Wie es zu meiner Reise zu den Sufis kam
 
 
 
 

Nun, ich war noch in dem frostigen Nebel des mitteleuropäischen Februar und hatte ständig gegen Erkältungen und Depressionen zu kämpfen. Vielleicht hatte auch meine vitamin- und eiweißarme, möglicherweise zu strikt makrobiotische Ernährung ihre ersten negativen Auswirkungen; vielleicht trieb ich mich bei meinen Yoga-Übungen zu sehr an; vielleicht spielte auch eine Sympathiereaktion mit dem Rheumatismus meines Vaters mit - jedenfalls bekam ich Anfang März Rückenschmerzen, die ich monatelang nicht los wurde. Es gab einfach zu viele Faktoren, mit denen ich unzufrieden war. Vor allem aber war es mein kommunikationsarmes Einsiedlerleben. Ich ging zwar gelegentlich aus, aber das verstärkte nur den Eindruck meiner Einsamkeit, denn alles Reden konnte mich nicht ablenken von dem Wissen, daß mir niemand helfen konnte in dem, was ich zu tun hatte. Ich fand, daß jeder sein Ding macht und sich im Grund für den anderen nicht interessiert, solange er sich noch Chancen in dem Imponierspiel ausrechnet. Und dieses Spiel hatte ich satt, aber wahrscheinlich habe ich es selber gespielt durch die Wichtigkeit, die ich dem beimaß, was ich selber tat.

Besser fühlte ich mich dann, als ich die Science-Fiction Kurzgeschichte "Projekt Österreich" schrieb, in der es darum geht, daß ein österreichischer Science-Fiction-Autor mit einem Roman über das "Projekt Österreich" inmitten der wirtschaftlich trostlosen Zeit der späten Achtzigerjahre eine ungeheure Welle der Begeisterung und des Optimismus auslöst, die schließlich dazu führt, daß sich die Österreicher auf das in dem Roman vorgeschlagene ideologische und ökonomische Modell einigen und beschließen, ihren Staat wie einen Familienbetrieb zu führen und sich nicht nur allen dazu erforderlichen Umstrukturierungsmaßnahmen widerspruchslos fügen, sondern auch eine seit den Tagen des Naziregimes nicht mehr gekannte Begeisterung entwickeln, deren physische Kraft ausreicht, Österreich innerhalb weniger Jahre zu einem zwar allseits bestaunten, aber vorerst unnachahmlichen Paradies zu machen.
 
 

Kurz darauf hatte ich meinen zweiten Kontakt mit den Sufis. Alex erzählte mir von dem Buch "Ich ging den Weg des Derwisch" von ReshadFeild. Damit ergab sich für meine geplante Reise eine neue Perspektive. Ich dachte daran, mir ein Motorrad zu kaufen und damit über Land nach Indien zu fahren, denn nun war auch mein Interesse an den islamischen Ländern wieder erwacht und ich wollte mir alle Möglichkeiten offenhalten und auch die Verschiedenheiten der Charaktere erleben, die die verschiedenen Religionen erzeugten. Allerdings hielt ich es auch für möglich, daß diese Reise und die Suche nach dem perfekten Weg nur ein weiteres Ausweichmanöver sein könnte, denn eigentlich war ich von der Richtigkeit meiner Theorie schon überzeugt und mir nun dafür von einem Guru noch eine Bestätigung zu holen, war daher im Grunde überflüssig - oder war es doch notwendig? Jedenfalls kalkulierte ich auch die Möglichkeit ein, hierzubleiben und einfach mit meinen bisherigen Mitteln weiterzuarbeiten und darauf aufzubauen. Nur die immer wiederkehrenden Tiefs ließen mich immer wieder zweifeln. Und außerdem wollte ich wirklich einmal einen dieser sagenhaften Gurus treffen, damit ich mit eigenen Augen sehen konnte, was diese Leute von anderen hervorragenden Menschen unterschied, wie ich sie bisher kennengelernt hatte.

Ich begann nun, als ich meinen Artikel über den wissenschaftlichen Heilsweg fast fertig hatte, mir an der Universitätsbibliothek alle verfügbaren Bücher auszuleihen und zu studieren, die etwas mit Yoga, Schamanismus und Gurus zu tun hatten und auch von Ruby in San Francisco ließ ich mir eine Reihe von Büchern schicken, die bei uns nicht erhältlich sind.

Und während ich vertieft war in das Studium verschiedener Varianten des Raja-Yoga, wurde am selben Tag Mitte März das Literaturstipendium der Salzburger Landesregierung bewilligt und mein Arbeitslosengeld lief aus. Aber das Geld von der Kaution in Chicago war noch nicht da. Ich hatte bereits an das dortige Immigrationsamt geschrieben, nachdem auch mein zweiter Besuch bei der amerikanischen Botschaft in Wien bis jetzt ergebnislos geblieben war, aber immer noch gab es keine Antwort. So hatte ich keine Wahl als weiterzuwarten, zu schreiben und zu studieren. Und die Zähigkeit, mit der mein Schreiben voranging, veranlaßte mich immer wieder zu der Frage, ob es denn nicht eine Illusion war, wenn ich meinte, Schreiben wäre mein Beruf; gelegentlich trieb mich meine "Heilswissenschaft" an den Rand der Verzweiflung. Und immer wieder die Fragen: Soll ich wegfahren und wohin, Indien oder Afrika?

Während ich mich nach günstigen gebrauchten Motorrädern erkundigte, bot mir Alex sein altes Auto an, denn er hatte sich vor kurzem ein anderes gekauft. Ich erkundigte mich nach den Bedingungen für eine Fahrt nach Indien über die Türkei, Iran, Pakistan, erfuhr aber, daß für die Durchfahrt durch diese Länder sogar für ein Auto mit Schrottwert eine so hohe Kaution zu erlegen gewesen wäre, daß diese Möglichkeit ausschied.

Anfang April erhielt ich endlich die Mitteilung, daß ich in der amerikanischen Botschaft in Wien den Scheck über meine Kaution abholen könnte. So fuhr ich nach Wien, holte das Geld und erkundigte mich bei verschiedenen Botschaften nach den Einreisebedingungen. Aber ich wußte immer noch nicht, wohin ich schließlich fahren würde. Außerdem mußte ich jetzt noch auf die Auszahlung des Stipendiums warten. Und so schrieb und studierte ich weiter.

Mitte April, als ich gerade bei den Methoden Gurdieffs war, bekam ich das Stipendium und somit gab es kein finanzielles Hindernis mehr. Aber inzwischen war ich mit der Überarbeitung meines Manuskripts so weit, daß ich die Möglichkeit in Betracht zog, diese Arbeit erst zu beenden. Mein "Heilswissenschafts-Artikel war nun auch fertig und ich versuchte es nun nocheinmal mit einem Verlag, dem Otto-Müller-Verlag in Salzburg. Ich wollte inzwischen noch einige Bücher lesen und nach der Antwort des Verlags entscheiden, was ich tun wollte. Wenn ich auch da eine negative Antwort erhielt, rechnete ich fest damit, meine Reise Anfang Juni zu beginnen und mein Zimmer mit Ende Mai aufzugeben. Ich war gerade bei Madame Blavatsky und den buddhistischen Geheimlehren, auf die sie angeblich gestoßen war, ziemlich genau hundert Jahre vor der Zauberlehre von Carlos Castaneda. Mitte Mai war ich damit durch und eigentlich hinderte mich jetzt nichts mehr wegzufahren.

Allerdings macht mir der Gesundheitszustand meines Vaters Sorgen. Sein Rheuma hatte inzwischen Ausmaße angenommen, die es ihm unmöglich machten, arbeiten zu gehen. Er dachte schon daran, um die Frühpension einzureichen. Ich fürchtete, meine Abreise könnte seinen Zustand noch verschlimmern. Aber spätestens Anfang Juni wollte ich trotzdem fahren, denn es gab gar nichts, was ich für ihn hätte tun können. In den nächsten Tagen mußte auch Nachricht von Stefan kommen, denn ich hatte ihm auf seinen ersten Brief aus Madras geschrieben, daß ich vermutlich um den ersten Juni kommen würde und ihn gebeten, mir zu schreiben, wo ich ihn da treffen konnte. Und während ich auf die Antwort wartete, las ich weiter.

Am Anfang der letzten Maiwoche erhielt ich einen Anruf von Rudi, einem Bekannten aus Wien, der mir sagte, es gäbe die Möglichkeit, in der Nähe von Wien an einem Sufi-Seminar teilzunehmen. Ich sagte ihm meine Reise nach Indien sei so gut wie fix und ich müßte nun darauf achten, nicht noch vorher zu viel Geld auszugeben. Und was ich bei dem Sufi-Seminar lernen könnte, würde ich dann auch in Indien sehen. Ich dankte ihm für seine Aufmerksamkeit, denn grundsätzlich war ich ja auch an den Sufis interessiert, nur jetzt nicht. Ich hielt die Sache damit für erledigt, aber gegen Mitternacht, als ich gerade schlafen gehen wollte, rief er wieder an und sagte, bei dem Seminar seien bereits alle Plätze belegt, aber wenn ich mich bis spätestens morgen früh entscheiden könnte, würde noch ein Platz für mich bereitgehalten.

Ich wunderte mich sehr über das Engagement dieses Bekannten, mit dem ich noch nie zuvor telefoniert hatte. Ich hatte ihm bei meinem letzten Aufenthalt in Wien von dem Buch von ReshadFeild erzählt und er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit den Methoden von Bhagwan. Er selber war ein Schüler der Therapieform, die Wilhelm Reich eingeführt hat, und er hatte wenig Neigung zur Mystik, war aber trotzdem neugierig. Wahrscheinlich wollte er, daß ich es für ihn aus-checkte, vielleicht war ja doch etwas dran, das auch er kennenlernen sollte. Ich hatte immer noch wenig Lust, dort hinzufahren und vor allem meine wirtschaftliche Lage sprach dagegen. So sagte ich ihm, ich würde die Sache überschlafen. Er aber ließ noch immer nicht locker und sagte, es würde auch nicht viel kosten und der Mann sei ihm als außerordentlich gut beschrieben worden. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich immer noch unentschlossen. Aber vielleicht wäre diese Erfahrung eine gute Einstimmung auf Indien. So rief ich erst einmal die Telefonnummer an, die Rudi mir gegeben hatte, Regine. Und während des Gesprächs mit ihr entschied ich mich, hinzufahren.

