedürfnis. Es ist eine allen gemeinsame Vision, die da entstanden ist. Die Texte geben die neue Moral bekannt: Offenheit, Ehrlichkeit, Eintreten für seine Rechte und Bedürfnisse, bewußte Gestaltung des eigenen Lebens, Auflösung des Persönlichkeitspanzers, Friede, Kooperation, Spaß, Ausgelassenheit, Betroffenheit, Trauer, die ganze Palette unserer Gefühle und Ausdrucksmöglichkeiten in aller Öffentlichkeit. "Do It In The Streets". Laß dich nicht schrecken, keine Angst!

Die Einstellung der Menschen verändert sich angesichts der Bedrohung und damit bricht das alte System zusammen. Entsprechend dem Druck der Gefahr entwickelt sich die neue Ordnung. Der Zusammenbruch des Alten zeigt sich auf allen Gebieten, Justiz, Medizin, Bildung, überall geringer werdende Effektivität bei steigenden Kosten. In den USA gibt es bereits Lehrer, die ihren Dienst in kugelsicheren Westen tun. Die, für die es betrieben wird, interessiert dieses System nicht mehr. Es entspricht nicht ihren Bedürfnissen. Aber einige Lehrer werden noch dran glauben müssen, bis es der Mehrheit bewußt wird, daß es längst so ist, daß da eine Milliarden verschlingende Organisation existiert, deren Energie ein isometrischer Kraftakt aufbraucht, sodaß nicht mehr viel herauskommt. Das System ist am Ende, aber es rollt weiter aus dem Schwung vergangener Zeiten. Eine Reorganisation des Ganzen scheint den meisten noch unvorstellbar, sie wird aber klar, wenn wir den Verlauf der gesamten Welle betrachten. Das Problem wird aufbrechen wie ein Geschwür und es wird weh tun, dann ändert sich die Einstellung. Es zieht sich quer durch unsere Kultur. Auf allen Gebieten zeigt sich der Bruch. Aber der Patient ist bereits teilweise erwacht und die Heilkräfte haben begonnen zu wirken.

Der Bruch kam durch die Verkrampfung, in die die Industriekultur geführt hat. Aber genau hier beginnt sich der Krampf zu lösen, wo er anderswo erst beginnt (in den "Entwicklungsländern"). Statt der sonst üblichen Revolutionen erleben wir (weil in den Industriestaaten eine bewaffnete Revolution keine Chance mehr hat) eine "sanfte Verschwörung". Und die Zahl der Menschen, die von dieser Bewegung erfaßt sind, nimmt mit jedem Tag zu. Es geht um gewöhnliches menschliches Zusammenleben. "No hassle". Keine treibende Uhr mehr, die vierundzwanzig Stunden am Tag tickt oder piepst. Nichts gegen Uhren, aber wir sind einfach zu kompliziert um so gleichmäßig zu schnurren wie sie. Trotzdem ist es uns durch unsere industrielle Kultur eingeprägt. Es ist irr. Auch wenn wir unsere Exkremente geruchlos beseitigen und uns deodorieren, sind wir doch keine Roboter. Wir sind nicht so einfach wie unsere Erfindungen. Es gibt da die verschiedensten Rhythmen und der acht-Stunden-Tag demoliert sie. Doch das wird sich ändern. Die Natur sorgt dafür. Sie drängt und drückt und erzeugt so lange Fehlleistungen, bis ihr ihre führende Rolle wieder zuerkannt wird. Im Leben kann nichts auf Dauer unterdrückt werden. Alle Ströme müssen fließen und nach ihren Rhythmen muß auch meine Arbeit laufen. Dann erst bin ich frei.

Es ist wichtig, daß wir "unser Ding" finden, das wir beherrschen, das wir lieben, damit unsere Liebe uns leiten kann. Wenn von "Liebe" die Rede war, meinte man (das offizielle Denken, die Autoritäten) früher oft etwas Esoterisches, etwas ganz Erhabenes und Reines, nicht von dieser Welt, Und tatsächlich ist die Liebe all das auch, von einer bestimmten Perspektive aus gesehen, aber wir haben damit dennoch total aus den Augen verloren, was wir meinen, wenn wir sagen "ich liebe". Das ist nämlich ganz sicher nicht etwas, das wir nicht mögen. Liebst du deinen Nächsten? Manche schon, andere wieder weniger. Entweder wir lieben oder wir lieben nicht. Das läßt sich nicht gebieten. Und doch hat das Gebot "Liebe deinen Nächsten" einen Sinn. Es weist uns, aufmerksamer zu werden auf unsere Empfindungen und dieses Tor zu öffnen, durch das wir ohne Sprache unmittelbar kommunizieren können mit anderen Menschen, mit Gruppen, mit sozialen Bewegungen, mit allen Beziehungen, die uns vital betreffen. Dieses Gebot hat lange einen effektiven Ansatz bereitgestellt für die Selbsterkenntnis, denn es ist ein Koan, der nicht so leicht zu knacken ist.

Der japanische Seiki-Meister Kishi erzählt seinen Schülern sinngemäß folgendes über seine Behandlung kranker Menschen: "Jemand kommt zu mir, weil er ein Problem hat. Ich sehe ihn an und denke nun nicht, wie ihr das wahrscheinlich tun möchtet, daß er gesund werden soll, sondern ich spüre einfach, was ich spüre. Vielleicht ist der Mensch häßlich und unsympathisch. Dann denke ich vielleicht: Das beste wäre, du würdest abkratzen. Und das zeige ich seinem Körper. Und, wenn er überhaupt eine Chance hat, wird dadurch die Wende eintreten."

Gegen so eine Behandlung sträuben sich unsere "christlich" erzogenen Haare. Wir sind es gewohnt, unsere Gefühle zu verleugnen, um eines "höheren" Zieles willen, das Übel ein für allemal auszurotten, ein unveränderliches Paradies herzustellen. Das ewige yin und yang möchten wir nicht wahr haben. Wir möchten den Geist über die Materie stellen, kontrollieren, bestimmen, unabhängig sein. Extrem war das bei den dualistischen Gnostikern und später wieder im Protestantismus, dessen Leistungsmoral die Technisierung erzwungen hat (unter anderem). Unsere heutige Schmerzflucht und Todesverdrängung sind die Folge. Dennoch bricht gerade heute die Einschränkung auf - wie ein Geschwür. Die zuvor ausgeschlossenen Elemente drängen spektakulär nach Aufmerksamkeit. Die evolutionäre Kraft des yin und yang treibt uns durch die Gefahr, die wir selbst heraufbeschworen haben, auf einen evolutionären Sprung zu (oder auf die Vernichtung). Die Indianer würden sagen, unsere Zivilisation hat den Norden gemeistert, den Winter, die Vorsorge. Wir neigen deshalb nun zur Introspektion des Westens, des Abends, zur Unschuld des Südens und zur Erleuchtung des Ostens. Wenn die Ströme wieder fließen aus den verschiedenen Richtungen, wenn wir wieder alle Bereiche unserer Wirklichkeit zulassen, sind wir zur Ganzheit unserer selbst gelangt. Etwas in uns drängt uns, diese Ganzheit wieder zu erwecken. Diesem Drängen müssen wir nachgeben. Wir dürfen unser Leben nicht aus der Hand geben, wir müssen das, was uns gut tut, aktiv anstreben. Und doch brauchen wir nichts "tun", denn wir werden dazu getrieben. Wenn wir uns nicht so fühlen, so deshalb, weil wir aus Angst unsere natürliche Neugier nicht zur Wirkung kommen lassen. Die Neugier ist die Suchbewegung der Ranke. Der Antrieb ist da. Wir brauchen ihn nicht künstlich durch Willensakte erzeugen. Wir brauchen nur aufmerksam sein und die Stimme, die aufwärts führt, unterscheiden von der, die uns deprimiert. Damit reparieren sich die Verstopfungen unserer Energiekanäle, die uns unsere Erziehung beschert hat, von selber. Es braucht aber schon einige Erleuchtungen, um das so richtig zu begreifen. Natürlich kann diese Reparaturarbeit auch absichtlich angegangen werden, etwa im Sinn der esoterischen Schulen oder der Psychologie, aber ob das wirklich zur Unterscheidung der Stimmen führt, ist fraglich (es hängt davon ab, welche Interessen hinter diesen Übungen stehen). Schließlich muß jeder seinen eigenen Weg finden, den direkten Weg im Wagnis. Schließlich müssen wir alle den Sprung ins Ungewisse riskieren und erst darin können wir die Kraft entdecken, die uns immer trägt, die immer neue Lebenskraft, das lebendige Wasser, das uns nie wieder dürsten läßt (Jesus bei Joh 4, 14).