Aber schon kurz danach fragte ich mich wieder: Wenn die Magie, also die Wirklichkeit, auf beliebiger Konditionierung beruht, wie ich es aus meiner Lektüre schließen konnte, wozu brauchte ich dann den Sufi? Wenigstens brauchte ich ein Zeichen für seine Kompetenz. So verfiel ich auf die Idee eine Karte zu ziehen, die ihn repräsentieren sollte. Und es war die Nummer sieben, der Wagenlenker. Wenn er das war, dann wollte ich ihn sehen. Und ich fuhr.

Ich selber war kurz zuvor zu so einer Art Wagenlenker geworden für Philip, den Sohn von Freunden, der im vorletzten Jahr seiner Gymnasiumszeit plötzlich keinen Sinn mehr sehen konnte, weil seine Träume sich in seiner Arbeit auf sie hin aufgelöst hatten. Ich kannte ihn schon lange genug, um zu sehen, daß die Probleme, die er jetzt durchmachte, meinen eigenen vor einiger Zeit sehr ähnlich waren. Ich traf ihn zwei Wochen vor diesem Sufi-Seminar zu einer Ausstellungseröffnung und als ich zu ihm sagte: "Das Wichtigste ist, daß du dich in einer Depression nicht so weit gehen läßt, daß du dich umbringst, denn damit würdest du dir alle Chancen nehmen", brach er vor allen Leuten in Tränen aus und sagte genau dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit beherrsche ihn. Ich sagte ihm: "Die Depression macht es unmöglich die Dinge so zu sehen, wie sie sind, daran mußt du dich erinnern, wenn du drin steckst. Wenn du nüchtern überlegst, siehst du, daß deine Chancen eigentlich ziemlich gut sind." Und das mußte er zugeben und er sah auch ein, daß das, was er jetzt durchmachte, eben die Identitätskrise ist, durch die speziell die durch müssen, die das waren, was er sein wollte: Künstler. Er schrieb mir einige Tage später und breitete seine Bedenken in allen Einzelheiten aus und ich teilte ihm meine Erfahrungen dazu mit. Und von da an fiel es ihm leichter in einer Depression einfach das Ende dieser Phase abzuwarten und zu sehen, daß er nicht ein isoliertes Individuum war, sondern ein Teil des einen Ganzen, durch das er immer Hilfe erwarten konnte, wenn es notwendig war, wie eben jetzt.

Genau das war ja nun auch mir geschehen, wie lange vorher Ouspensky, der ausgedehnte Reisen unternommen hatte "Auf der Suche nach dem Wunderbaren". Seinen Lehrer Gurdieff hatte er aber erst getroffen, nachdem er aus den Ländern zurückgekehrt war, in denen er die Gurus gesucht hatte. Und nun dieser Anruf für mich, gerade als ich mich auf die Suche machen wollte - es war schon sehr mysteriös.
 
 

Das Seminar fand in einem umgebauten Bauernhof statt in der Fast-Einöde des obersteirischen Hügellandes, mitten im Grünen von Wiesen und Wäldern. Nur etwa drei andere Höfe lagen im Umkreis; die nächste kleinere Siedlung lag mehr als eine halbe Wegstunde entfernt im nächsten Tal. Als ich mit Regine, mit der ich telefoniert hatte und die mich jetzt in ihrem Auto dorthin mitnahm, ankam, hatte die Arbeit der Gruppe schon begonnen. Der Leiter war ein großer Mann in seinen Vierzigerjahren mit langem Bart und urig-aristokratischen Gesichtszügen. Mit leichtem südländischem Akzent erklärte er gerade etwas über den Schutz vor den Attacken böser Geister. Die Moslems benützen in so einem Fall einen Vers aus dem Koran, das sogenannte Ayat al Kursi oder einfach die kurze Formel "Authu bilahiminna scheitani radschim", was so viel bedeutet wie "Ich flüchte mich zu Allah vor Satan, dem Gesteinigten".

Der Mann war mir sehr sympathisch, aber das, was er sagte, befremdete mich sehr. Vielleicht lag es aber daran, daß wir nur noch die letzten Minuten der ersten Lektion mitbekommen hatten. Der Mann, den ich nun als Scheich Soltan Ali kennenlernte, kam aus Ägypten, hatte aber viele Jahre in Deutschland gelebt und er sprach ausgezeichnet deutsch. Seine Gestalt gab mir den Eindruck von außerordentlicher Kraft und Wärme. Er war offensichtlich der einzige Erwachsene unter einer Schar von Kindern - vielleicht gerade weil er seine Kindhaftigkeit ganz unverdeckt tragen konnte, ohne sie hinter Wichtigtuerei verbergen zu müssen. Doch der zweite Schock kam sogleich, als einige, die den Scheich schon länger kannten, uns Neue in das Ritual der Waschung einführten, zu der eben die Formel gesprochen werden mußte, die ich hörte, als ich das Haus betrat. Es gab eine ganze Liste von für mich unaussprechlichen arabischen Sätzen, die wir in den nächsten Stunden und Tagen lernen sollten.

Ich war nahe daran, gleich wieder abzufahren, aber wie wegkommen aus dieser Einöde? "Ich bin doch nicht verrückt, daß ich dieses ausländische Gequake nachbete", dachte ich. "Wenn das Zeug Sinn hat, wird man es doch auch übersetzen können". Ich war nicht hergekommen, um mich einer exotischen Religion anzuschließen, die alles das, was ich aufklären wollte, nocheinmal verschleierte; ich wollte die Funktionsprinzipien kennenlernen. Im Grunde wollte ich nur wissen, ob meine Sicht der religiösen und magischen Phänomene korrekt war, oder ob ich sie revidieren mußte. Aber hier, so schien es, sollte man zu irgendeiner Sekte bekehrt werden. Aber gut, ich war einmal da und schaden konnte es mir ja nicht, zumal ich den Formeln einen Sinn abgewinnen konnte, mit dem ich übereinstimmte. Und der Mann war offensichtlich nicht einfach ein religiöser Fanatiker, sondern allen Ängsten und Argumenten gegenüber aufgeschlossen. Und am Abend dann war ich begeistert von dem, was der Scheich sagte und wie er es verstand diese Gruppe in Bewegung zu versetzen. In mir selber kam das Verborgenste hoch und die widersprüchlichen Teile meiner Person lagen ausgebreitet vor meinen Augen. Und doch brauchte ich keine Angst zu haben, wegen all des Negativen abgelehnt zu werden, das da zum Vorschein kam. In einer unbeschreiblichen Kombination von Ritual, Tanz, Gebet, Räucherwerk, Gesang, Trommelrhythmus und den urigsten Lauten, die vermutlich je den Kehlen von Mitteleuropäern entlockt worden sind, zerrannen mir alle Bedenken. Und dankbar dafür, daß keine Maske mehr nötig war, ließ ich mich mitreißen in der allgemeinen Bewegung, die er auslöste, indem er herumwirbelte mit seiner Trommel und jede negative Regung verwandelte durch seine Geistesgegenwart.

Mir wurde klar, daß das, was ich gesucht hatte, eine Abgrenzung von den anderen war, daß ich besser sein und über den anderen stehen wollte durch meine Weisheit. Und jetzt sah ich, daß das Glück nicht in der Abgrenzung lag, sondern im Aufgehen in der Einheit des einen Wesens, das wir alle sind. Und dieses Bewußtsein von der Einheit nannte er "Nähe", "Nähe zu Allah" und das Bewußtsein von der Konkurrenz nannte er "Ferne", "Ferne von Allah". Und auf der Nähe, sagte er, sei der Islam seinem Wesen nach gegründet, so wie die Sufis ihn verstehen, nämlich im Sinn des Wortes "Islam", "Hingabe" alles Separaten an das Ganze. Und aus dieser rückhaltlosen Hingabe erst könnten ohne Gefahr wunderbare Fähigkeiten entstehen und wirken, eben aus der Notwendigkeit des Augenblicks heraus, auf die allein der sich Hingebende reagiert. Nun also war ich genau da, wo ich sein wollte. Diese Hingabefähigkeit wollte ich erwerben.

Das Dhikr, also die Erinnerung an diese Wirklichkeit, ging bis weit in die Nacht hinein und endete beim ersten Hahnenschrei mit dem islamischen Morgengebet, bei dem ich nun ohne Widerwillen mitmachen konnte, obwohl die Worte für mich immer noch völlig unaussprechlich waren.