Es ist als ob in Zeiten der Dunkelheit unser Uhrwerk aufgezogen werden würde. In der Depression des Ungewissen sammelt sich die Energie. Ich möchte damit niemand raten, seinen Job aufzugeben, um von nun an im Ungewissen zu leben. Das wäre, in den meisten Fällen, Dummheit. Dieses Ungewisse, dem wir uns überantworten müssen, wartet nämlich in unserem täglichen Leben auf uns. Darin müssen wir uns vom "Geist" leiten lassen. Der "Geist" ist selber etwas Ungewisses. Es gibt keine Versicherung für den "Geist". Er kommt und geht, wie es scheint, aber im Grund ist er immer da. Nur wenn wir uns seiner versichern wollen, wenn wir ihn irgendwie benützen wollen, ist er weg, denn wir sind nicht mehr offen. Wir müssen einfach aufmerksam werden auf dieses innere Wahrnehmungsorgan (vielleicht ist es einfach der Symbolvergleich in unserer rechten Hirnhälfte), das uns über unsere Stellung im Ganzen informiert. Wenn wir darauf achten, können wir eine Art Diagramm sehen, das die "Fuel"-Skalen unserer diversen Bedürfniss zeigt. Oft aber verdrängen wir diese Information und machen weiter mit etwas, obwohl unser Anzeiger uns sagt, daß es genug ist. Wir haben Angst davor, weiterzugehen zur nächsten Skala, die ein Tief anzeigt. Wir fürchten, die dort angestaute Energie könnte uns in Stücke reißen, wenn wir den Hahn auch nur ein wenig öffnen. Aber irgendwann müssen wir es doch tun, wenn wir uns nicht wirklich sprengen wollen. Wenn diese Angst uns also hindert, können wir dennoch etwas tun. Wir können Sicherheitsvorkehrungen treffen, ideale Bedingungen schaffen, uns mit jemand zusammentun, der das Problem überwunden hat, etc..

Im Grund aber ist der Weg ganz einfach. Wir brauchen nur unsere Chancen wahrnehmen in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Das ist allerdings bereits die integrierte Sicht, in der das Berechnen fehlt, im Gegensatz zu der Phase, in der wir uns selber reparieren wollen. Was wir da wahrnehmen, ist die reale Situation, unverzerrt durch Emotionen. Wenn ich sage, daß das "Gefühl" uns den Weg weist, meine ich jene passionslose Wahrnehmung der Chance. "Chance" bedeutet bereits, daß ein Bedürfnis da ist. Wenn das Bedürfnis nicht da ist, taucht die Chance gar nicht auf, weil unser Wahrnehmungsapparat Chancen für ein erfülltes Bedürfnis nicht registriert. Die Auslöseschemata lösen nichts mehr aus. Nach einem guten Mahl reizt uns kein Essen mehr. Diese Auswahl der Wahrnehmung vollzieht sich automatisch, wenn wir sie nicht blockieren durch "Werte" oder "Ideen" oder andere fixierte Vorstellungen, die unter den natürlichen Auslösern eine künstliche Auswahl treffen. Keine ideologische Auswahl kann ein Bedürfnis beseitigen, nichts kann auf Dauer erfolgreich verleugnen, was ist.

Es gibt aber Menschen, die den Kampf gegen diese Determination bewußt und aktiv aufgenommen haben. Es soll einig gegeben haben, die jahrelang ohne Nahrung überleben konnten. Andere machen außerkörperliche Erfahrungen und vieles mehr. Es gibt unzählige Pioniere auf dem Gebiet der Kontrolle der Materie durch den "Geist", aber dieses Gebiet ist nicht für jeden. Es gibt vielmehr unzählige Gebiete, auf denen Pionierarbeit geleistet werden muß. Jeder hat andere Interessen. Es gibt nichts "Höheres" oder "Niedrigeres" in der Sache. Es gibt nur Meister und Lehrlinge in allen Bereichen. Es kommt allein darauf an, daß wir Meister werden und das können wir nur auf unserem Gebiet.

Wie Don Juan zu Castaneda sagt, ist das, was ihm zur Kraft verhelfen wird, eines der Dinge seines täglichen Lebens. Wenn du überlegst, was denn deine Zauberaufgabe sein könnte, schau einfach auf das, was du tust. Das Liebste wird dir am meisten Kraft geben. Jeder hat so sein "Ding". Von dem können wir leben, wenn wir dafür leben ('Jesus: "Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes, alles andere wird euch nachgeworfen werden" Mt 6,33). Es braucht viel Pionierarbeit ohne Belohnung und diese Durststrecke können wir nur auf einem Gebiet durchhalten, das uns wirklich liegt, das uns wirklich ein Bedürfnis ist. Oft ist es die Erforschung unsere Problems, des persönlichen Koans, den unser Schicksal uns aufgegeben hat. Wenn wir ihn geknackt haben, können wir allen helfen, die vor der gleichen Frage stehen. Unser Koan ist gewöhnlich nicht ein logischer oder ein philosophischer, wie im Zen, sondern ein praktischer. Die alltäglichen Probleme sind unsere Koans. Sie nicht zu lösen bedeutet Neurose oder Psychose. Aber auch in diese Tiefen kann uns eine persönliche "Berufung" führen. Auch Märtyrer werden gebraucht. Sie bilden einen sozialen Druck, sie imponieren. Neurotiker und Psychotiker können Propheten sein, wie die "Madschsub", die verrückten Heiligen im Islam. Sie stellen das Problem an ihrer Person dar. Durch sie werden alle damit konfrontiert, es wird zur Aufgabe aller.