Am nächsten Tag hatte sich der Scheich zurückgezogen, damit jeder der Teilnehmer eine Chance hatte, seine Probleme mit ihm unter vier Augen zu besprechen. Diese Gespräche gingen sehr langsam vor sich, weil er sich für jeden etwa eine Stunde Zeit nahm. Ich wußte davon aber vorerst nichts und wunderte mich darüber, daß es kein Programm gab und wo der Scheich war. Gegen Mittag schließlich rief Mahabba, eine Frau, die schon lange mit dem Scheich war, alle zu einer Übung. Wir sollten die seltsamen Laute, die wir am Vorabend beim Dhikr erzeugt hatten und die offensichtlich nicht nur mir schwergefallen waren, üben. Aber die Übung, mit der sie begann, war so einfach, daß ich mich fragte, warum wir das übten und nicht den komplizierteren Rhythmus, dem ich so schwer hatte folgen können. Es ging im Grund immer nur um die Wiederholung des Wortes "Allah" und des Satzes "La ilaha illallah", kein Gott außer dem Gott, aber umso länger wir das machten im einfachsten Rhythmus, umso mehr erschien es mir als eine Schikane. Und nach einer halben Stunde entfernte ich mich aus dem Kreis, nahm die "Gespräche mit dem Teufel" von Gurdieff und setzte mich in die Sonne. Von ferne hörte ich weiter den Singsang, der gelegentlich variiert wurde und sich nun tatsächlich langsam steigerte in der Schwierigkeit des Rhythmus und in der Faszination, die von ihm ausging. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde gelesen hatte und das Buch immer langweiliger fand, kehrte ich zurück in die Runde. Kurz darauf kam auch Scheich Soltan Ali. Seine Gegenwart entfachte ein unglaubliches Feuer in den Stimmen der Leute. Auch ich konnte mich dem nicht entziehen, obwohl mein Ärger von vorhin mir eine echte Versenkung unmöglich machte. Ich sprach dann später mit dem Scheich über die Schwierigkeit, diese Rhythmen nachzumachen und er sagte: "Wenn du es tust wie eine Geschicklichkeitsübung, ist es sehr schwer. Solange du etwas nachahmst, wird es dir nicht gelingen, aber irgendwann, wenn du bereit bist, wird der Rhythmus dich mit sich fortreißen und wenn du von dir gelassen hast, geht es von selber."

Später fing der Scheich wieder mit seinen Einzelgesprächen an und wir machten etwas, das "Fundament" genannt wurde. Das war eine Übung, die jeder zweimal am Tag machen sollte und die darin bestand, einige der grundlegenden Sätze je hundert mal auf arabisch zu wiederholen, beginnend mit "bismillahirachmani rachim", "Im Namen Gottes, dessen Kraft in allem wirkt, der barmherzig ist". Ich hatte am Anfang keinen Zettel mit dem Text und es war mir fast unmöglich an diesem Rezitativgesang teilzunehmen, weil ich mich an die zu singenden Silben nie erinnern konnte, außer dem kurzen "yäda-ym", "du Zeitloser", das 300 mal wiederholt wurde. Das ganze erinnerte mich zu sehr an den Kindergarten und an das Chanten der Schüler des Zen-Klosters in San Francisco, die im Stockwerk unter mir gewohnt hatten in der LagunaStreet. Das war mir auch immer kindisch und absurd vorgekommen. "Bigotte Idioten" hatte ich immer gedacht und jetzt machte ich selber bei so etwas mit. Zum Glück konnte mich keiner von meinen Freunden hier sehen. Die müßten denken ich wäre übergeschnappt. Das Absurdeste aber waren die eingehüllten Frauen, gerade daß sie nicht einen Schleier trugen, dann wäre das Ganze wenigstens echt exotisch gewesen, aber so sahen sie nur aus wie prüde Klosterschwestern.

An diesem zweiten Tag jedenfalls kam alles heraus, was ungut war und zeitweise drehte sich mir beinah der Magen um. Wenn nicht dieses Dhikr vom Vorabend gewesen wäre... Sobald der Scheich weg war, schien mir, verwandelte sich die Szene in stinkendes Sektierertum.

Am Abend war der Scheich wieder da und er arbeitete hart, die tagsüber freigesetzten Emotionen aufzufangen und den Frieden des Abends vorher wiederherzustellen. In mir gab es einen ungeheuren Kampf zwischen dem Ekel, den die Sekte in mir auslöste, und der Sehnsucht nach Geborgenheit, die ich in der Kraft dieses Mannes erfüllt sah. Ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, aber tagsüber waren meine Gefühle zu sehr beleidigt worden, als daß ich sie jetzt hätte fließen lassen können. Und in diesen inneren Aufruhr sprach Scheich Salah davon, daß er sehen könne, daß einige hier das Paradies schon erfahren könnten. Meine Widerstandskraft war am Zusammenbrechen, aber ich konnte nicht, ich wollte nicht in einen dieser Zombies verwandelt werden, die stumpfsinnig lächelnd, ewig Formeln vor sich her brabbelnd und sich gegenseitig tätschelnd taten, was ihnen von ihrem Herrn und Meister befohlen wurde. Mit einem ungeheuren Gefühl der Wehmut legte ich mich nach dem Dhikr dieser Nacht schlafen.

Der nächste Tag war nicht mehr so schlimm, denn ich kannte das Getue bereits und ich konnte auch bei den gemeinsamen Rezitationen und Gebeten mitmachen, ohne zu fürchten, dadurch vereinnahmt zu werden. Nach dem nächtlichen Dhikr dieses dritten Tages hatte ich meine Sprechstunde mit dem Scheich. Ich schilderte ihm meine Bedenken, besonders was die Rituale und die arabische Sprache betraf, deren Verwendung mir durchaus unnotwendig erschien. Er sagte, ohne dies näher zu begründen, daß die Verwendung dieser Texte in einer Übersetzung sehr schlimme Folgen haben könnte und er bezog sich dabei auf einen Mann in der Schweiz, der das angeblich versucht hatte. Ich erzählte ihm weiters von meinen Indien-Plänen und er riet mir von der Fahrt ab, weil ich nicht wissen könne, unter welchen Einfluß ich dort geraten würde. Er meinte, alles, was ich suchte, könne ich bei den Sufis genauso finden, wie irgendwo im fernen Osten und ich wußte, daß er recht hatte, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich meinen Widerwillen gegen diese islamischen Formen überwinden sollte. Er schlug mir dann vor, statt nach Indien nach Ägypten zu fahren, um von seinen Lehrern zu lernen; zuvor aber sollte ich an seinem Sommercamp in Klanxbüll an der Nordsee teilnehmen, damit er mich besser kennenlernen könne. Ich stimmte dem Vorschlag vorerst einmal zu und erzählte ihm schließlich von den Schmerzen meines Vaters die möglicherweise für mich der ausschlaggebende Grund dafür gewesen waren, daß ich überhaupt hierher gekommen war, denn ich konnte nicht einfach in den Orient fahren und ihn seinem Schicksal überlassen ohne wenigstens vorher alles versucht zu haben, was in meiner Macht stand. Und der Scheich sagte: "Vielleicht haben wir Zeit, bevor wir nach Hamburg fahren, deinen Vater zu besuchen. Du mußt Mahabba fragen, ob es geht, denn, was er braucht, ist eine Massage." Ich sagte: "Er hat schon viele Massagen bekommen und nichts hat geholfen." "Das kommt daher, weil die Masseure die Punkte nicht kennen, auf die es bei so etwas ankommt. Aber ich kenne sie, ich weiß, daß ihm das helfen würde." Damit war das Interview beendet. Am nächsten Morgen fragte ich Mahabba ob eine Fahrt nach Zell am See, also ein Umweg von vier bis fünf Stunden, möglich wäre. Sie seufzte zwar, stimmte dann aber zu und wir vereinbarten, uns am nächsten Morgen in Wien zu treffen und dann gemeinsam zu fahren.

Unser Treffen hier hatte "Chulwat" geheißen, was eine Zeit der Besinnung bei Fasten und Beten bedeutet, und am Anfang hatte man uns gesagt, wir würden die vier Tage nur von Brot, Olivenöl, Rosinen und Nüssen leben, dann aber hat Olaf, ein vegetarischer Koch, doch jeden Abend eine leichte Mahlzeit gekocht. Und zum Abschluß am vierten Tag gab es ein echtes Festmahl mit einigen Gängen. Anschließend wurden wir aufgeteilt zum Hausputz. Dann fuhren wir ab, ich wieder mit Regine, bei der ich auch übernachtete. Am Abend rief ich von ihr aus meine Eltern an und sagte meinem Vater, der inzwischen wieder zu arbeiten begonnen hatte, trotz unverändertem Zustand, er müsse sich unbedingt den morgigen Nachmittag frei nehmen. Meine Eltern wußten nichts davon, daß ich zu einem Sufi-Treffen gefahren war und sie waren sprachlos, als ich ihnen erzählte ein echter Scheich würde sie am nächsten Tag besuchen und meinem Vater eine Massage geben. Meine Eltern hatten damals auch "Ich ging den Weg des Derwisch" gelesen, in dem auch jemand von einem Sufi geheilt wird, aber daß nun einer zu ihnen kommen würde, hätten sie sich nicht träumen lassen.

"Ja, was soll ich denn da in der Firma sagen? Ich kann ja nicht einfach von der Arbeit wegbleiben!" sagte mein Vater. "Irgendwas wird dir schon einfallen, notfalls mußt du dir eben Urlaub nehmen, das muß ja doch drin sein nach 45 Jahren treuer Dienste, oder?"

Und so fuhren wir am nächsten Tag nach Zell am See. Noch ein Hamburger und eine Münchnerin waren im Auto, die auf diese Weise zurück nach Hause fahren wollten. Nun kamen sie unverhofft zu einem Ausflug. Anfangs schienen die beiden ein wenig eifersüchtig, weil ihnen nun noch jemand beim Scheich Gesellschaft leistete und weil sie eine längere Fahrzeit in Kauf nehmen mußten, aber als die Berge in Sicht kamen, stieg die Laune aller erheblich. Es war herrliches Wetter und der Hamburger hatte noch nie hohe Berge gesehen. Und auch der Scheich war so entzückt, daß er auf der schönen Straße nach Lofer die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 100 km/h ganz vergaß und plötzlich l60 fuhr. Und schon wurden wir von der Gendarmerie gestoppt. Der Scheich kurbelte das Fenster herunter, lächelte und grüßte freundlich und die Gesichter der Beamten lockerten sich auf und sie sagten "ist schon in Ordnung, einen schönen Tag noch". Auch wir wünschten ihnen einen schönen Tag und fuhren weiter.