Es gibt also keinen Bereich des menschlichen Daseins, in dem "Selbstverwirklichung" nicht möglich wäre. Immer wenn jemand auf seinem Gebiet ist, spüren wir die Echtheit. Deshalb müssen wir alle den genauen Platz finden, an dem wir sein können, wie wir sind, sei es im Irrenhaus oder im Präsidentenpalast oder irgendwo dazwischen. Es gibt keinen Wertunterschied zwischen diesen Positionen, außer in einer kurzsichtig ökonomischen Betrachtungsweise. Auf jedem Platz ist es möglich, aber nicht jeder Platz hat die richtige Atmosphäre für uns. Für uns gibt es einen ganz speziellen Raum, in dem wir uns wohl fühlen (das ist auch der Hintergrund aller Kastengesetze) und den müssen wir suchen, oder, falls es ihn noch nicht gibt, schaffen. Und entsprechend den sich ändernden Bedürfnissen ändert sich der Raum. Wir müssen uns also die noch verschlossenen Räume öffnen, damit wir uns ganz entfalten können und es geht von selber. Wenn wir an eine geschlossene Tür stoßen, richtet sich unser Interesse automatisch darauf und die Energie zum Öffnen sammelt sich. Wenn wir künstlich, mit unserem "Kopf-Willen" gegen die Tür anrennen, wird sie sich nicht öffnen. Trotzdem müssen wir auch das tun, um uns zu überzeugen. Aber manche Türen sind nicht für uns bestimmt, so verlockend sie auch aussehen mögen, da kommen wir nicht durch.

Nicht jeder hat das Zeug zu einem Yogi und doch ist ein jeder dem Yogi überlegen, der erkennt, was für ihn ist. Jesus hat den asketischen Johannes den Täufer gelobt, aber gleichzeitig gesagt, daß der Kleinste im Himmelreich größer ist als er (Mt 11,11). Der Kleinste im Himmelreich braucht nämlich keine durch Selbstdisziplin erworbene Größe; er braucht nichts erreichen und doch bekommt er alles, weil er einfach die natürliche Kraft benützt, die in ihm da ist. Das ist das Neue, das Jesus gebracht hat, im Unterschied zum Karrierismus der Juden. Solange wir unbedingt etwas durchsetzen wollten, wie der Asket, haben wir unsere Natur nicht hinter uns und wir müssen hart arbeiten, Sklavendienst leisten, bis es uns zu schwer wird, bis wir anfangen zu überlegen, ob es wirklich das ist, was wir wollen. Bei dieser Überlegung stoßen wir früher oder später auf unsere Bedürfnisskalen, die uns unseren Zustand anzeigen und wir sehen: Der Schmerz ist der Antrieb zur Verbesserung.

Wenn wir einmal genau wissen, was uns fehlt, kann unsere Vernunft uns den Weg zeigen, ganz geschäftsmäßig. Das ist der Alltag nach der Erleuchtung, einfach Arbeit und Unterhaltung, ständige Verfeinerung des Gespürs für das Richtige. Wir sind nur noch dieser einen "Disziplin" unterworfen, den "göttlichen" Willen auszuführen in seiner ganzen Vielfalt, uns durchzusetzen und zu vervielfältigen. Dieses Joch ist, wie Jesus sagt, ein "sanftes Joch" (Mt 11,50). Es ist nämlich ein automatischer, biologischer Antrieb, der uns keine Willensanstrengung kostet, obwohl er so weit gehen kann, daß einer "sein Leben gibt für seinen Zweck" (I Ching, Jesus). Ein jeder muß eine Synthese bilden zwischen dem in ihm Angelegten und den Angeboten von außen. Daraus entsteht die Evolution. Dieses Gesetz durchzieht den Kosmos. Es ist kein Gebot, sondern ein natürlicher Trieb da hin, aber das Gesetz kann in Form eines Gebots manchen einen Anstoß geben, sich ihm zu öffnen. Diejenigen, die es nicht natürlicherweise tun (weil sie blockiert sind) brauchen den Umweg über emotionale oder "rationale" Kanäle, also durch Frömmigkeit, Philosophie, Psychologie, Kunst, etc., also durch einen Wust an Mystifizierung und Vorurteil. Sie müssen sich durch die Hindernisse hindurcharbeiten, bis sie klar ihre Chance sehen, die oft eben gerade aus diesem Lernprozeß entstanden ist, sodaß ihr Problem zur positiven Grundlage ihres Lebens- wird und sie gerade dadurch zur Meisterschaft gelangen.

Die natürlichen Rangunterschiede zwischen den Menschen entsprechen ihrer Meisterschaft - nicht dem "Beherrschen" von etwas. Deshalb gibt es keine Möglichkeit, Meisterschaft zu "erreichen". Kein Ehrgeiz, keine noch so harte Übung führt dort hin. Aber die Illusionen, die uns das glauben machen, müssen wir uns erst abstoßen im faustischen Versuch. Ich möchte keinem sagen, er sollte nicht versuchen ein Meister zu werden. Das ist ein natürlicher Trieb, der gut ist. Aber es ist einfach ein Gesetz, daß nur unsere Liebe uns zur Meisterschaft führen kann, nie unser Ehrgeiz. Du solltest dich daher fragen, ob du die Disziplin wirklich liebst, die du dir auferlegst oder ob sie dir nur ein Mittel ist für ein anderes Ziel. Aber auch der Ehrgeiz hat sein Gutes. Er führt uns nicht nur in die Sackgasse, an deren Ende wir unsere "Erleuchtung" empfangen, er bringt uns auch dazu, uns eingehende Kenntnisse zu verschaffen, die uns dann zur Verfügung stehen. Und ich will auch nicht leugnen, daß die meisten von uns unter den gegebenen Umständen eine soziale "Stellung" brauchen für ihr (emotionales) Überleben. Aber das geht nur bis an den Punkt, an dem uns klar wird, was wir wollen. Wenn wir darüber hinaus immer noch am Ehrgeiz festhalten, wird er uns umbringen. Die Entscheidungsschlacht ist unausweichlich: Ich oder der Andere in mir. Und wenn uns die Götter in diesem Kampf nicht beistehen, kann uns nichts retten. M.a.W., nur wenn unser Lebenswille nicht ausgelöscht worden ist durch die vorangegangenen Frustrationen, also nur wenn wir noch Chancen sehen können, können wir überleben. Einige sind zu sehr getroffen. Sie greifen nach einer Ausrede und machen sich davon aus dem Leben, gleich auf welche Weise ihr Tod dann eintritt.