"Was hast du nur mit denen gemacht?" fragte Mahabba erstaunt, stellvertretend für alle, obwohl ich mich nicht so wundern konnte wie sie.

"Gar nichts", sagte der Scheich, "Ich habe nur freundlich geschaut."

"Ja, so sagst du, aber ich hätte jetzt gezahlt und nicht wenig", sagte Mahabba.

"Vielleicht", sagte der Scheich und lächelte verschmitzt.

Bei meinen Eltern angekommen, gab es wie gewöhnlich für Besucher am Nachmittag Kaffee und Kuchen. Der Scheich trank Tee und Mahabba ermahnte ihn, auch nicht zu viel von dem Kuchen zu essen, der Gesundheit wegen. Wir unterhielten uns und der Scheich fragte meinen Vater nach seinem Rücken.

"Seit Sie da sind, geht es mir schon viel besser", sagte er und demonstrierte tatsächlich eine Beweglichkeit, die er seit Monaten nicht mehr gehabt hatte.

"Jetzt gibt er an und morgen kann er sich nicht mehr rühren", sagte meine Mutter und das wäre tatsächlich typisch gewesen für ihn.

Der Scheich fragte jetzt nach der Geschichte des Leidens und mein Vater erzählte, daß er es genau auf einen Punkt zurückverfolgen könne, wo er im letzten Urlaub am Strand in Jugoslawien einen Kristall aus einem Felsen habe brechen wollen. Dabei habe ihn ein Splitter am linken Unterschenkel getroffen und ihm sei eine Erkenntnis aufgeleuchtet, daß jetzt etwas Schlimmes geschehen sei, weil er die Natur nicht habe in Ruhe lassen wollen. Er erzählte auch wie wir den I Ching gefragt hatten nach der Ursache seines Leidens und der Heilungsmöglichkeit und da hatte es geheißen: "Der Böse trifft ihn am linken Schenkel. Er rettet sich durch ein schnelles Pferd."

"Das schnelle Pferd ist da", sagte der Scheich. "Sie haben ja auch das Buch von dem Engländer gelesen, der den Sufi getroffen hat, da wissen Sie ja schon etwas über unsere Heilmethoden." Und am Ende des Gesprächs bat er um ein Blatt Papier, auf das er nun in arabischer Schrift, wie es schien, all das aufschrieb, was mein Vater ihm erzählt hatte oder vielleicht auch etwas anderes. Jedenfalls faltete er zuletzt das Blatt zu einem kleinen Pack und gab es meinem Vater mit der Aufforderung, es von nun an immer bei sich zu tragen, bis sein Leiden verschwunden sei. Er trug ihm auch noch auf, täglich so oft es ihm ohne Widerwillen möglich sei, den Psalm dreizehn zu lesen und sooft er sich daran erinnerte und es möglich war, sollte er mit voller Stimme und lang gedehnt "Huh" rufen, das arabische "Er", das für Gott gebraucht wird. Dann bat er um Massageöl und verschwand mit ihm ins Schlafzimmer, wo er ihm eine gründlich Massage gab, mindestens eine halbe Stunde lang. Als sie zurückkamen, war der Scheich etwas erschöpft, mein Vater aber schien wirklich neues Leben in sich zu haben. Natürlich sind nicht alle Schmerzen augenblicklich verschwunden, aber von nun an gab es eine stetige Besserung. Mein Vater hat auch die Übungen, die der Scheich ihm aufgetragen hat, täglich ausgeführt und besonders durch das "Huh", sagte er, das er in der Arbeit vor seinen Maschinen ertönen ließ, spürte er eine alles auflockernde Vibration durch den Körper gehen, die seine Schmerzen spürbar linderte.

Der Scheich fuhr nun weg und ich blieb bis zum Beginn des Sommercamps an der Nordsee. Meine Eltern waren tief beeindruckt und auch ich bewunderte diese außerordentliche Persönlichkeit. Nur daß er so sehr auf den islamischen Formen bestand und besonders das mit der arabischen Sprache konnte oder wollte ich nicht begreifen. Vielleicht war er doch noch nicht fortgeschritten genug, dachte ich, um das hinter den Formen Liegende direkt vermitteln zu können. Wie gewöhnlich, wenn ich Zweifel hatte, fragte ich den I Ching. Die Antwort war Kung Fu: "innerste Wahrheit bewegt sogar Schweine und Fische und führt zum Glück. Es wird vorteilhaft sein, den großen Strom zu überqueren" und: "Er ist wie ein Kranich, der in seinem Versteck ruft 'Ich habe eine Menge guter Geister' und seine Jungen antworten aus dem gemeinsamen Bedürfnis des innersten Herzens 'Ich werde an ihnen teilnehmen mit dir'". Das war schon ziemlich eindeutig und als ich eine Woche später nocheinmal fragte, hieß die Antwort bereits: "Der Strom ist überquert" und tatsächlich war ich jetzt entschlossen, die Indienreise zumindest bis Herbst zu verschieben und an dem Sommercamp in Klanxbüll teilzunehmen. Allerdings wurde ich auch gleich vor allzugroßen Erwartungen gewarnt: "Kao Zung schritt zum Angriff auf die Region der Dämonen, aber er brauchte drei Jahre um sie zu unterwerfen".
 
 

Wenige Tage später allerdings erhielt ich einen Brief von Stefan aus Bangkok, der über einen Monat gebraucht hatte. Wäre er normal befördert worden, hätte ich Scheich Soltan Ali vermutlich nie kennengelernt, denn das war die Nachricht, auf die ich vorher so lange gewartet hatte. Jetzt schrieb Stefan ausführlich über seine Pläne für den Sommer und wo ich ihn erreichen konnte. Er schlug vor, wir sollten uns am 15. Juni in Delhi treffen, also in einer Woche. Nach meiner Rückkehr von dem Sufi-Seminar hatte ich einen anderen Brief Stefans aus Delhi vorgefunden, worin er ganz kurz geschrieben hatte, er wäre nun früher als erwartet in Delhi und er würde gleich am Nächsten Tag weiterfahren nach Dharmsala, wo ich ihn bis mindestens Mitte Juni treffen könnte bei einer Adresse, die er angab. Diese Nachricht war so kurz und kühl, daß ich dachte, Stefan habe nur aus Höflichkeit geantwortet und wäre wenig daran interessiert, daß ich wirklich käme, aber dieser verzögerte erste Brief machte mir klar, daß es sich dabei nur um eine Korrektur von Angaben handelte, die er im ersten Brief gemacht hatte. Und so war ich jetzt erst wieder unsicher, ob ich nicht doch sofort nach Indien fahren sollte. Im Reisebüro sagte man mir, ein Flug vor Mitte Juni wäre noch möglich. Wenn ich also augenblicklich begann, meine Sachen zu packen, konnte ich den Termin mühelos schaffen. Zufällig hatte ich an dem Tag auch den afrikanischen Roman "A GrainofWheat" beendet, der meine Gefühle auf Schwarz-Afrika ausgerichtet hatte und so war ich wieder zerrissen. Aber ich hatte mich schon zu sehr auf den Scheich eingestellt, als daß ich mich jetzt unmittelbar in die Wirrnisse einer Reise ins Ungewisse hätte einlassen wollen. Wenige Tage später kündigte ich mein Zimmer. Letzte Zweifel kamen nocheinmal an dem Tag, an dem ich Stefan in Indien hätte treffen sollen, aber jetzt war bereits alles entschieden.

Ich hatte nun alle Hände voll zu tun, meine Angelegenheiten hier zu Ende zu bringen. Vor allem hoffte ich, die Erfahrungen, die nun zu erwarten waren, auch akademisch nutzen zu können, etwa für eine Dissertation in vergleichenden Religionswissenschaften oder einem verwandten Bereich.

Ich sprach mit einigen Professoren der theologischen Fakultät in Salzburg und brachte meinen "Heilswissenschaft"-Artikel mit. Zunächst ging ich zum Professor für ökumenische Theologie, dem sehr gelehrten Benediktinerpater Bernhard. Er war sehr interessiert an meinem Vorhaben und auch an dem Artikel, den ich ihm zu lesen gab und er beklagte sich darüber, wie wenig sich die heutigen Theologen überhaupt für Theologie interessierten, daß alle nur möglichst ungeschoren das Papier zu ihrem Studienabschluß haben wollten - aber leider könne er meine Arbeit nicht als Hauptreferent betreuen, weil er im nächsten Jahr emeritiert würde. Ich brauchte also einen anderen Doktorvater, was natürlich in Salzburg schwierig sei bei so einem Projekt. Ich ging also auch noch zu dem Politikwissenschaftler Schmölz, dem ich vor vielen Jahren einmal eine erste Fassung einer Dissertation über LeszekKolakowki vorgelegt hatte. Aber als ich ihn wiedersah, wußte ich gleich, daß er nicht der richtige Mann für mich war. Er war froh, daß ich ihm sagte ich würde mich erst in einem halben Jahr über seine endgültige Meinung erkundigen und zynisch wie immer, seit ich seiner damaligen Aufforderung nicht nachgekommen war, meine Dissertation erst einmal in einen leichter lesbaren Stil umzuschreiben, wünschte er mir zum Abschied "weiterhin viel Vergnügen". Es mußte ja nicht unbedingt Salzburg sein und außerdem wußte ich jetzt ja wirklich noch nicht, was aus dem Ganzen werden würde.

Ich überlegte auch, ob ich meinen Artikel an eine theologische Zeitschrift schicken sollte, aber dazu war er sicher zu undogmatisch, außerdem war die Zeit schon sehr knapp. Ich begnügte mich also damit, den Artikel an meine Freunde auszuschicken, von denen ich mich damit für einige Zeit verabschiedete.

Mitten in den Trubel meines Aufbruchs hinein schrieb mir Andreas nocheinmal und bat um Aufklärung über einige Dinge, die ihm Schwierigkeiten machten. Daß er mich von nun an nicht mehr erreichen konnte, tat mir leid, aber ich war zuversichtlich, daß er die Hauptdepression jetzt überwunden hatte und nun für einige Zeit wußte, wie er seinen Problemen begegnen konnte. Ich schrieb noch an Stefan und erzählte ihm wie alles gekommen war. Dann packte ich meine Sachen, soweit ich sie nicht bei Alex unterstellen konnte, in das Auto meiner Eltern. Die Schränke in ihrer Wohnung quollen über, als ich versuchte, alle meine Sachen dort unterzubringen, aber ich hatte keine Wahl.
 
 

Als ich Klanxbüll an der Nordsee ankam, waren erst zwei Münchner da, die irrtümlich bereits am Vorabend gekommen waren. Der Ort unseres Lagers war ein alter Bauernhof, der nun hauptsächlich für Therapiegruppen benützt wurde, die einen ungestörten Ort am Land suchten. Und dafür, wie für die Sufis, war er ideal. Da sonst noch niemand da war, unternahm ich mit den Münchnern einen Ausflug nach Sylt. Wir gingen dem Strand entlang und belustigten uns über die weißen Gestalten, die in den Strandkörben der Kälte trotzten, um die dünnen Strahlen der nördlichen Sonne in sich aufzusaugen. Es war zwar Hochsommer und ein wolkenloser Tag, aber hier war es frisch wie im Hochgebirge. Daß ich sogar in Österreich Leute davon hatte reden hören, sie wollten ihren Urlaub auf Sylt verbringen, konnte ich mir jetzt nur damit erklären, daß diese Leute noch nie hier gewesen waren. Aber der Lachs war billig und wir kauften uns eine Menge davon und Brot und Bier und setzten uns auf einen windgeschützten Rasenfleck.

Als wir am Abend wieder zurückkamen, wimmelte es auf dem Hof bereits vor Leuten, aber der Scheich war noch nicht da. Wir Männer wurden angewiesen, unser Lager auf dem Heuboden aufzuschlagen, die Frauen schliefen in kleineren Gemeinschaftsräumen im Haus.

Ich stellte fest, daß sich fast alle bereits kannten. Die meisten waren aus der Hamburger Gruppe des Scheichs, die, wie man mir sagte, schon über fünfzig Mitglieder zählte. Ich kannte bis jetzt niemand. Trotzdem wurde ich von allen Männern, denen ich mich vorstellte mit einer Umarmung begrüßt; das kam mir bei den meisten zu überschwenglich und deplaciert vor. Teilweise hatte ich wieder das Gefühl, in eine sonderbare Sekte geraten zu sein, besonders wenn ich jemand mit Galabia und Turban erblickte, dessen Gesichtszüge mir seinen Aufzug eher als Narrenkostüm erscheinen ließen. Es hatte zwar geheißen, daß wir alle weiße Kleidung mitbringen sollten. "Der Energien wegen", aber was ich zur offiziellen Eröffnung anzog, war einfach, was ich sonst in die Diskothek getragen hätte. Zum Glück war ich nicht der Einzige, der das so auffaßte.

Die Atmosphäre hier war ganz anders als in der Steiermark, wahrscheinlich weil nun schon am ersten Abend doppelt so viele Leute da waren und auch wegen der Weitläufigkeit des Hofs. Der Scheich wohnte überhaupt abseits auf der Wiese in einer Art Zirkuswagen, weil das nach Meinung der Besitzer des Hofs der schönste Raum war. Der Gemeinschaftsraum, in dem wir uns abends und bei schlechtem Wetter immer trafen, war ein umgewandelter Kuhstall und darüber lag der Heuboden, der eins war mit der riesigen Scheune. Dort zu schlafen, war fast wie schlafen unter freiem Himmel, nur ohne Sterne, dafür aber auch geschützt vor Wind und Wetter.

Am ersten Abend war ich sehr müde, weil ich die Nacht vorher im Zug nicht geschlafen hatte, aber speziell die Hamburger dachten nicht ans Schlafen nach dem Dhikr und so lag ich fast die ganze Nacht wach, weil die unten immer wieder anfingen aufgeregt durcheinanderzureden, ein Instrument zu spielen oder zu singen. Als ich gegen acht aufstand, schliefen dann alle, außer einer Mutter, die ihrem Kind ein Frühstück richtete. Ich hatte beschlossen den Ramadan mitzumachen wie die meisten und aß daher nichts, sondern machte einen Spaziergang um das Gehöft. Lange stand ich vor dem ewig geschlossenen Bahnschranken, auf dessen Rohrkonstruktion der Wind wie auf einer Orgel die sonderbarsten Melodien pfiff. Das war die Bahn nach Sylt, die direkt am Hof vorbeiführte, sodaß jedesmal, wenn ein Zug vorüber fuhr, unsere Gespräche in seinem Getöse erstarben. Am Morgen, wie jetzt, waren die Züge in Richtung Sylt vollbeladen mit Autos und leer kehrten sie zurück, am Abend war es umgekehrt.

Als ich zum Hof zurückkam, saßen schon einige in der Sonne vor dem "Speisesaal", einem originell verwandelten Werkzeugschuppen. Ich setzte mich zu ihnen auf einen der dicken Baumstücke, die hier als Bänke dienten. Alle rauchten selbstgerollte Zigaretten und ich bat, mir auch eine machen zu dürfen. Es war eine lustige Schar von Hamburgern, von denen einige den Scheich schon fast ein Jahr lang kannten. Sie wußten daher Bescheid über die Bräuche der Sufis. Ich konnte noch nichteinmal das Gebet, sie hatten schon alle ihre Gebetsketten und machten regelmäßig die Aufgaben, die der Scheich ihnen zugeteilt hatte. Und alle spekulierten eifrig über die Wunder der Mystik und bis in welche Bereiche der Scheich wohl schon vorgedrungen sei.

Um elf begann dann die erste gemeinsame Gesprächsrunde. Wir setzten uns in einem großen Kreis in die Wiese vor dem Wagen des Scheichs. Das Wetter war herrlich, aber kühl wegen des ständigen Windes, obwohl unser Platz durch eine dichte Baum- und Gebüschreihe etwas geschützt war. An anderen Plätzen war es praktisch unmöglich, sich für länger zu setzen. Wenn ich auf meinen Spaziergängen einmal irgendwo rasten wollte, fand ich das nur möglich, wenn ich mich flach auf den Boden legte, sodaß der Wind über mich hinwegfahren konnte. Hier war es erträglich, wir brauchten nur Unterlagen wegen der Nässe des Bodens. Unsere Gesprächsthemen reichten vom Unterschied zwischen Mensch, Tier und Materie bis zum Funktionsprinzip des Gebets. Viele hatten Fragen vorbereitet, aber wegen der Zahl der Teilnehmer konnten nur wenige Probleme besprochen werden. Ich war entsetzt über die Naivität so vieler Fragen und ich hatte große Lust die frömmlerischen Typen durch provokante Thesen zu schockieren, was mir natürlich große Abneigung ihrerseits eintrug. Aber mit denen wollte ich sowieso nichts zu tun haben. Die Geduld des Scheichs war bewundernswert, mit der er die dümmsten Bemerkungen ernst nahm und nie jemand verletzte. Ich hätte viele dieser Leute zum Teufel gejagt, aber deshalb war ja er Scheich und nicht ich. Ich sah, daß ich in dieser Beziehung einiges zu lernen hatte, aber immer wieder erlag ich der Versuchung, an die extra Braven geistige Schläge auszuteilen.

Dabei ärgerte ich mich mehr als sie, die ihre Formen hatten, an die sie sich festhalten konnten und ihre Gesetzestreue, von der aus sie auf mich herunterschauen konnten und ihren angebeteten Scheich, der ihnen versicherte, wie notwendig das war, was sie taten, obwohl er auch meinen Provokationen nicht widersprochen hatte.

Das erste größere Thema, mit dem der Scheich uns konfrontierte, war der Tod. Schon in der Steiermark war er davon ausgegangen, daß ein Mensch erst frei werden konnte, sich hinzugeben, wenn er die Erfahrung des Todes gemacht habe, angesichts dessen nichts mehr eine Rolle spielt als die Hingabe. Er hatte uns damals aufgefordert, uns in einer täglichen Übung unseren eigenen Tod vorzustellen und angesichts dessen unsere Gegenwart neu erleben zu lernen. Jetzt ging er aus von dem Opferfest am Ende des Ramadan und er schlug vor, wir sollten einen Hammel opfern und alle der Schlachtung beiwohnen. Er schickte auch gleich Leute aus, um sich bei den Bauern der Umgebung zu erkundigen, ob wir zu der Zeit einen Hammel kaufen könnten und ließ jemand in Hamburg auskundschaften ob ein islamischer Schlachter die Opferung vornehmen könnte.

Die Vorstellung, die Tötung eines Tieres von der Größe eines Hammels mitansehen zu müssen, war vielen, besonders unter den Frauen, ein Greuel, obwohl sie nichts dabei fanden zum Metzger zu gehen und das Fleisch zu kaufen. Und der Scheich ließ nicht locker. Immer wieder streute er eine Bemerkung zu dem Thema ein und schon waren die Gemüter wieder in Aufruhr. In diese Stimmung hinein brach die Nachricht vom Tod des Hundes vom Hof. Alle mochten ihn, obwohl er schon altersschwach war und dem Trubel lieber aus dem Weg ging. Manche hatten weite Spaziergänge mit ihm gemacht und die waren besonders betroffen, als er eines Morgens am Bahndamm gefunden wurde. Fünfzehn Jahre hatte er hier an der Bahn gelebt und jetzt hatte ihn der Zug überfahren. Das konnte kein Zufall sein, wurde spekuliert, er mußte Selbstmord begangen haben, er muß sich geopfert haben, er muß uns etwas mitteilen haben wollen. Natürlich wurde auch der Scheich gefragt, aber der sah in allen Thesen nur eine Möglichkeit, ohne sich festzulegen.