Solange unser Lebenswille aber nicht gebrochen ist, kann uns nichts etwas anhaben, denn so lange wird unsere Ausstrahlung die Wege für uns ebnen und überall einen Ausweg finden. Aus so einem Vertrauen heraus hat, z.B., der Apostel Paulus seine Missionsreisen unternommen. Zweimal hat er Schiffbruch erlitten, oft ist er verhaftet worden. Er wußte, was er wollte, und er hatte die Todesangst überwunden, die so viele von uns zurückhält vor dem Leben. Die Todesangst blockiert unsere Wahrnehmung. Das ist unser ganzes Problem, das Problem aller Neurosen. Wovor haben die psychiatrischen Patienten Angst? Davor, daß sie sterben könnten, wenn sie bloßgestellt würden. Die Todesangst ist es, die uns in Konventionen zwingt. Und es braucht so lange, diese Angst zu überwinden, weil wir sie gar nicht "überwinden" können; sie fällt vielmehr von uns ab, wenn wir physisch begreifen, daß wir unser Todesurteil in jedem Augenblick unterschreiben, in dem wir uns von dieser Angst tyrannisieren lassen. Mit Vernunft allein können wir uns nicht von ihr befreien. Es braucht den Lokalaugenschein, wie beim ungläubigen Thomas oder beim Propheten Jona, der erfahren hat, daß man dem Schicksal nicht entkommen kann. Deshalb hat Jesus gesagt, den Ungläubigen werde kein Zeichen gegeben, als das Zeichen des Jona. An uns selbst müssen wir Ungläubigen die Folgen dieser Angst erleben, bis wir keine Wahl mehr haben, als sie abzuschütteln. Unsere Prägungen sind zwar, besonders bei uns Intellektuellen, darauf gerichtet, die Angst zu stärken und die Lebenstriebe zu beschneiden, aber diese Prägungen sind nicht allmächtig. Die Liebe setzt sich immer wieder durch. Alles rebelliert, wenn sie unterdrückt wird. Unsere Natur drängt zurück zu sich selber, von wo sie im Grunde nie entfernt war. Denn auch die Entfremdung war ein Ausfluß der Natur. Sie ist ein notwendiger Teil des Lebens, der sich aus dem Zusammenspiel der Kräfte ergibt. Die Entfremdung ist die Triebkraft der Evolution von Anfang an. Wie G. Bateson zeigt, ist sie und der mit ihr verbundene Streß die Ursache von Lernen III, IV usw., also der kreativen Lösung.

Im Ganzen der Wellenbewegung ist die Depression immer die Grundlage des Auftriebs. Die Bewegung hat Wellenform, obwohl die Lösung als Sprung erfolgt, wie im Fall der Mutation oder bei den Sprüngen der Elektronen von Schale zu Schale. Diese Sprünge gehören einer übergeordneten Welle an. Grund für den Sprung ist der "Geist" des Problems, die Resultante der Spannungen. Die Sprünge haben ein gleichbleibendes Muster, das auf allen Ebenen der Existenz zu beobachten ist. Streß erzwingt den Sprung in eine neue Seinsebene. Wir Menschen blockieren diese natürlich Evolution oft künstlich, indem wir die Symptome bekämpfen, anstatt die reale Situation auf uns wirken zu lassen, die allein uns zur Lösung führen kann. Es gibt allerdings Menschen, die meinen, daß es so etwas wie eine "Natur" des Menschen oder eine "natürliche", spontane Reaktion gar nicht geben könne, weil alles, was wir tun, von der Gesellschaft gestaltet sei. Aber tatsächlich weisen die Verhaltensforscher viele allen Menschen gemeinsame Ausdrucksformen nach. Und darüber hinaus sind die menschlichen Grundsituationen von derartiger archetypischer Charakteristik, daß es, u.a., seit je her Orakelsysteme gibt, die die ganze Bandbreite menschlichen Erlebens einbeziehen und evolutionäre Sprünge für alle Situationen beschreiben. I Ching ist ein solches System, Tarot ein anderes, ein drittes die Astrologie und darüber hinaus gibt es eine Unzahl von lokalen Orakelsystemen. Die Mythen der Völker zeigen dasselbe: einerseits das immer Wiederkehrende im Leben, seinen Kreislauf und andererseits die Sprünge auf andere Energieebenen, wo sich jeweils das gleiche Spiel wiederholt. Das Ganze ist ein kosmisches Theater, in dem wir lange nur Marionetten sind, so aktiv wir auch sein mögen.

Und doch haben wir unsere Freiheit. Sie liegt in einer Gelöstheit, einer Distanz, mit der wir irgendwie immer unser Leben betrachten können. Denn erst da können wir zulassen zu sein, was wir sind: Menschen. Wir sind es aber erst, wenn wir nicht mehr versuchen, den "negativen" Seiten unseres Lebens zu entfliehen. Es gibt eine Seins-"Stufe" über der Kontrolle; aber eigentlich ist es keine "Stufe", nichts "Höheres", sondern einfach das Ende eines Widerstands, der Punkt, an dem wir einsehen, daß unser Festklammern an das Glück uns unglücklich macht, weil uns dadurch die immer neuen Chancen entgehen. Und das macht uns krank. Damit will ich nicht sagen, wir sollten nicht nach Glück streben. Das ist ganz natürlich. Erst wenn wir seine Kehrseite nicht wahrhaben wollen, wird es gefährlich.

Wir dürften deshalb auch nicht versuchen, uns durch Autohypnose zu ändern. Wir müssen Geduld haben, bis wir die Dinge von selber tun. Irgendwann verwenden wir dann eine natürliche Form von Autohypnose ganz spontan und die ist voll wirksam. Vorher war mein Ich gespalten und eine Hälfte versuchte der anderen etwas überzustülpen, was diese zu dem Zeitpunkt nicht wollte. Das ist die große Gefahr jeder Methode, daß wir uns mit unserem Kopf gegen den Rest unseres Organismus durchsetzen wollen. Wir müssen unserem Kopf rational klar machen, daß wir damit nicht erreichen, was wir wollen. Wenn ich mir in einer Depression suggeriere, daß es mir morgen schon besser gehen wird und ich daher heute schon entspannt sein und das Leben genießen kann, so ist es damit wie mit einer staatlichen Finanzspritze für einen strukturell abgewirtschafteten Bereich: Das Problem wird nur verschoben, das Leiden wird verlängert und die natürliche Lösung kann nicht eintreten. Und das gilt für alle Methoden, Wir brauchen nicht etwas erreichen. Wir müssen uns selber finden. Allein da liegt das Glück.

Ähnlich ist es mit den Religionen. Es wäre ein grobes Mißverständnis, zu meinen, durch ihre Rituale könnten wir uns den Himmel erdienen. Im Gegenteil, wir müssen zuerst unseren Himmel, d.h. unsere Natur, uns selber finden und wenn wir ihn gefunden haben, entdecken wir, daß wir in einer brüderlichen Welt leben und daraus folgen, vielleicht, Rituale. Es geht nicht umgekehrt. Wenn wir uns zur Brüderlichkeit disziplinieren, wird höchstens ein scheinheiliges Getue herauskommen. Die Wahrheit fehlt. Sie fehlt fast allen von uns. Wir haben gerade durch solche Mißverständnisse der Religion eine so widernatürliche Erziehung "genossen", daß Verirrungen nicht vermeidbar sind. Wir können sie nicht von vornherein ausschalten durch Vernunftmaßnahmen. Wenn wir widersprüchlich programmiert sind, müssen wir uns einen. Aber wir brauchen es nicht "tun". Ein uns eingebautes Programm sorgt dafür: Zuerst wird das dominierende Programm (das der Erziehung) uns an den Punkt führen, an dem wir uns hoffnungslos verwickelt sehen. Und am toten Ende gibt es eine Umkehr. Da wissen wir: So geht es nicht. Und mit der Zeit, umso öfter wir derartige Depressionen durchgemacht haben, wird uns klarer, in welcher Weise wir deformiert sind und welche Form unser Organismus von selber annehmen möchte.

Es wird zwar oft auch der digitalen Vernunft klar, was richtig wäre, aber diese Vernunft ist nicht imstande, eine Veränderung zu bewirken, vielmehr ist die Dominanz der digitalen Vernunft selber ein Symptom unseres Problems. Die Instanz, der unser Selbstbild klarer wird, ist unsere analoge Vernunft, die einen unmittelbaren Vergleich herstellen kann zwischen den Möglichkeiten und den Bedürfnissen unseres Organismus in all seinen Dimensionen und den für uns möglichen Positionen. Daraus ergibt sich das, was ich "Berufung" genannt habe, das "Bild" unserer Einflußmöglichkeiten. Und umso konkreter dieses Bild wird, umso näher sind wir seiner Verwirklichung. Es ist aber nicht möglich, es willkürlich klarer zu machen, etwa durch Autosuggestion oder irgendeine esoterische Methode. Diese Mittel sind geistige Umweltverschmutzung. Ihr einziger Gewinn ist Einbildung. Aber natürlich kommt auch das Erwachen aus ihr. Unser biologisches Entwicklungsprogramm sorgt dafür - notfalls durch unseren physischen Zusammenbruch - wie im Fall des Zen-Patriarchen Rinzai (und bei vielen Yogis und Heiligen aller Glaubensrichtungen).

Die Methoden sind also gefährlich, weil sie effektiv sind. Sie potenzieren unsere Deformiertheit. Wir erreichen zwar, was wir uns vorgenommen hatten, aber was hilft das, solange wir nicht wissen, ob wir das überhaupt wirklich wollen? Solange unser Wollen von Äußerlichkeiten bestimmt ist?. Es geht uns wie dem Narren aus Tausendundeiner Nacht, dem ein Dschinn die Erfüllung von drei Wünschen verspricht: Zuerst ärgert ihn sein Freund und er verpaßt ihm eine lange Nase und so vergibt er sinnlos seine Wünsche. Mit unseren Methoden finden wir uns in der Position des Zauberlehrlings, der Gewalten ruft, die er nicht beherrscht, weil er nicht weiß, was er will.

Was wissen wir denn schon von uns selber? Was ist es, was unsere gegenwärtige Stimmung bewirkt? Woher kommen alle diese Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste? Was nimmt uns unseren Elan und woher kommt er? Immer wieder bleiben wir zurück hinter dem, was wir uns vorgenommen haben und dabei wissen wir so wenig über den Ursprung unserer Vorsätze. Ist es so, wie manche, die an Wiedergeburten glauben, meinen, daß wir vor unserem Eintritt ins Erdendasein unser Leben planen? - Woher es auch kommt, es ist eine Art "Bild" von uns selbst, das wir in uns haben. Und dieses Bild müssen wir entdecken und entfalten, damit es Wirklichkeit werden kann. Mehr gibt es nicht zu tun im Leben und das ist schon mehr als genug. Wir müssen vieles ausprobieren, um das "Bild" herauszuschälen. Wir müssen uns einpendeln auf unsere Art. Den Rest (den Erfolg) besorgt dann die Magie des Bildes. Das Bild schafft die Form, wie die Scholastiker richtig meinten.

Wenn immer wir uns am falschen Platz fühlen, ist dieses Bild noch nicht klar. Da helfen keine Übungen, da hilft nur Aufmerksamkeit auf unsere Chancen und darauf, wie wir unsere Schlachten schlagen. So können wir sehen, wo wir zögern und wo unsere Mittel nicht in Ordnung sind (wo sie den Zweck nicht erreichen). Und so sehen wir, ob wir das wirklich wollen, was wir gerade anstreben. Wenn das Ergebnis unseren Vorstellungen nicht entspricht, stimmt unser Bild mit der Wirklichkeit nicht überein. Indem wir über unsere Methoden hinzuschauen, dorthin, wo die Welle weiterkommt, die wir in Gang setzen, wird unsere Motivation klarer, uns klarer. Unsere Kräfte einigen sich. Wir werden "magnetisiert" durch unsere immerwährende Orientierung. Und umso klarer unser Bild, umso hypnotischer wirkt es. "Hältst du das große Bild in Händen, wird sich das Erdreich zu dir wenden" (Lao-tse).

Jeder hat so ein großes Bild in sich, aber nur wenige haben die Geduld, es voll zu entwickeln, es zu reinigen. Aber wenn es keine entgegenlaufenden Züge mehr in sich hat, wenn es als Einheit mit allem Übrigen schwingt, ist es unwiderstehlich, weil seine archetypische Struktur auf alle wirkt. Die im Bild enthaltene Intention setzt sich in Wirklichkeit um. Tun und Reaktion folgen aus dem Bild logisch und automatisch. Das "Bild' stellt unsere Position in der Wellt dar. Wir müssen sie suchen und finden. Die Indianer beginnen daher mit einer Visionssuche und wir erinnern uns an unseren Traum. In diesem Moment muß unser Traum gar nichts Großartiges sein, vielleicht ist es nur eine kleine Verbesserung unserer Wahrnehmung, unserer Arbeitsmethode, unserer Beziehungen. Aber selbst wenn unser Traum uns als eine wichtige Persönlichkeit zeigt, beginnt das korrekte Bild von uns mit unserer gegenwärtigen Situation. "Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt" (Lao-tse). "Der überlegene Mensch denkt nicht über seine Situation hinaus" (I Ching).

Du mußt die Mittel nehmen, die du jetzt zur Verfügung hast. Und du mußt damit arbeiten. Das ist der einzige Weg. Auf die große Erleuchtung zu warten, ist Unsinn. Auch wenn du eine Gemeinschaft Gleichgesinnter brauchst, weil du es allein nicht schaffst, bekommst du sie nur, indem du deinen Weg bereits gehst. Egal, was du willst, genau das mußt du tun und nichts anderes. Das ist der einzige Weg in die Freiheit. Und wenn du glaubst, du müßtest eine spirituelle Disziplin anwenden, um zu deinem Paradies zu gelangen, tu es! Und wenn dein Paradies anderswo liegt, dann geh dort hin. Du hast einen Anzeiger in dir, der dir sagt "gut" oder "schlecht", dem mußt du folgen. Das Lustprinzip lenkt die ganze Evolution. Die Lust des Menschen ist natürlich sehr differenziert, entsprechend seinen Lebensumständen. Die Triebe sind immer schon geregelt durch eine biologische Vernunft. Aber natürlicherweise ist die Vernunft den Bedürfnissen immer untergeordnet. Sie dient den Bedürfnissen, wie heute Computer uns dienen für einen effektiven Güteraustausch.

Der effektive Austausch setzt Übereinstimmung voraus, d.h. Respekt vor den Bedürfnissen der anderen. Daraus ergibt sich eine Art "natürlicher Ethik". Sie entsteht von selber, wenn ein Mensch zu sich selber gefunden hat. Das ist dann der Fall, wenn er anerkennt, daß er ein Mensch ist, mit allem, was das impliziert: daß er nämlich sein Leben lenken muß zur Erfüllung seiner Bedürfnisse in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit. Da löst sich die Entfremdung und unsere Paranoia. Da können wir plötzlich zugehen auf die anderen und ihnen unsere Bedürfnisse mitteilen in der entsprechenden (ritualiserten, symbolischen) Weise, also einfach unserer Spontaneität folgend. Der Trieb nimmt eine Ausdrucksform, die uns entspricht. Er variiert uns frei, entsprechend der Notwendigkeit der Situation. Wir "lesen" unser Gegenüber und automatisch spielt etwas uns so, daß wir unsere Botschaft genau übermitteln. Beim Tanz, z.B., können wir leichter in diese Ausdrucksform hineinfinden, aber sie dringt überall durch. Wir übermitteln in jeder Interaktion durch symbolische Gesten unsere genaue Einschätzung der Kräfteverhältnisse. Und wenn wir Schwächen sehen, versuchen wir zu täuschen, diese Schwächen auszunützen und wenn wir uns selber schwach sehen, sind wir versucht, uns zu belügen, um unser "Bild" zu retten. Aber das ist der falsche Weg. Das kann nur in den Wahnsinn führen. Das ist der Wahnsinn. Er ist nicht notwendig. Wir können zu uns stehen, auch wenn wir noch so tief gesunken sind. Der einzige Weg heraus ist, die Situation zu sehen, wie sie ist. Das ist der Ausgangspunkt in jedem Fall.