Bald wurde das Thema nocheinmal anders variiert. Die Leute, die das Haus führten, waren großteils Vegetarier und so war auch die Kost, die sie uns vorsetzten, fast rein vegetarisch. Weil diese Beschränkung aber den Grundsätzen des Islam nicht entspricht und auch wegen seiner persönlichen Vorliebe, drängte der Scheich auf Fleisch. Er sagte, die Übungen, die wir machten, verlangten hohe Konzentration, daher brauchten wir eine eiweißreiche Kost. Natürlich gab es auch unter den Teilnehmern Vegetarier und nun entzündete sich das Gespräch von Neuem an der Frage, ob Menschen das Recht hätten, Tiere zu töten, bzw. in Gefangenschaft zu halten, um sie erst auszubeuten und dann zu essen. Der Scheich meinte, jeder müsse einmal sterben und die Natur habe ihre Agenten, die das Töten besorgten und die Menschen wären eine dieser Arten. Wenn sie es nicht täten würde etwas anderes die Aufgabe übernehmen, vielleicht eine Dürre, ein Erdbeben, eine Seuche, Raubtiere usw. Auch die Kriege erfüllten so eine Funktion für die Menschen. Und so wurde der Tod immer wieder ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gestellt.

Parallel dazu liefen natürlich die Diskussionen über islamische Antworten zu den Fragen der Teilnehmer, von denen sich viele der Sache durchaus noch nicht verschrieben hatten und sich daher nicht scheuten kritische Fragen zu stellen. Immer wieder tauchte da die Frage nach der Stellung der Frau im Islam auf: warum sie im Gebet hinter den Männern stehen müsse, warum ihre Zeugenaussage vor Gericht geringer bewertet werde als die eines Mannes, warum sie bei der Erbschaft mit einem geringeren Anteil bedacht werden, warum sie nicht mehrere Männer haben könne wie der Mann mehrere Frauen usw.. Der Scheich erklärte, daß alle diese Unterschiede auf die natürlichen Funktionen von Frauen und Männern zurückzuführen seien. Andere Fragen der islamischen Rechtsprechung, wie das Handabhacken für Diebstahl erklärte er im Zusammenhang mit der islamischen Gesellschaftsordnung, in der so eine Maßnahme praktisch gar nicht zur Anwendung käme, weil durch das Gebot der Armensteuer und des Almosengebens auch für die Ärmsten gesorgt würde. Auf Argumente über die Bräuche in Saudi-Arabien antwortete er, daß dieser Staat nur nominell islamisch sei, die islamische Ordnung aber längst außer Kraft gesetzt habe.

Für die Zeit, die nicht mit gemeinsamen Veranstaltungen ausgefüllt war, gab der Scheich Übungen. Meistens waren es koranische Namen Gottes, mit denen wir arbeiten sollten. Wir sollten sie ständig wiederholen und dabei die Gedanken und Gefühle beobachten, die sie in uns auslösten. Einer dieser Namen, zum Beispiel, war "yä wakil", Du Beschützer, Vormund.

Nach etwa zwei Wochen faßte ich meine Erfahrungen in einem kurzen Text zusammen, den ich bei einer der Fragestunden vorlas, um festzustellen, wie weit meine Empfindung übereinstimmte mit dem Zweck unseres Unternehmens: "Die Religion ist eine Sprachregelung zur Ordnung und Beherrschung des Universums. Gott ist alles auf einmal. Wir brauchen einen Filter, wenn wir seine, das heißt unsere, ewige Gegenwart schauen wollen. Die Methode des Eintauchens in die Gegenwart besteht in der Hingabe - aber sie setzt eine bewußte Auswahl voraus und die Erklärung alles dessen, was nicht in diese Wahl paßt als satanisch. Zuerst wird notwendig das, was wir zulassen können, nur ein winziger Spalt sein, der sich dann durch Übung weiter öffnen läßt. Zuerst aber müssen wir ein unerschütterliches Auswahlsystem festlegen, durch das automatisch nur das, was wir erklärtermaßen vertragen, durchgelassen wird: die Religion, das Glaubenssystem. Wenn das fest in uns verankert ist, können wir uns dem Einfluß des Alls öffnen und dann immer weiter aufmachen - wenn wir dann die freiwillig auferlegten Scheuklappen noch als solche erkennen können, wenn wir uns durch unsere vorhergehende Gehirnwäsche nicht selber beschädigt haben."

"Wie nennst du das, was dir da eingefallen ist?" fragte der Scheich. Ich wußte nicht, was er meinte, "Es ist dir doch während deiner Übungen eingefallen, nicht?"

"Ja".

"So etwas nenne ich eine 'Gedankenpause'"

Als er das sagte, konnte ich damit nichts anfangen. Erst viel später ist mir klar geworden, daß es wirklich genau das war, was Castaneda 'Einstellen des inneren Dialogs' nannte. Ich hatte eine Fülle solcher Erfahrungen, aber mir war nichts besonderes daran aufgefallen, deshalb konnte ich es nicht benennen. Erst als es viel später wieder geschah, begriff ich, was der Scheich gemeint hatte.

Außer den Mantras und dem allabendlichen Dhikr führte uns der Scheich auch in die Geheimnisse des Derwischtanzes der Maulaui-Tarieqa ein. Reshad Feild hatte davon gesprochen und auch von Nicht-Moslems wie Bhagwan wird dieser Tanz als Methode benützt. Unter den Teilnehmern waren übrigens auch einige Schüler von Bhagwan, die fanden, daß Scheich Soltan Ali in Deutschland ihrem Meister am nächsten kam - es hat dann auch Übertritte gegeben - aber zurück zu unserem Tanz. Wir stellten uns alle in einem großen Kreis in der Wiese auf, zogen die Schuhe aus und begannen, uns im Rhythmus der Trommel zu drehen, den rechten Arm vorgestreckt, die Hand nach oben weisend um die Energie von oben zu empfangen, den linken Arm nach unten gestreckt, die Handfläche zur Erde hin offen, um die Energie zu ihr hin abfließen zu lassen. Der Körper bildet die Achse, mit dem rechten Fuß an einem Punkt verankert, während der linke für den Antrieb sorgt. Nun sollten wir uns so in die Drehung versenken und dabei den Namen "Allah" wiederholen, daß wir uns selber völlig vergaßen. Natürlich fiel ich gewöhnlich eher über ein Grasbüschel, als daß ich in Trance geraten wäre, aber ein wenig konnte ich schon sehen, wohin das führte.

Es ging in allem immer um die Einführung eines Bezugssystems, durch das hindurch die Gegenwart in ihrer ganzen Fülle erlebt werden konnte. Ohne solche Hilfe total in der Gegenwart war der etwa achtjährige Sohn des Scheichs AbdelNasr, der zusammen mit seinem kleineren Bruder hier mit uns den Großteil seiner Ferien verbrachte. Seine Mutter ist Koreanerin, die erste Frau des Scheichs, die inzwischen getrennt von ihm in Süddeutschland lebte. Der kleinere von den beiden war zu sehr Nesthäkchen, um voll zu begreifen, was um ihn her vorging, aber Abdel Nasr war voll da, ganz gleich was lief. Eines Tages begann er sogar mit den Mantras und erzählte stolz, daß er schon soundsoviele tausend gezählt hatte mit seiner Kette. Nur seine Freunde von der Schule fehlten ihm. Er erinnerte mich in vielem an Oliver, den Sohn von Stefan, der auch getrennt von seinem Vater lebt, aber genau in seiner Linie nachfolgt.

Gelegentlich waren auch noch die Kinder von der zweiten Frau des Scheichs da. Den jüngeren von den beiden Buben, so hörte ich später, hatte der Scheich als seinen Nachfolger ausersehen; aber das war ein richtiger Flegel, der ständig irgendwelche Aggressionen abreagierte. Er war erst etwa fünf Jahre alt, aber imstande eine Schar von Erwachsenen zu tyrannisieren. Die beiden Buben wohnte mit ihrer Mutter und einer noch sehr kleinen, aber immer vergnügten Schwester in einem Wohnwagen und tauchten immer nur tageweise auf. Daß noch eine dritte Frau des Scheichs mit uns hier war, habe ich erst nach Wochen erfahren, weil sie sich so einfügte in den Kreis der übrigen Teilnehmer, daß nur die Eingeweihten ihre Position kannten.