Wenn wir erst einmal begriffen haben, daß es allein darum geht, daß es uns gut geht, geht der Aufstieg schnell, selbst wenn wir ganz unten sind. Es gibt nämlich nicht allzuviele, die es zielstrebig angehen. Von jetzt an sieht unser Schicksal so aus: Wir haben ein Bedürfnis und wir steuern es zielgerecht an. Viele "Bedürfnisse" werden auf diesem Weg gleich wegfallen. Sie waren nur Phantasien. Wir werden unser Leben realistischer sehen. Wir werden die Bedürfnisse der anderen entdecken und es wird nicht schwer sein, unseren Kurs zwischen Geben und Nehmen zu finden.

Das Leben des Erleuchteten, des Freien, verläuft rational. Und doch ist er offen für alle Eventualitäten, immer bereit, seinen Kurs zu ändern, denn er hat sich auch die Variationen überlegt. Er bezieht die Erfahrungen der anderen ein. Er hört auf alle Stimmen, aber er trifft seine Entscheidungen gemäß seinen Interessen.

Keine Angst, dieser "Egoismus" führt nicht in die Barbarei hemmungslosen Gewinnstrebens - gerade weil in unserer Menschlichkeit der Trickster genauso Platz hat wie jede andere menschliche Gestalt. Wir sind frei von Gier, d.h. wir vertrauen darauf, daß wir auch morgen genügend Kraft finden werden für unser Überleben; so brauchen wir heute nicht raffen und geizen. Wir sind frei, wirklich dem Impuls zu folgen, der unserer Situation optimal entspricht.

Wir sind aber auch nicht passiv unserem Schicksal ausgeliefert, sondern wir ergreifen die Initiative. Wir helfen uns selber. Wir benützen unsere Vernunft, damit wir bekommen, was wir wollen. Und wir geben niemand die Schuld. Wir benützen unsere Wahrnehmung nach innen und nach außen, damit wir erkennen, was wir wollen. Und damit sind wir so frei, wie ein Mensch nur sein kann. Wir sind frei, wir selber zu sein: eine dialektische Einheit aus yin und yang, aus aktivem Wollen und Durchsetzen, wie aus Hören und Mitgehen.

Der Wille kommt, wenn eine Sache klar ist. Aber wenn wir nicht für unsere Sache schon vorher kämpfen, wird sie nicht klar. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Das ist unser schöpferischer Auftrag. Wir müssen dafür sorgen, daß wir uns vermehren, physisch und (oder) geistig. Das ist die biologische Grunddirektive an alles. Die Energie steht zur Verfügung. "Wir" brauchen nur die Hindernisse (unsere Illusionen) aus dem Weg räumen. Auch die Energie für die Tätigkeit jener Instanz, die das tut (des "Ich"), wird kostenlos bereitgestellt. Die einzigen "Kosten" sind unsere Haftungen. Die müssen wir fallen lassen, dann läuft alles von selber.

Unsere Zivilisation aber ist mißtrauisch. Sie will alles kontrollieren und alle in ein Schema zwängen, doch das Schema ist überholt. Unsere Kultur muß sich öffnen für die Spontaneität. Aber "die Kultur" "muß" dabei nichts "tun". Die Spontaneität bricht sich selber Bahn. Über die Paranoiden hinweg, die an den Druckknöpfen der Vernichtung sitzen. Die alten Institutionen sind heute zur Brutstätte der Paranoia geworden, weil sie der natürlichen Tendenz widerstreben, sich aufzulösen bzw. sich entsprechend den heutigen Bedürfnissen zu verändern. Daß sie, obwohl sie überholt sind, weiterhin Macht ausüben, geht vielen Menschen gründlich auf die Nerven im buchstäblichen Sinn: Sie brauchen einen Nervenarzt, während andere bereits ohne Hemmungen den Unrat von sich werfen, den sie da aufgelesen haben. (Vandalismus ist die natürliche Reaktion auf üble Verhältnisse). So spitzen sich die Verhältnisse langsam zu und mehr und mehr Menschen wenden sich ab von der alten Ordnung. Sie ist für unsere Zeit offensichtlich eine Unordnung, ein Hindernis unserer Entfaltung, eine Hemmung der Evolution. Aber es gibt keine wirkliche Hemmung der Evolution. Die evolutive Kraft setzt sich immer wieder durch. Diese Kraft sprengt jede Entfremdung. Sie führt immer wieder in die Freiheit. Wir brauchen nur ihren Impulsen folgen.

Es scheint ein Widerspruch zu bestehen zwischen dieser Notwendigkeit zu folgen und der Notwendigkeit zu entschlossenem Einsatz. Und viele scheitern an diesem Widerspruch entweder als fiebrige Aktivisten oder als Schicksalsgeschlagene. Wenn wir das Problem aber näher betrachten, sehen wir, daß es einfach die beiden Seiten unseres Organismus sind, die unsere Aufmerksamkeit verlangen, Input und Output, und daß sie am besten koordiniert werden durch die Struktur des Organismus selber. Diese Struktur, unsere menschliche Natur, ist das oberste Maß. Sie ist die Instanz des "jüngsten Gerichts" (wie sie in den semitischen Religionen genannt wird), in dem wir immer jetzt recht oder unrecht haben durch die Dinge, die wir tun oder unterlassen. Die Weisheit der Religionen hat immer darauf hingezielt, daß diese evolutive Kraft in uns wirken kann, daß wir ihr die Hindernisse aus dem Weg räumen.

Früher war es nötig, dafür ein mythisches System aufzubauen, das die Menschen auf magische Weise (durch Hypnose) dort hin führt. Heute wirkt diese mythische Form mit ihrer Motivation aus einem "Leben nach dem Tod" bei den meisten nicht mehr, denn diese Motivation ist in der Vergangenheit ausgenutzt worden. Aber wir brauchen heute tatsächlich nichts und niemand mehr vergöttlichen. Eine Unterscheidung von Natur und Übernatur ist überflüssig, weil die Natur ohnehin alles umfaßt, was darin wirkt. Wir können es uns daher gestatten, uns als Maschinen zu sehen, die nach einem gewissen Programm arbeiten. Dieses Programm gilt es darzustellen, etwa unter dem Motto, das Timothy Leary zu einem Buchtitel gemacht hat: "Handbuch für den Gebrauch des menschlichen Nervensystems gemäß den Anweisungen der Hersteller". Es geht um unser genetisches Evolutionsprogramm. Die Weisen aller Welt haben zu allen Zeiten versucht, dieses Programm zu aktivieren und zu dem Lebensgefühl zu führen, das gekennzeichnet ist durch Evidenz (genau das wollte auch Descartes erreichen). Aus didaktischen Gründen ist das in einer Bildersprache geschehen, die heute, weil sich die Lebensverhältnisse so radikal geändert haben, nicht mehr richtig verstanden werden. Ein Beispiel:

Denke an das 1950 verkündete Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Das Dogma ist richtig. Daß die Mutter des Erlösers physisch im Himmel lebt, sollte eigentlich niemand wundern. Es ist eine der archetypischen Wahrheiten, denen alle Menschen zustimmen können - außer jene, die sich in ihrer eigenen Erlöserrolle gehemmt sehen, also die Eifersüchtigen, die ihrem eigenen Programm Widerstand leisten und sich an etwas festklammern. Das wäre das echte Anliegen hinter der Sorge der Heiligen Inquisition (und in welcher Gruppe gibt es sie nicht?), wenn die Inquisitoren nicht selber verseucht wären - die Erlöser waren schließlich nie unter den Inquisitoren. Und diese Tatsache ist, wenn man will, genauso ein Dogma, wie das der Mutter Gottes, nur waren die Inquisitoren nie scharf drauf, es zu definieren. Somit haben sie ihre Dogmen, um derentwillen sie Menschen opfern, selber nicht verstanden. Der Prozeß Jesu ist ja ein archetypisches Muster für diesen Vorgang. Er wiederholt sich täglich im Kleinen, auch in unserem Leben. Auch die heutigen Institutionen bekämpfen das Neue, das sie ablösen wird. Ist ja auch ganz logisch, daß die sich wehren gegen jeden Einbruch in ihre Macht.

Man könnte diese Institutionen auch als "Geistwesen" sehen. Was da im Kampf steht, sind nämlich echte "Geistwesen", Geistigkeiten, Weltanschauungen, die sich bewegen und wandeln wie echte physische Wesen. Sie sind nämlich physische Wesen mit tausenden von Körpern. Große geistige Bewegungen können ganze Kontinente mobilisieren. Aber auch sie sind sterblich. Wie wir sehen können, ist die Existenzgrundlage eines solchen Wesens heute bereits untergraben. Wir sind Zeugen seiner "Entlarvung". Es ist das "objektive" Paradigma des wissenschaftlichen Weltbilds. Die magischen Motivationskräfte, die aus der Vorstellung von der absoluten Verfügbarkeit der Welt kommen, sind im Schwinden, wie vor kurzem die des Nationalismus, der an der weltweiten Kommunikation gestorben ist. Die tödliche Krankheit des alten Wissenschaftsparadigmas ist die Selbstrelativierung der Wissenschaften, die unausweichliche Feststellung ihrer Grenze. Die alte Weltanschauung muß sich einer höheren Motivation unterordnen, nämlich der der Natur. Den Vorgang stellt bereits der alte indische Mythos dar, der den archetypischen Wandel der Lebensziele beschreibt, von der Lust über Ansehen und Pflicht zur Erlösung. Die Pflicht hört auf, sobald die biologische Motivation gefunden ist, sobald das Ziel klar ist. Das Paradigma von der Verfügbarkeit der Welt entspricht dem Mythos des Prometheus. Wir leben ihn heute. Deshalb zerhackt uns auch ein großer schwarzer Vogel schon die Leber, aber sie wird immer wieder nachwachsen, bis wir begreifen. Dann werden wir diesen Mythos verlassen und in eine neue Evolutionsstufe eintreten, in der wir uns aussöhnen mit den Göttern. Dann werden wir das Mythisch-Magische in unserer jetzigen Weltanschauung sehen können und es überschreiten in die Unmittelbarkeit. Wir können es jetzt tun.

Wir brauchen auf nichts warten. Wir können unser Leben gestalten, den Traum verwirklichen. Das ist die biologische Spur, die die Energie in sich selber hat. Alle anderen Wege zehren an uns, indem sie uns partiell lähmen. Das schlägt sich nieder in den Funktionen unseres Körpers. Die gehemmte Energie erzeugt einen ständigen Druck, mit dem die Krankheit beginnt, die schließlich zum Tod führen wird. So funktioniert das System.

Wer sich diesen Regeln widersetzt, wird ausgemerzt. Das hat nichts mit moralischer Schuld im traditionellen Sinn zu tun. Es ist vielmehr die tatsächliche Schuld, das "Karma", mit dem wir auf die Welt gekommen sind, unsere zufälligen Lebensumstände, unser Schicksal. Ob es uns gefällt oder nicht, das ist unser Ausgangspunkt. Wir können nichts dafür, aber wir müssen damit leben. Deshalb sagt Jesus: "Nehmt täglich euer Kreuz auf euch" (Mt 10,38). Dieses Kreuz verleugnen, sich Illusionen machen, kann zu Zeiten zwar notwendig sein, aber von dem Zeitpunkt an, an dem es uns klar wird, müssen wir aufhören damit. Illusionen sind Zeitverschwendung und unser Leben ist kurz genug. Allein das Ergebnis entscheidet, ob eine Maßnahme, die wir treffen, gut oder schlecht ist. Unwirksame Manöver sollten wir abbauen, wirksame aufbauen. So steigert sich unser Vertrauen in unsere Natur und die Chance, unseren Traum zu verwirklichen, öffnet sich. Darin müssen wir rational sein. Das Leben des "Erleuchteten" verläuft äußerst rational. Aber seine Vernunft ordnet sich seinen Bedürfnissen unter, sodaß er ständig jenes Lebensgefühl erleben kann, das er liebt. Er folgt seiner Natur und allen Einflüssen, die auf sie wirken. Er verdrängt nichts. Daher hat er Zugang zu Information, die manchem Unerleuchteten wie ein Wunder erscheint.

Die sogenannte "Außersinnliche Wahrnehmung", der sich Medizinmänner und Medien aller Kulturen bedienen, ist eine normale, wenn auch wissenschaftlich noch nicht geklärte, Informationsquelle. Sie wird zugänglich, wenn wir uns nichts mehr vormachen. Deshalb ist es auch "Verbrechern" manchmal möglich das Gespür zu entwickeln für den richtigen Zeitpunkt und die geeigneten Mittel. (Das entspricht auch den Erfahrungen der Kahunas, siehe M.F. Long: Kahuna Magie. S 232f). Die Grundlage dieses oft "geheim" genannten Wissens ist die Anerkennung der Wahrheit. Die Freien bauen auf das Gegebene, auf den Felsen der Realität. So aussichtslos unsere Situation manchmal auch erscheinen mag, die Realität hält immer eine Möglichkeit bereit, sie zu verbessern. Aber wenn wir unsere Wirklichkeit verleugnen, können wir die immer vorhandene archetypisch optimale Lösung nicht sehen. Wenn wir sie nicht sehen können, müssen wir auf das achten, was uns ablenkt, denn das hat gewichtige Gründe. Indem wir uns mit uns selber versöhnen, uns so akzeptieren, wie wir sind, verlieren die Ablenkungen ihre hypnotische Kraft, denn wir haben ihr Recht bereits zur Kenntnis genommen. Dadurch werden wir immer aufmerksamer auf leisere Stimmen in uns, schwächere als die der fünf Sinne. In diesen leisen Stimmen liegt die Führung durch den "Geist".