Die meisten Teilnehmer wechselten jede Woche, nur wenige blieben die ganze Zeit über wie ich. Hauptsächlich waren sie aus Hamburg und Berlin, allerdings kamen auch einige aus Süddeutschland und Österreich. Natürlich suchten auch alle wieder, den Scheich unter vier Augen zu sprechen, wodurch er den Großteil des Tages beschäftigt war, und nach einigen Wochen schien er gelegentlich ziemlich erschöpft. Nur beim Dhikr entfaltete er jede Nacht ganz unglaubliche Energien, wenn er mit seiner Trommel herumwirbelte und sang und alles tat um uns in Ekstase zu versetzen. Als zu der Zeit der Scheich einmal ein separates Dhikr mit den Frauen machte, schickte er uns Männer in einen anderen Raum, wo wir versuchen sollten, etwas von den Schwingungen aufzufangen, die von den Frauen dabei ausgesandt wurden. Irgendwie kamen wir dabei auf die Müdigkeit des Scheichs zu sprechen und einer übertraf den anderen darin zu betonen, daß der Scheich sich total aufopfere, daß er nachts nicht schlafe, sondern ständig da sei für alle, die ihn sprechen wollten, auch außerhalb der Zeiten, für die sie sich gemeldet hatten. Und es war richtig, daß er sehr viel Arbeit hatte: Da war eine Querschnittgelähmte, der er mindestens zweimal am Tag Massagen gab, da war eine völlig willenlose Frau, die in einer Nervenheilanstalt so heruntergekommen war, daß sie kaum noch gehen konnte, weil ihr die Energie dazu fehlte, da waren hysterische Groupies, die, in den Scheich verliebt, ständig auf eine einladende Geste von ihm warteten und ihm überall auflauerten, und dann die gewöhnlichen Teilnehmer, die auch einige Probleme zu besprechen hatten. Aber all das schien mir nicht ausreichend, die Müdigkeit des Scheichs zu erklären. Die anderen hätten mich am liebsten gefressen, als ich ihre Aufopferungsthese angriff und ihnen die Zeiten für alle Aktivitäten des Scheichs in dem Zusammenhang vorrechnete und dabei auf ein sogar für einen Durchschnittsbürger erträgliches Maß kam und daher schloß, der Energieverlust müsse von wo anders herkommen. Ich fand die Selbstaufopferungsthese der andern hysterisch, wußte aber auch nicht, woher das Problem kam. Auch als der Scheich selber verkündete, daß einige seiner Schüler gegen ihn intrigierten und behaupteten, vom Großscheich der Tarieqa in Khartoum komme kein Mädet mehr, weil Soltan Ali zu sehr seine eigenen Wege gehe, brachte ich das nicht in Zusammenhang mit seiner Müdigkeit, die mir auch gar nicht aufgefallen wäre, wenn ich mich nicht daran erinnert hätte, daß er in der Steiermark und auch zu Beginn des Camps hier in Klanxbüll viel energiereicher gewesen war. Es hieß, man werfe ihm vor, für seine Veranstaltungen Geld zu verlangen, anstatt alles allein durch Spenden zu bestreiten. Aber wie sollte er denn eine Sache wie die hier allein durch Spenden finanzieren? Es konnte doch jeder für seinen Anteil der Kosten aufkommen, wo die doch ohnehin kaum höher waren als das, was jeder in der Zeit auch zu Hause brauchen würde. Ich konnte den ganzen Disput nicht verstehen und ihn mir nur so erklären, daß manche in der Tarieqa den Scheich um seine Popularität beneideten. Viele seiner Schüler waren Psychotherapeuten und arbeiteten auf einer ähnlichen Ebene, da konnte es schon vorkommen, daß einer ihn beneidete, weil der Scheich ohne psychologische und therapeutische Ausbildung diese Dinge beherrschte, während sie selber größte Mühe hatten. Ich habe zu der Zeit auch nicht versucht, genaueres über das Problem zu erfahren, weil ich es für lächerlich hielt. Für mich war seine Müdigkeit einfach ein Tief, wie jeder es erfährt und bei einer siebenwöchigenMonsterveranstaltung wie dieser war das ganz natürlich.

Ein sonderbarer Zwischenfall ereignete sich in dieser Zeit, als der Scheich einem Mann die Leitung desDhikr übertrug, der in Abwesenheit des Scheichs die Berliner Gruppe führte. Das Dhikr war im vollen Gang, als der Scheich sich setzte und dem Berliner deutete seine Stelle zu übernehmen. Norbert aus Hamburg trommelte, und in dieser Nacht magischer wie je zuvor. Zusammen mit dem urrhythmischen Fluß der teils dumpfen, teils gellenden Schreie, in die sich der Atem bei der ständigen Wiederholung des Namens Allah verwandelte, entstand da ein Konzert, dem sich der Körper nicht entziehen konnte. Wie schon lange nicht mehr, war ich mit jeder Zelle meines Körpers in den schwingend tanzenden Bewegungen des Dhikr. Und da, als ich ganz eins war mit dem Fluß aller, trat dieser Spitzbauch aus Berlin vor, legte seinen Arm auf die Trommeln und schrie: "Schluß! Das ist Disco und kein Dhikr!" Eisiges Schweigen zog in den Raum und es dauerte eine Weile bis der erste sich so weit von dem Schock erholt hatte, daß er fragen konnte, wie der Mann denn dazu komme, das Dhikr abzubrechen. Nun erst erfuhren wir von dem stillschweigenden Führungswechsel. Viele wollten nun das Problem diskutieren, auch der Scheich selber, so schien es, hätte gern darüber gesprochen, aber der Berliner wollte nicht und die Partei der Frommen pflichtete ihm bei, als er sagte, es wäre besser, erst am nächsten Tag darüber zu sprechen, wenn die Emotionen sich gelegt hätten. Und so gingen wir zum Frühstück.
 
 

Mir war schon beim Abendessen aufgefallen, daß Ismet äußerst gereizt war, aber das Ereignis hatte nun seine Stimmung verändert. Als ich nach dem Frühstück zu ihm sagte, ich meinte, er hätte eine Discophobie und er sollte doch einmal in eine Disco gehen, damit er begreife, was dort geschieht, meinte er es sei schon möglich, daß es da bei ihm etwas aufzuklären gäbe. Am nächsten Tag sagte er dann, er habe gespürt, daß ein Dschinn in die Trommel gefahren sei, denn die Trommel habe, was sie nicht dürfe, die Führung des Dhikr übernommen und sei dann immer ekstatischer geworden und er habe keinen anderen Ausweg gewußt, als das Ganze zu stoppen. Er kritisierte dann einige Dinge, die der Scheich beim Dhikr zulasse und der Scheich sagte, dieses Camp hier sei nicht nur eine Veranstaltung der Tarieqa, es stehe allen offen und diene vor allem dazu, jedem Teilnehmer Gelegenheit zu geben, die Dinge, die die Sufis benutzten, zu erfahren, und zwar unter unterschiedlichen Bedingungen, denn nur so könne man lernen, die Einflüsse zu unterscheiden, und aus eigener Erfahrung feststellen, was von Dschinns kommt und was von Engeln. Ich erzählte, wie ich meine ersten echten Gotteserfahrungen gerade in Diskotheken gemacht hatte und daher diese Diskrimination des Discos nicht gut fand. Auch andere hatten das dem Scheich schon gesagt; er sagte, es sei immer nötig, allen Möglichkeiten gegenüber offen zu bleiben. Ich habe Ismet später besser kennengelernt und fand, daß er ein außerordentlich liebenswürdiger und ziemlich vorurteilsfreier Mensch ist.

Etwa drei Wochen nach Beginn des Camps hatte ich auch einen Termin mit dem Scheich, denn ich wollte mit ihm besprechen wie ich eine Ausbildung der Art erhalten konnte, wie er sie genossen hatte. Er meinte, wenn ich aus finanziellen Gründen nicht hier in Deutschland bleiben wollte, wäre es das Beste, nach Kairo zu gehen und dort an der Azhar Universität zu studieren. Von da aus könnte ich dann Kontakt aufnehmen zu den Scheichs, die auch seine Lehrer gewesen seien. Ich sollte mir meine Zeugnisse schicken lassen und er würde für mich das Gesuch an die Azhar Universität schreiben um einen Studienplatz. Damit verging unser Gespräch in einer geschäftsmäßigen Atmosphäre und ich konnte die ganze Zeit das Gefühl nicht loswerden, daß zwischen uns ein unausgesprochenes Problem bestand. Mir scheint, ich versuchte ein Interesse vorzutäuschen, das ich im Grunde gar nicht hatte. Schon zu Beginn fragte ich ihn "Wie geht es dir?" und er sagte: "Gut, wenn ich nicht an morgen denke". Und hier schon fragte ich nicht weiter, denn alles, was ich wissen wollte war, wie konnte ich seine Fähigkeiten erlangen, was mußte ich tun, um die Leute ebenso zu begeistern, wie er es tat. Aber das sprach ich nicht aus, statt dessen erkundigte ich mich nach einer Ausbildung in Ägypten und so blieb unsere Beziehung immer durch etwas Unausgesprochenes aber Offensichtliches unterbrochen.

Kurz darauf gab es die Hochzeit von Omar und Kariema. Beide waren schon lange in der Tarieqa und Omar hatte hier so etwas wie die Funktion des Stellvertreters des Scheichs. Er übernahm die formalen Dinge, mit denen der Scheich nicht belastet werden sollte. So erklärte er mir und anderen das islamische Gebet, er war der Spezialist für Fragen der Riten. Kariema lernte ich eigentlich erst nach der Hochzeit kennen, aber alle, die sie kannten, schwärmten von ihr und ich sah dann, daß sie recht hatten, denn Kariema ist ein Engel an Freundlichkeit, Wärme und Einsicht. Omar war zu beneiden um so eine Frau. Und dementsprechend verlief auch die Hochzeit. Alle freuten sich mit den beiden auf so natürliche Weise, daß eine Feststimmung aufkam, wie ich sie zuvor noch nicht erlebt hatte. Eine ungeheuer leichte Heiterkeit lag in der Luft, niemand brauchte sich anstrengen um sich irgendjemand gegenüber herauszustreichen und doch gab jeder, was er hatte, so auch die beiden, die ein Festmahl gaben, daß sich die Tische gebogen hätten, hätten wir nicht in orientalischer Manier am Boden gegessen. Und obwohl ich so viel gegessen hatte, daß mich sonst der Magen gedrückt hätte, kamen mir die verzwicktesten 'Rhythmen des Dhikr nachher so leicht aus der Kehle, daß ich mich nur noch wunderte, und ich begann, etwas zu ahnen von dem Unterschied zwischen der erdigen Kraft der Dschinn und der himmlischen Leichtigkeit der Engel. Damals habe ich natürlich nicht darüber nachgedacht, aber jetzt ist es als Erfahrung in mir.