Wir können den menschlichen Geist als eine Art Computerausdruck unserer gegenwärtigen Situation sehen und es scheint, wir Menschen haben darin Zugang zu einer zeitlosen Ebene der Existenz und zwar nicht bloß durch die Archetypen, also die gespeicherten Menschheitserfahrungen, bzw. die Instinkte, sondern auf einer anderen Ebene der Realität, in der alles für uns Wesentliche gegenwärtig ist. Erfahrungen, die wir alle in größerem oder geringerem Maß machen, deuten darauf hin, daß es so etwas wie eine reale "geistige" Existenz gibt, an der wir teilhaben, obwohl wir derzeit über keine befriedigende physikalische Erklärung verfügen. Es scheint, daß die ganze Welt ein einziges "Wesen" ist, mit dem wir kommunizieren können und daß in einer Instanz dieses "Wesens" alles gegenwärtig ist, was uns betrifft, sei es vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. Die Religionen haben mythologische Erklärungen für dieses Phänomen. Aber wir brauchen heute nicht mehr über seine Hintergründe spekulieren. Wie Buddha schon festgestellt hat, führt dies zu nichts. Wir können von den Tatsachen ausgehen. Und eine dieser Tatsachen ist eine Art universeller Wahrnehmung, vermutlich der uns betreffenden emotionalen Ausstrahlung unserer Umwelt, also aller unserer Beziehungen. Das beschreibt Castaneda mit dem Bild der "Lichtfäden", die von uns "leuchtenden Wesen" ausgehen, mit denen wir die Gegenstände unseres Lebens berühren.

Wenn der Kontakt abreißt, wenn die Motivation in irgendeinem Bereich aufhört, wie heute die Motivkraft vieler alter Mythen, ist es sinnlos ihr nachzutrauern. Das Realistische ist, offen zu sein für eine neue Motivation, (I Ching, 38,1: "Er hat seine Pferde verloren, aber laß ihn nicht suchen nach ihnen. Sie werden von selber zurückkommen."). Wir brauchen nichts "tun", sondern nur wahrnehmen, was unsere aktuelle Beziehung ist. Daraus ergeben sich unsere Aktionen von selbst. Sie folgen dem, was Dorothee Lessing "Notwendigkeit" genannt hat (in: "The Sirian Experiments"). Ein Computer könnte den optimalen Kurs berechnen, wenn ihm die Daten zur Verfügung stünden. Aber es gibt keine Maschine (bis jetzt), die die Information wahrnehmen könnte, die wir empfangen, denn es scheint keine physikalische Grundlage dafür zu geben. Und doch spekulieren die heutigen Physiker über genau diese "immateriellen" Grundlagen in der Quantenphysik. Ein Vektorraum wird angenommen, aus den intentionalen Kräften, die auf die Materie wirken. Und da scheinen sich die Bereiche zu treffen, deren eine Hälfte bis jetzt in mythologischer Terminologie besprochen worden ist, die andere in physikalischen Termini. In der Religion gibt es "Wunder", also einen Einfluß des Geistes auf die Materie und in der Physik ist gerade das das fehlende Glied in der Kausalkette. Die Wirklichkeit ist also wie ein Spektrum, von dem es die Physik mit dem "sichtbaren" Bereich, die Religion aber mit dem "unsichtbaren" zu tun hat. Aber heute verwischen sich die Grenzen. Heute muß auch der Bereich der Motivation naturwissenschaftlich gesehen werden. Wir wissen, daß Einstellungen eine physische Wirkung haben. Sie machen eine Situation gut oder schlecht. Sie rufen Erfolg oder Mißerfolg hervor. Es ist wie beim Einstellen eines Radios: Wenn wir uns gut einstellen, können wir den "unsichtbaren", "nichtphysikalischen" "Teil" des Spektrums empfangen. Oft aber stehen wir diesem Bereich gegenüber wie die Menschen den Radiowellen, bevor sie erfunden waren. Und doch spüren wir ständig den Sender in uns, nur - es scheint uns zu viel, was er verlangt. Er verlangt nämlich, daß wir die Verantwortung übernehmen für das, was uns geschieht, daß wir also unsere Schuld anerkennen. Nur wenn wir diese Realität voll auf uns wirken lassen, kann es geschehen, daß wir die Kraft bekommen zum Aufholen oder zur Korrektur unserer Erwartungen. Solange ich mich diesem Dilemma nicht offen stelle, bin ich hin und hergerissen in einem Teufelskreis, in dem ich weder etwas erreichen kann, weil mir die Motivation fehlt, noch ablassen kann von meinen Vorstellungen, weil mir der Blick auf die Realität fehlt. Ich bin verdammt zur Unwirksamkeit, weil ich die Naturgesetze nicht beachte.

Die Naturgesetze des Lebens sind seit je her in Mythen formuliert worden. Auch heute werden Mythen produziert. Sie erzählen die Geschichten des heutigen Lebens. Der heutige Olymp ist Hollywood. Die neuen Tempel heißen Kinos, Radiostationen, Diskotheken usw.. Die heutigen Priester sind die Psychotherapeuten. Und wir (so ferne es noch scheinen mag) stehen kurz vor der Zeit, wo die politischen Machthaber die heutigen Mythen und ihre Moral zur Grundlage der allgemeinen Politik machen werden - gezwungen durch die Notwendigkeit. Zur Zeit sind wir allerdings noch verhaftet an traditionelle Modelle. So wird es eine neue Art von "Theokratie" geben, die, wenigstens eine Zeit lang (bis die Welle ausgelaufen ist), die menschliche Natur zu ihrer obersten Norm machen wird. Die heutigen Probleme lassen sich nicht mehr ideologisch lösen. Die ganze Wirklichkeit muß einbezogen werden. Der durch den Computer drohenden totalen Bürokratisierung wirkt die damit gegebene große Breite der Variationsmöglichkeiten, die die Programme bieten können, entgegen. Erst die Computer machen dadurch einen weltweiten rationalen Austausch von Angebot und Nachfrage möglich. Sie machen Staatsgrenzen überflüssig. Wir können zurückkehren zum Stadtstaatensystem und gleichzeitig fortschreiten zu völlig neuen Formen der Gemeinschaftsbildung. Mit Hilfe der Computer werden optimale Organisationsformen gefunden werden, die dem Einzelnen wie der Gesamtheit optimale Entfaltungsmöglichkeiten bieten. So entstehen auch gesellschaftlich die optimalen Bedingungen für die individuelle Freiheit, die aber gerade wieder in der Gemeinschaft und im Dienst in ihr ihre Erfüllung findet.

Unsere Natur sorgt also für eine ganzheitliche Lösung, in der sich die Interessen der Allgemeinheit mit den Interessen des Einzelnen treffen. Darin ist die Freiheit dann universal. Ein neues Paradies, ein goldenes Zeitalter bricht an. Aber natürlich wird auch diese rationale und emotionale Ordnung wieder zerfallen, weil einzelne Menschen und Clans wieder Wege finden werden, diese Ordnung für ihre Zwecke auszunutzen. Und so wird erneut Entfremdung einsetzen und das Rad dreht sich weiter bis zur nächsten Phase von Harmonie und Freiheit. So ist der Lauf der Welt. Und für uns, die wir immer noch in einer Zeit großer Hemmungen leben, gibt es nur einen Weg in die Freiheit: Uns nicht binden lassen, sondern der Spur folgen, die vor unserem geistigen Auge aufleuchtet.
 

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