In diese Zeit fiel auch mein Chulwat in Raven. Der Sufi-Verein, den Scheich Soltan gegründet hatte, hatte in der Nähe von Hamburg ein Haus gemietet, in dem es noch einige Renovierungsarbeiten zu erledigen gab, damit es am Ende dieses Camps eröffnet werden konnte. Es wurden Freiwillige gesucht, die für einige Tage hinfuhren, um dort zu arbeiten und die dann unter Chulwat-Bedingungen einige Zeit mit Meditation und Gebet verbringen sollten. Das bedeutete völlige Isolation mit Ausnahme der Gebete und der Mahlzeiten und Fasten, die Nahrung war Brot, Öl und Nüsse, und nur zwischen Abend- und Morgengebet wegen des Ramadan; sowie Wachen, d.h. nach Möglichkeit nur zwei Stunden täglich schlafen, höchstens aber vier. Der Scheich gab jedem eine Sonderaufgabe für seine Meditation. Ich sollte mit dem Gottesnamen "yä alim" arbeiten, "du Allwissender", wenn mir meine anderen Gebetsaufgaben dazu Zeit ließen. Außerdem traf es mich, den Gebetsruf zu machen. Daher mußte ich unter allen Umständen rechtzeitig wach sein. Und das Wachen war der Teil, der mir am schwersten fiel. Stundenlang ging ich im Zimmer hin und her oder ich lief im Kreis, nur um nicht einzuschlafen und die Gebetszeiten nicht zu übersehen. Und fünf mal am Tag stellte ich mich dann in die Halle und versuchte, den Gebetsruf arabisch klingen zu lassen, aber was kam, war höchstens gregorianischer Choral und so wurde das Sufi-Zentrum in Raven ungewollt mit christlichen Melodien eingeweiht.

In meiner Meditation über das yä alim hatte ich zwar keine neuen Erkenntnisse, aber das, was ich schon wußte, kam klar und prägnant: "Yä alim, alles ist drin im Allwissenden. 'Ich' und 'Du' oder sonstwas sind nicht Teile der Einen, sondern Aspekte. Das ist der Grund wahren Wissens. 'Wissen' ist das (Bewußtsein des) Alles-im-Nu. Das Wissen von den Namen und Zahlen, also das lexikalische, wissenschaftliche, ideologische, religiöse und auch das Erfahrungswissen, erübrigt sich darin, weil die Schau, das 'Sehen'Castanedas, die vollständige Wahrnehmung des Augenblicks, die Not-Wendigkeit offenkundig macht und die not-wendige Kraft enthält, aus sich, dem Einen Wesen. Der Allwissende ist die Automatik, die jeden von uns und alles steuert, jeden entsprechend seinem Glauben.Die Entfremdeten sind dieser Automatik im Schlaf näher als im Wachen, daher sind die Träume die besten Wegweiser."

Nach unserer Rückkehr nach Klanxbüll benutzte der Scheich eine Gemeinschaftssitzung, um unsere Erfahrungen mit allen zu besprechen. Ich hatte in diesen drei Tagen viele mehr von den täglichen Gebeten der Sufis gemacht wie sonst. Unter anderem gibt es da eine Übung, durch die man sich mit der Kette der Scheichs verbindet, die zurückreicht bis Mohammed und mit ihm über ihn hinaus, die Kette der Propheten zurück bis Adam. Und diese Übung hatte mir am meisten Schwierigkeiten gemacht. Als ich an der Reihe war, berichtete ich darüber und fügte hinzu: "Mir kommt vor, diese Kette ist nicht meine Kette."

Der Scheich antwortete darauf: "Ist das keine Erkenntnis?' Meines Erachtens hätte er auch sagen können: 'Der Sufi-Weg ist eben nicht dein Weg', aber um diese Konsequenz nicht wahrhaben zu müssen, sagte ich:

"Ich kenne diese Leute nicht, die da auf der Liste stehen.

"Dann mußt du eben mit jemand reden, der ihre Adressen hat. Es sind einige hier. Dann kannst du sie besuchen und kennen lernen."

Und damit war mein Fall erledigt. Eine hatte in diesen Tagen mit ihrer verstorbenen Mutter Kontakt aufgenommen, andere hatten bei unserem nächtlichen Dhikr Geister gesehen, meine Erkenntnisse waren eher nüchtern.

Bald nach unserer Rückkehr kam das Gerücht auf, wir alle würden in wenigen Tagen nach Raven übersiedeln und die letzten zwei Wochen des Camps dort verbringen. Logischerweise waren die Leute, die den Hof in Klanxbüll betrieben, bestürzt, denn das bedeutete für sie einen plötzlichen unfreiwilligen Urlaub und natürlich Verdienstausfall, obwohl der Scheich eine entsprechende Entschädigung anbot. Erst entstand eine heftige Kontroverse, in der der Scheich äußerst hart verhandelte, dann aber gab es doch eine für alle befriedigende Lösung und wir fuhren zum Ende des Ramadan nach Raven, um dort das Fastenbrechen zu feiern und gleichzeitig das Haus offiziell zu eröffnen.

Als wir ankamen, waren noch einige Arbeiten zu erledigen, die nun schnell gemacht waren. Dann liefen die Vorbereitungen für das Fest auf Hochtouren. Zwei ganze Hammel wurden gebraten und es gab jede Menge anderer Köstlichkeiten. Etwa hundertfünfzig Leute kamen, von denen ich inzwischen viele kannte. Natürlich kamen auch die Nachbarn und sogar die Tochter des Erbauers des Hauses, sowie eine ägyptische Diplomatenfamilie und Politiker des Landkreises. Und vor all diesen Leuten machten wir am Nachmittag ein Dhikr, bei dem der Scheich einen unvergleichlichen Derwischtanz aufführte. Am Abend, als die Gäste gegangen waren, gab es noch ein zweites Dhikr.Gunda, die schwarze Lady, die schon in der Steiermark der Star unter den Teilnehmern gewesen war, versuchte, das ganze auf Videoband festzuhalten, aber für den riesigen Kreis gab es nicht genug Licht. Wir hatten uns auf der Wiese vor dem Eingang aufgestellt und der Kreis war so groß, daß man auf der einen Seite nicht mehr hören konnte, was auf der andern vor sich ging. Im Bereich des Scheichs, der sich mit seiner Trommel im Kreis gegen den Uhrzeiger bewegte, ging das Dhikr stark, aber wo man ihn nicht mehr hören konnte, veränderte sich der Rhythmus langsam, bis er schließlich zusammenbrach und neu beginnen mußte, wenn der Scheich wieder in Hörweite kam. Trotzdem war das Ereignis getragen vom Willen nach Einheit und Hingabe.

Was der Scheich von Anfang an immer wieder gesagt hatte, nämlich daß jede Äußerung eines Menschen - und sei sie noch so widerlich - im Grunde nur Ausdruck der tiefsten menschlichen Sehnsucht überhaupt sei, nämlich des Wunsches nach Nähe zu allen und allem, war inzwischen bei uns allen zu einem festen Bestandteil unserer Erfahrung geworden, wenn auch jeder von uns immer wieder irritiert wurde durch die Justamentstandpunkte "der anderen", die man in eben dem Augenblick selber schon wieder vertrat und sich damit aus dem Bewußtsein der Einheit und Nähe hinauskatapultierte "in die Finsternis, in der Heulen und Zähneknirschen herrscht" und von neuem mit dem eigenen Eigensinn kämpfen mußte, um wieder hineinzukommen. Das war die Essenz des Islam und der Scheich lebte sie uns meisterlich vor und immer wieder wies er uns darauf hin, daß die anderen Religionen auch nichts anderes wollen.

Was mich in diesen Wochen immer wieder irritierte, war die Tendenz zu bigotten Auswüchsen, durch die ich mich in meinem Versuch gefährdet sah, alles rational zu betrachten, was bei den Sufis vor sich ging. Für mich war es wichtig, dogmatische Behauptungen nicht einfach unbesehen zu akzeptieren, denn im Gegensatz zu vielen hier war ich von der Kraft des Scheichs nicht hypnotisiert. Und wenn ich die dogmatischen Aussagen genau betrachtete, konnte ich immer einen guten Grund für sie finden, ohne sofort auf das Mysterium göttlicher Offenbarung zurückgreifen zu müssen. Nach der langen Zeit mit diesen Leuten kam nun in Raven der Punkt, an dem ich mein Unbehagen formulieren mußte und ich adressierte die heilige Versammlung mit einem Statement "Über die Häresie der Religion". Jetzt erst sehe ich, daß es viel mehr an mich selber gerichtet war, als an die anderen, wenn ich darin zum Beispiel schrieb: "Die Häresie der Religion ist der Glaube, daß der Weg zum Heil für alle die Religion sei. Ein Räuber kann der Einheit mit Gott unter Umständen näher sein als ein Gläubiger , der meint er könne sich den Himmel durch fromme Rituale verdienen, denn die Religion ist der Weg nur für die Religiösen, für die Physiker ist es die Physik, die Musik für die Musiker und das Wühlen für die Wühlmäuse. Wer immer sein Leben ganz und gar einsetzt für das, was er als seine Aufgabe sieht, ist dort, ob mit oder ohne Religion - oder wie Jesus sagte: 'Nicht wer sagt 'Herr, Herr' wird in den Himmel kommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut'." Ich empfand den AIleinseligmachungsanspruch von manchen, die so superfromm waren, als abschreckend für alle, die Gott nicht unbedingt in Gebäuden oder Verbeugungen zu finden hofften.

Der Scheich jedoch gewann alle durch sein Verständnis für alle diese Schwächen, durch die wir einander so schwer ertragen konnten.
 

WEITER

    Inhaltsverzeichnis
0: Vorwort
2: Der Lehrer wird getötet und die Reise beginnt
3: Die Fahrt
4: Bei den Schülern des Lehrers des Lehrers
5: Die Deutschen kommen
6: Der Geburtstag von Sydna el Hussein
7: Der Scheich wird erwartet
8: Maulana
9: Was nun?
l0: Meine Fragen
11: Die Antwort
Verzeichnis der arabischen Ausdrücke

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